Historischer Stadtkalender

Vom Paketboten zum Schauspieler

von Redaktion

Der historische Stadtkalender „Bilder aus Alt-Rosenheim“ setzt jeden Monat eine historische Aufnahme in einen geschichtlichen Zusammenhang und gehört damit seit Jahren zu den beliebtesten Veröffentlichungen zur Stadtgeschichte von Rosenheim. Das Juni-Blatt des Kalenders 2018 zeigt das Haus des Schauspielers Georg Schuller auf dem Schloßberg um 1920.

Rosenheim – Als ältestes bayerisches Bauerntheater gilt das 1892 von Konrad Dreher und Xaver Terofal gegründete „Schlierseer Bauerntheater“. Die Schauspieler waren mit ihren Stücken in kürzester Zeit so erfolgreich, dass sie bald zu Gastspielen ins Ausland reisten, beispielsweise im Winter 1895/ 96 nach Amerika. Im Mai 1900 stieß auch der Rosenheimer Paketbote Georg Schuller zur Schlierseer Theatertruppe. Er hatte erste Bühnenerfahrungen im „Rosenheimer Volkstheater“ von Alois Bach gesammelt.

Am 4. April 1903 gab das Schlierseer Bauerntheater zum ersten Mal eine Vorstellung in Rosenheim. Über die Aufführung des Volksstücks „Jägerblut“ aus der Feder von Benno Rauchenegger schrieb der „Rosenheimer Anzeiger“: „Die Anziehungskraft, welche die Schlierseer allerorts noch jedes Mal ausübten, bewährte sich auch in Rosenheim […] in vollstem Maße.“ Über Georg Schullers Darbietung urteilte das Blatt: „Herr Schuller […] hat bedeutende Fortschritte erzielt und wurde ihm […] eine sehr schmeichelhafte Ovation von seinen vielen hiesigen Freunden und Gönnern zu teil.“ Regelmäßig wurde in Rosenheim über Auftritte von Schuller und den „Schlierseern“ berichtet, beispielsweise nach einer Aufführung vor Kaiser Wilhelm II. 1908 in Berlin. Auch Schullers erste Ehefrau Amalie und Tochter Fanny gehörten dem Ensemble des Schlierseer Bauerntheaters an.

Seit dem Jahr 1900 lebte Georg Schuller mit seiner Familie auf dem Rosenheimer Schloßberg, wo er das Haus mit der heutigen Adresse Salinweg 5 besaß. Als Teil des ehemaligen Zehentstadels des Schlosses Rosenheim reicht die Geschichte des Gebäudes bis ins Mittelalter zurück. Schuller ließ das Haus mit reicher Lüftlmalerei und Sinnsprüchen schmücken. Als die Münchner Löwenbrauerei Ende der 1920er- Jahre die neben seinem Haus gelegene Schlosswirtschaft um einen großen Veranstaltungssaal erweitern ließ, sah sich Schuller dazu inspiriert, selbst eine Theatergruppe für regelmäßige Auftritte in dem neuen Saal zu gründen. Bei der Eröffnung am 13. April 1929 brachte Georg Schuller mit seinem „Schloßberger Bauerntheater“ den Klassiker „Jägerblut“ zur Aufführung, worauf weitere Inszenierungen folgten. Über den wirtschaftlichen Erfolg von Schullers Theatergründung ist nichts bekannt. Belegt ist jedoch, dass sein Wohnhaus 1930 kurz vor der Zwangsversteigerung stand. Im gleichen Jahr verließ er die Rosenheimer Gegend und zog nach Inzell.

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