Rosenheim – Eigentlich müsste der Einzelhandel in Rosenheim in einer komfortablen Situation sein: Die Bevölkerung in der Stadt wächst ebenso wie im Landkreis, auch der Tourismus hat kräftig zugelegt. Mehr Menschen, das bedeutet auch mehr Nachfrage. Doch die Kaufhäuser und Geschäfte können davon nicht unbedingt profitieren, wie aus dem Einzelhandelsentwicklungskonzept hervorgeht, das Christian Hörmann von der Beratungsgesellschaft Cima in der Stadtratssitzung vorstellte. So ist die Zentralitätskennziffer binnen nur eines Jahres von 189 (2016) auf 182,1 (2017) Punkte zurückgegangen. Die Kennziffer gibt an, inwieweit eine Kommune in der Lage ist, Kaufkraft von auswärts anzuziehen. Doch noch immer erwirtschaft der Handel in der „Einkaufsstadt“ Rosenheim einen Umsatz von 676,4 Millionen Euro im Jahr.
Der Rosenheimer Einzelhandel gerät von verschiedenen Seiten unter Druck: Da ist vor allem die Online-Konkurrenz mit enormen Zuwächsen, die dem stationären Einzelhandel die Butter vom Brot zu nehmen droht. Zugleich haben aber auch die Unterzentren im Landkreis ihre Hausaufgaben gemacht: Wasserburg und Bad Aibling haben ihre Einzelhandelsangebote ausgebaut und es gelingt ihnen immer besser, ihre Kaufkraft vor Ort zu binden. Auch die Zeiten, in denen am 26. Oktober, dem österreichischen Nationalfeiertag, die Rosenheimer Innenstadt voll mit Gästen aus dem Nachbarland war, sind vorbei: Salzburg und Kufstein haben in den letzten Jahren großflächig neue Einzelhandelsflächen ausgewiesen – und ziehen mittlerweile selber Kunden aus Bayern an.
„Rosenheim
kann das schaffen“
„Was ist zu tun?“, stellte Hörmann die rhetorische Frage. Er sprach von einer Herkules-Aufgabe, allerdings habe Rosenheim hervorragende Voraussetzungen: „Rosenheim kann das schaffen. Und das kann man nicht von jeder Stadt sagen.“
Hörmann empfahl, die Innenstadt über städtebauliche Maßnahmen weiter aufzuwerten. Wichtig sei eine moderne, attraktive Innenstadt mit Angebotsqualität und Erlebnismöglichkeiten. Auch die Gestaltung öffentlicher Bereiche, Serviceangebote und die Erreichbarkeit seien wichtige Punkte, um Gäste in die Innenstadt zu locken.
Trotz der Notwendigkeit, den ÖPNV weiter auszubauen und mehr für Radfahrer zu tun, werde der Individualverkehr für Rosenheim weiter wichtig bleiben: „Rosenheim hat ein kaufkräftiges Hinterland. Anders als mit dem Auto werden Sie die Leute nicht in die Stadt bekommen.“
Wie aus der Analyse der Cima hervorgeht, muss aber auch der Handel Initiative ergreifen. In Sachen Qualität und Präsentation gibt es bei etlichen Einzelhändlern Verbesserungsmöglichkeiten, so das Gutachten. Die zahlreiche Filialisten ziehen zwar mit ihren attraktiven Marken Kunden an, sind aber eben Filialisten – und damit in Sachen Präsentation oft nur ein Angebot von der Stange.
Positivbeispiel Bahnhofstraße
Doch Hörmann wollte nicht Schwarzmalen. Als positives Beispiel, wie es funktionieren kann, nannte er die Bahnhofstraße. Die Stadt habe mit ihrem Beschluss, das Bahnhofsareal-Nord zu entwickeln und den Bahnhofsvorplatz neu zu gestalten, den ersten Schritt getan. Nun ziehen private Investoren nach. Hörmann verwies auf den Neubau, der an der Stelle der jetzigen VR-Bank geplant ist, und die Entwicklung der Post-Höfe. Er sah aber auch Potenzial in anderen Bereichen: Er empfahl den Salingarten aufzuwerten und dessen Ränder zu aktivieren, die Verbindung zwischen Max-Josefs-Platz und Riedergarten neu zu gestalten sowie den Salzstadel und die Innstraße zu beleben.
CSU-Fraktionsvorsitzender Herbert Borrmann hielt die die Steigerung der Innenstadt-Attraktivität für den richtigen Weg, erinnerte aber auch daran, dass die Kommune nur die Rahmenbedingungen setzen kann: „Die privaten Investoren müssen mitziehen.“
Für Robert Metzger, Vorsitzender der SPD-Fraktion, griff der Ansatz zu kurz: „Kann das die gänzliche Strategie sein?“ Er wünschte sich ein klares Konzept, was man angesichts des Online-Handels machen könne. Hörmann plädierte dafür, die Einzelhändler bei der Verknüpfung von Digitalem und Analogem zu unterstützen. Der Konkurrenz aus dem Internet durch eine Online-Plattform der lokalen Einzelhändler begegnen zu wollen, sah Hörmann kritisch: „Das wird nicht funktionieren.“
Rudolf Hötzel (Republikaner) kritisierte die Verkehrssituation in der Stadt und mahnte eine bessere Koordinierung der Baustellen an. Ein Schlüssel für die Attraktivität der Stadt sah er in der Bereitstellung von möglichst günstigen Parkplätzen, vor allem auf den Straßen.
Widersprüche meinte Franz Lukas, Vorsitzender der Grünen-Fraktion, im Gutachten ausgemacht zu haben. So solle man einerseits die Nahversorgung in den Quartieren fördern, andererseits würden große Nahversorgungszentren für den Süden und Norden gefordert. Hörmann verwies auf die vorgelegte Analyse, die im Süden und Norden bei diesem Segment Defizite ausgemacht hat.