Ein Sportverein als Sozialarbeiter

Zweite Heimat ESV

von Redaktion

„Das Schmuckstück hinter den Tonnen“, nennt Franz Gössl die Sportanlage des ESV Rosenheim. Doch die gepflegten Plätze, etwas versteckt gelegen hinter einer Wertstoffinsel, sind noch viel mehr als ein Sportgelände: Denn der ESV ist für viele Bürger aus dem Stadtteil eine zweite Heimat geworden.

Rosenheim – Fast jeden Tag ab 14 Uhr ist auf der Stockschützenbahn reger Betrieb. Hier trifft sich eine Rentnergruppe – nicht nur zum Sporteln, auch zum Ratschen. „Einfach beisammensein“, nennt dies Abteilungsleiter Willi Berger. Darum geht es – auch – beim ESV: Menschen zusammenzubringen. Die Stockschützenbahnen und der benachbarte Freisitz sind für viele Mitglieder eine Art zweites Wohnzimmer.

200 Kinder aus

16 Nationen

Beim ESV, 1929 gegründet von sportbegeisterten Bahn- und Postbeamten, die dem Eisenbahnersportverein auch den Namen gaben, geht es auch – aber nicht nur – um Punkte, Tabellenplätze, Siege und Platzierungen. Beispiel Fußball: 200 Kinder aus 16 Nationen kicken auf den idyllisch unter Kastanienbäumen liegenden Plätzen. „Wir leisten vor allem Integrationsarbeit“, sagt Abteilungsleiter Ludwig Pertl. Deshalb benötigen die Jugendtrainer nicht nur Kenntnisse in Übungstaktik, sondern vor allem Talent in der Sozialarbeit. Und viel Geduld, ergänzt Pertl. Denn manchmal gilt es, ein Training zu leiten, in dem manche Kinder die Kommandos in Deutsch nur schwer verstehen. Oder jugendlichen Migranten zu erklären, warum sie beim Punktspiel nicht auflaufen dürfen, wenn sie noch keinen Spielerpass haben.

Mitmachen dürfen trotzdem alle beim ESV, die sich an die Regeln des fairen Miteinanders halten: Talentierte und Untalentierte, Junge und Alte, Fitte und Kranke, Deutsche und Ausländer, Geübte und Neulinge. Rosenheimer im schicken Tennisdress schlagen hier den kleinen gelben Ball elegant über den Platz, während die Kinder einer Flüchtlingsfamilie auf dem Spielplatz schaukeln und wippen.

„Jeder darf bei uns mitmachen“: Das gilt auch für das Angebot „Familie in Bewegung“ im Johannes-Fox-Saal mit Fitnessraum, der den Namen des früheren Vorsitzenden trägt. Der moderne Neubau war das Lebenswerk des Vorgängers von Horst Spensberger. Der lichtdurchflutete Raum im ersten Stock ist eine Sportarena der besonderen Art: Hier tanzen coole Teenager in weiten Hosen Hip-Hop. Hier toben Eltern mit ihren Kleinkindern, die heute oft Bewegungsdefizite aufweisen und beim ESV lernen, was früher jedes Kind konnte: einen Ball fangen oder einen Purzelbaum schlagen. Hier halten sich Senioren fit und gehen die Stockschützen mit einer anderen Sportart fremd: Sie spielen Tischtennis. Hier üben sich junge Männer im Kickboxen oder Wing Chun Kung Fu.

Diese vielen Angebote koordiniert die Projektleiterin von Familie in Bewegung, Karin Walter. Über 8000 Besucher pro Jahr zählt sie in den ESV-Räumlichkeiten, damit gehört der Saal zu den am häufigsten frequentierten Räumen der Stadt.

Familie in Bewegung

im Johannes-Fox-Saal

Die Kommune unterstützt die Angebote unter dem Dach der Sozialen Stadt finanziell – mit 25000 Euro pro Jahr für Personal- und Materialkosten. Doch das bunte Programm von A wie Aerobic bis Z wie Zumba gäbe es nicht, wenn es nicht von Ehrenamtlichen durchgeführt würde, lobt Walter das Engagement der vielen Helfer. Beim ESV unter Leitung von Spensberger und seinem Stellvertreter Dr. Wolfgang Bergmüller kann dank Unterstützung der Sozialen Stadt nicht nur jeder mitmachen, sondern auch jeder das Programm mitgestalten. So entstehen auch Angebote wie Fitnessprogramme für Übergewichtige.

Ohne eine große Mannschaft Ehrenamtlicher geht dies nicht, betont Schatzmeister Franz Gössl. Im Büro des ESV-Gebäudes sitzen deshalb die Leiterin der Handballabteilung, Melanie Kefer, und des Jugendbereichs in diesem Ballsport, Katharina Schulze, abwechselnd mit Hildegard Maier und Bettina Spensberger am Schreibtisch. Mehrere Stunden pro Woche schwitzen sie nicht auf dem Platz, sondern am PC über den Vereinsdateien. „Selbstverständlich“ findet Melanie Kefer dieses Engagement. „Ich bin so groß geworden“, ergänzt Katharina Schulze. Sie schauen getreu des Kennedy-Mottos nicht nur darauf, was der Verein für sie tun kann, sondern auch darauf, was sie für den Verein tun können. Dieses Selbstverständnis ist heute jedoch nicht mehr üblich, bedauert Schatzmeister Gössl. Trainieren, spielen, duschen, anziehen, heimfahren: Diese Konsum-Mentalität gefällt ihm nicht.

Der Verein pflegt stattdessen ein Gemeinschaftsgefühl, das aus der Zeit zu kommen scheint. Einmal im Jahr feiern beispielsweise alle Abteilungen zusammen ein großes Fest. Eine Klammer der 1200 Mitglieder bilden die Stockschützen. Fast jeden Nachmittag sind sie vor Ort. Da es nur einen Eingang auf das Sportgelände gibt und jeder an der Bahn oder dem Freisitz vorbei kommt, sind die Stockschützen auch eine Art Wachposten des Vereins. „Wir haben ein Auge darauf, was bei uns passiert“, erklären die Mitglieder.

Dribbeln und ein Erziehungsschnellkurs

Nicht immer verhalten sich Gäste und Mitglieder ordentlich. Beim Fußballtraining für Kinder muss so mancher Übungsleiter nicht nur das Dribbeln erklären, sondern auch die gängigen Benimmregeln. In der Nachbarschaft liegen soziale Brennpunkte. Hier wächst eine Jugend auf, der es manchmal an Wertevermittlung fehlt. Das nahe ESV-Gelände ist für viele ein Heimatersatz. „Lieber bei uns auf dem Spiel- oder Trainingsplatz als daheim allein vor dem Computer“, bringt Vorsitzender Spensberger das Ziel auf den Punkt.

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