Rosenheim – Wer hat es in der Schule nicht gemacht? Durch ein Filzstift-Röhrchen mit Spucke geformte Papierkügelchen auf die Mitschüler gepustet. Das daraus Jahre später eine Sportart entsteht, hat wohl niemand geahnt. Das Filzstift-Röhrchen wurde zwar durch ein Aluminiumrohr ersetzt und aus den Papierkügelchen wurden Nadelpfeile, aber das Prinzip ist das Gleiche geblieben.
Sportleiter Adalbert Meishammer von der Königlich privilegierten Feuerschützengesellschaft Rosenheim (FSG) will mich mit seiner Begeisterung für das Blasrohrschießen anstecken. „Das Schöne an dem Sport ist, dass die ganze Familie daran teilnehmen kann. Buben, Mädels, Omas und Opas kommen bei uns zusammen. Es geht kunterbunt zu“, erklärt Meishammer. Bevor er mir ein Blasrohr in die Hand drückt, gibt es noch ein paar mehr Informationen. „Wer eine Kerze ausblasen oder einen Kirschkern spucken kann, erfüllt alle Grundvoraussetzungen“, fährt Meishammer fort. Ich denke kurz nach und probiere, mich an das letzte Mal Kirschkern-Spucken zu erinnern. Spontan fällt mir nichts ein und ich bin mir deshalb nicht sicher, ob ich für das Blasrohrschießen auch wirklich geeignet bin.
Gesundheitsfördernd und für die ganze Familie
„Der Sport steigert zum einen die Konzentrationsfähigkeit und vergrößert zum anderen das Lungenvolumen“, ergänzt er. Gegen eine vergrößerte Lunge hätte ich nichts einzuwenden und auch die verstärkte Konzentrationsfähigkeit könnte durchaus hilfreich sein. Meishammer zieht mich immer mehr in den Bann der doch eher unbekannten Sportart.
Der Erste Schützenmeister Rudi Thaller kommt zu unserem Gespräch hinzu und auch er zeigt sich begeistert: „Ich schieße besser mit dem Blasrohr als mit dem Luftgewehr“, scherzt Thaller und fügt hinzu: „Ich kann zuhause üben, da es keine Vorschriften einzuhalten gilt. Es ist eine einfache Sportart, ohne großen Aufwand“.
Das Besondere beim Blasrohrschießen: Man braucht alle Fertigkeiten, die auch beim Schießsport benötigt werden. Ohne jegliche Erfahrungen im Schießen macht sich in mir eine gewisse Nervosität breit.
Erich Seiffert ist dafür verantwortlich, mir die Technik zu erklären. „Ich war vorher beim Bogenschießen und bin nur durch Zufall zum Blasrohrsport gekommen“, erklärt er. Seiffert zeigt sich fasziniert von der Sportart, unter anderem auch deshalb, weil er sie mit seinem Enkel betreiben kann. „Ich kenne keinen Sport, der so wenig kostet“, ergänzt er. Das Blasrohr, inklusive einem Satz Nadelpfeile, kann man beispielsweise für 30 Euro im Spezialversandhandel erwerben. „Liebhaber holen sich ein Aluminiumrohr im Baumarkt, bauen es selbst und gestalten es auch“, fügt Meishammer hinzu. Einige dieser Blasrohr-Unikate werden mir stolz vorgeführt und ich bin beeindruckt von der Kreativität und Fingerfertigkeit der Mitglieder.
Seiffert gibt mir ein Blasrohr, dass ungefähr 1,60 Meter lang ist und einen Durchmesser von zehn Millimetern hat. Ungewohnt liegt das Aluminium-Gebilde in meiner Hand. Es ist leichter als erwartet. Die Pfeile reicht mir Schützenmeister Rudi Thaller. Die zwei Profis erklären mir Schritt für Schritt den Ablauf: „Luft holen, Ziel anschauen, Rohr gegen den Mund pressen, Rohr in Richtung Ziel halten und dann ein kurzes, kräftiges Ph! machen.“ Einfacher gesagt als getan. Seiffert pfeift. Ein Pfiff bedeutet, dass man die Ausrüstung aufnimmt und sich an der Schützenlinie positioniert. Der zweite Pfiff signalisiert den Beginn der Schießzeit und damit meinen ersten Versuch im Blasrohrschießen.
1,60 Meter lang mit Durchmesser von zehn Millimetern
Das Standardziel hat einen Durchmesser von 18 Zentimeter, ist in sechs konzentrische Ringe eingeteilt und für meinen ersten Versuch fünf Meter von mir entfernt. Ich fixiere den gelben Mittelpunkt. Wie ein Mantra wiederhole ich die einzelnen Schritte, presse das Rohr gegen meinen Mund und befördere den Pfeil ins Weiße. „Immerhin die Tafel getroffen“, scherzt Thaller. Vom Ehrgeiz gepackt, verlange ich nach einem zweiten Pfeil und versuche es erneut. Diesmal klappt es besser und ich treffe ins Blaue. Zehn Schuss hat ein Durchgang, bevor drei Pfiffe ertönen, die bedeuten, die Ausrüstung abzulegen und sich seine Treffer genau anzuschauen und aufzuschreiben.
Thaller und Meishammer bewerten meine Versuche und sind sich einig: „Nicht schlecht für das erste Mal“. Schnell wird die Tafel samt Zielscheibe zwei Meter weiter nach hintengestellt. Ich positioniere mich erneut hinter der Schützenlinie und warte auf den Pfiff. Pfeil für Pfeil befördere ich durch das Blasrohr. „Bisschen höher“, „Mehr Konzentration“, „Das Rohr ruhig halten“, ertönt es von meinen Lehrern und auch die anderen Anwesenden beäugen mich interessiert.
Die letzte Etappe heißt zehn Meter Entfernung. Ich habe Schwierigkeiten das Ziel überhaupt zu sehen und bezweifle, dass ich in der Lage sein werde, die Tafel, geschweige denn das Gelbe überhaupt zu treffen. Ich hole tief Luft und schicke den Pfeil in Richtung Tafel. Rot. Ich kann es kaum fassen. Thaller und Meishammer freuen sich mit mir. Auch wenn die folgenden neun Versuche nicht ganz so erfolgreich waren, bin ich doch zufrieden und positiv überrascht. Auch ich wurde vom Blasrohr-Fieber gepackt und freue mich schon auf meine nächste Trainingseinheit.