Historisches Abenteuer

Tollkühner Kapitän im Klepper-Faltboot

von Redaktion

Heute auf den Tag vor 90 Jahren startete Franz Romer allein zur Überquerung des Atlantiks

Rosenheim – Von den vorbeieilenden Passanten nur selten beachtet, hängt in der Bahnhofstraße neben dem Eingang zum Hotel Wendelstein eine leicht verwitterte Gedenktafel. Wer geduldig das Puzzle der in Stein gehauenen Hinweise zusammenfügt, wird mit der Geschichte des Kapitäns Franz Romer belohnt. Der tollkühne Seefahrer hatte sich vorgenommen, in einem Klepper-Faltboot allein den Atlantik zu überqueren. In 58 Tagen schaffte er es bis zur Antilleninsel St. Thomas. New York, sein eigentliches Ziel, erreichte der Abenteurer nicht mehr. Er geriet in einen Hurrikan und gilt seither als verschollen. Gestartet war er in Lissabon am 28. März 1928: genau heute vor 90 Jahren.

Die Lebensgeschichte des 1899 im baden-württembergischen Dettingen geborenen Bauernsohns Franz Romer ist gut dokumentiert, wenn auch manche Angaben widersprüchlich sind. Insgesamt entsteht bei der Lektüre vieler Zeitungsartikel aus damaliger Zeit das Bild eines jungen Mannes, der etwas Herausragendes tun wollte. Möglicherweise hatte er ursprünglich vor, als erster allein den Atlantik nonstop mit einem Flugzeug zu überqueren. Aber das hatte ja Charles Lindbergh im Mai 1927 schon geschafft. Warum also nicht den Atlantik per Boot bezwingen?

Romer hatte die kleinen, schnittigen Klepper-Boote am Bodensee kennengelernt. Für sein waghalsiges Unternehmen sollte es aber eine Sonderanfertigung sein, die er bei den Klepper-Werken in Rosenheim fertigen ließ. Wochenlang tüftelte er an der Konstruktion und fuhr schließlich von Lissabon aus mit einem 6,55 Meter langen Boot los, dessen Holzkonstruktion mit dem berühmten gummierten Klepper-Segeltuch bespannt war. Das Boot, getauft auf den Namen „Deutscher Sport“, hatte eine Breite von 95 und einen Tiefgang von 25 Zentimetern. Es war mit Paddeln und zwei Segeln von insgesamt fünf Quadratmeter Fläche bestückt. Mit Proviant wog es rund 73 Kilogramm.

600 Konserven

und 300 Liter Wasser

Romer rechnete mit einer dreimonatigen Fahrt und hatte 600 Konservendosen an Bord sowie rund 300 Liter Wasser. Damit war der Hohlraum des Bootes dermaßen vollgestopft, dass es eine Weile dauerte, bis er sich überhaupt irgendwie bewegen konnte. Nach den ersten 1000 Meilen mit Zwischenstopps im portugiesischen Cap St. Vincente und der Kanarischen Insel Arrecife litt er unter starkem Muskelschwund in den Beinen. Später lernte er zwar, im Boot zeitweise zu stehen. Doch schlafen musste er im Sitzen, unter einer Gummiplane, in die ein Schlauch zum Atmen eingearbeitet war. Romers einzige Navigationshilfen waren Kompass, Sextant, Fernglas und Barometer. Am Tag schaffte er durchschnittlich 60 Kilometer. Nachts hielt er das Boot mittels eines festgebundenen Taus auf Kurs.

Von Las Palmas ging Romer am 10. Juni 1928 das letzte, aber bei weitem längste und schwerste Teilstück seiner beschwerlichen Reise an. Die New York Times schrieb im September 1928: „Die Sonne und die salzige Gischt waren eine Tortur für Kapitän Romers Hände und Arme. Sie waren geschwollen, von Blasen übersät und steif. Drei Haie zeigten lebhaftes Interesse an dem Gefährt. Sie spielten um das Kajak herum, schwammen von einer Seite zur anderen und kamen so nahe, dass er durch den flexiblen Boden ihre Finnen spüren konnte. Kapitän Romer war so einsam, dass er zu den Haien sprach. Doch sie schwammen weg.“ Andere Haie, die das Boot angriffen, soll er vertrieben haben, indem er hektisch Konservendosen aneinander schlug.

Die Hilfe mehrerer Passagierschiffe, die ihn für einen Schiffsbrüchigen hielten, lehnte er ab. Am Mittag des 30. Juli 1928 trieb das algenbehangene, salzverkrustete Boot mit seinem ausgemergelten und verwilderten Kapitän nach seiner Fahrt von rund 3600 Seemeilen an der Küste der Antilleninsel St. Thomas an. Romer empfand eine tiefe Genugtuung. Seinen Eltern berichtete er: „Meine Leistung wird hier im allgemeinen höher eingeschätzt als die Lindberghs.“ Romer zu Ehren organisierte der damalig amtierende Gouverneur Evans eine Parade. Tausende jubelten dem Seehelden zu; die Musikkapelle spielte die „Alten Kameraden“.

Romer setzte seine Fahrt nach Puerto Rico fort und wollte dann sein eigentliches Ziel New York ansteuern, über Haiti, Kuba und Florida. Dazu ließ er sein Faltboot mit zwei Motoren ausrüsten. Ob ihn die Hurrikanwarnung nicht erreichte oder ob er sie in den Wind schlug, darüber gibt es unterschiedliche Angaben. Am 11. September verließ Romer den Hafen. Heftiger Wind wuchs sich gegen Mittag des 13. September zu einem Hurrikan mit 150 Stundenkilometer Windgeschwindigkeit aus. Franz Romer kam nie in New York an.

Verschiedene Quellen besagen, er konnte nicht einmal schwimmen. Diese Behauptung ist nicht belegt. Dass der Kapitän und unerschrockene Abenteurer zu Beginn der Reise unter heftiger Seekrankheit litt, ist hingegen unbestritten. Dieses Bekenntnis stammt von niemand anderem als von Franz Romer selbst.

Mehr über Kapitän Romer und die Klepper-Werke im Klepper-Museum, Klepperstraße 18. Öffnungszeiten: Mittwoch, Donnerstag, Freitag, 13 bis 18 Uhr, Samstag 10 bis 14 Uhr. Gruppen nach Vereinbarung, Telefon 27370, www.kleppermuseum.de.

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