Ein Tag im Miniladen in der Lessingstrasse

Butter und Gespräche im Angebot

von Redaktion

Seit 15 Jahren können die Anwohner der Lessingstraße im Rosenheimer Miniladen einkaufen, ratschen und Freunde treffen. Warum bei einer Schließung nicht nur Mehl, Salz und Butter verloren gehen.

Rosenheim – Armin Musselmann hat zwei Lieblingstage in der Woche. Einer davon ist Donnerstag. Einkaufstag im Miniladen.

Vor fünf Jahren ging der 70-Jährige in Rente. „Die ersten zwei Wochen waren wie Urlaub“, erinnert sich Musselmann, fügt aber hinzu: „Nach zwei Monaten ist mir die Decke auf den Kopf gefallen. Ich habe sogar Sport ausprobiert.“

Für den Kolbermoorer ist klar: Eine Beschäftigung muss her. Bei einer Internetrecherche findet er eine interessante Anzeige. Der Miniladen in der Lessingstraße sucht nach einem Fahrer für Einkäufe und Lieferungen. Musselmann bietet sich für die ehrenamtliche Stelle an. Er bekommt den Job. Das war vor vier Jahren.

Donnerstag, 7 Uhr, Lessingstraße. Der Miniladen öffnet in anderthalb Stunden. Bis auf ein paar Frühaufsteher, die mit ihren Fahrrädern unterwegs sind, ist alles ruhig. In gelb-roten Buchstaben prangt das Wort Miniladen über dem Geschäft. Die Öffnungszeiten stehen auf einem weißen Zettel, der mit Klebestreifen an der Tür befestigt ist: Geöffnet ab 8.30 Uhr, Dienstag und Donnerstag bis 17.30 Uhr, Montag, Mittwoch und Freitag bis 14 Uhr, Samstag bis 11.30 Uhr.

Wer in das Geschäft geht, sieht einen Tisch mit Rosen-Platzdecke. Vier Stühle. Es riecht nach Kaffee. Den Rest des Raums füllen Regale. Auf zweien stehen Getränke, sortiert im gleichen Abstand nebeneinander aufgereiht. In einem anderen reihen sich Kekse, Schokolade und Waffeln.

7.10 Uhr. Musselmann schaut auf seine Uhr. In der rechten Hand hält er einen blauen Müllsack, gefüllt mit Pfandflaschen. Die acht leeren Wasserkästen hat er schon in den Kofferraum des gelben Mini-Vans geladen.

Denavs ist die Schnäppchenjägerin

Mit etwas Verspätung trifft Annemarie Denavs ein. Die 65-Jährige war 49 Jahre bei Karstadt aktiv, unter anderem als Filialleiterin. Nach der Rente dachte auch die Rosenheimerin nicht ans Aufhören. „Mir wäre es sonst viel zu langweilig“, sagt sie. Über Freunde entstand der Kontakt zum Miniladen.

7.30 Uhr. Schnell holt Denavs eine Tasche für Eis und mehrere Tüten aus dem Lager und setzt sich auf den Beifahrersitz. „Seit Annemarie hier ist, läuft alles viel besser“, sagt Musselmann, während er sich durch den Rosenheimer Morgenverkehr kämpft. Baustellen mag er nicht.

Denavs versteckt ihre müden Augen hinter einer Sonnenbrille. Eine Einkaufsliste hält sie in den Händen. „Montag und Donnerstag sind die Einkaufstage im Miniladen. Donnerstag kaufen wir nur Kleinigkeiten, Montag füllen wir schon mal drei Einkaufswagen“, erklärt die 65-Jährige. Sie organisiert, schreibt die Einkaufslisten, sucht in Prospekten nach Schnäppchen. Nach elf Minuten haben die beiden ihr erstes Ziel erreicht: Edeka. Die Ehrenamtlichen kaufen Lebensmittel von größeren Supermärkten und verkaufen diese dann mit einem Aufschlag im Miniladen.

8 Uhr. Denavs schnappt sich einen Einkaufswagen und füllt ihn mit leeren Wasserkästen. Musselmann ist langsamer. Mit großer Präzision stapelt er die Kästen und schiebt den Wagen gemächlich in Richtung Eingang. Hinter dem Turm aus Wasserflaschen ist er fast nicht zu erkennen. Während sich der 70-Jährige um das Leergut kümmert, ist Denavs schon auf dem Weg zur Kasse. Auf ihrer Liste streicht sie Milch, Wasser mit und ohne Kohlensäure und Orangensaft durch.

8.45 Uhr. Nächster Stop: Kaufland. Wieder derselbe Vorgang. Musselmann sucht die Einkaufstüten zusammen, Denavs ist schon auf dem Weg in den Laden. Sie sind ein eingespieltes Team.

Speiseöl ist heute im Angebot. Denavs lädt zwölf Flaschen in ihren Wagen. Käse, Wurst, Joghurt und Eis streicht sie nach und nach von der Liste.

9.20 Uhr. Die beiden sind zurück in der Lessingstraße. Dort werden sie bereits von Lorena Marquez (49) und Ornella Mukendio (18) erwartet. Sie räumen die Ware ein und kassieren.

Marquez ist aus Venezuela und seit einem Jahr in Deutschland. Anderen helfen, das passt zu ihrer südamerikanischen Mentalität, sagt sie. Das Schönste am Ehrenamt? „Wenn die Leute lachen und zufrieden sind.“ Mukendio nickt. Die Deutsche mit dem italienischen Namen macht derzeit ein Praktikum im Miniladen: „Der Kontakt mit den Menschen ist mir sehr wichtig.“

10 Uhr. Mittlerweile sind die Waren einsortiert und der Kaffeegeruch ist aus der Luft verschwunden. Denavs hat Feierabend. Für Musselmann geht der Arbeitstag erst richtig los. Auslieferungen. Erster Kunde: Adolf. Der gebrechliche alte Herr in der viel zu weiten Jogginghose kann nicht mehr selbstständig einkaufen. Alle zwei Wochen ruft er im Miniladen an und gibt seine Bestellung durch. Schlagsahne, Nudelsuppe und Johannisbeersaft fährt Musselmann bis vor die Haustür. Er hilft beim Auspacken, das ist im Service inbegriffen. Adolf bezahlt, gibt Musselmann seine leeren Pfandflaschen und verabschiedet sich. In zwei Wochen gibt es wieder eine Einkaufsliste.

10.30 Uhr. Musselmann fährt zurück in die Lessingstraße. Das weiße Haar klebt ihm an der Stirn. Er sieht erschöpft aus. In drei Stunden ist Feierabend. Die nächsten Lieferungen erledigt der 70-Jährige zu Fuß. Auf eine Schubkarre stapelt er vier Wasserkästen. Im Geschäft klingelt das Telefon. „Miniladen. Sie sprechen mit Ornella, was kann ich für sie tun?“ Die 18-Jährige schreibt fünf Wörter auf ihren weißen Notizzettel. Für mehr wäre auch kein Platz gewesen. Sie legt auf. „Noch eine Lieferung für dich.“ Musselmann nickt. Das mit dem Feierabend dauert noch.

2003 war der

Laden notwendig

2003 wurde der Miniladen als Projekt der Sozialen Stadt eröffnet. Eine Notwendigkeit, weil es im Rosenheimer Norden keinen anderen Supermarkt gab. 15 Jahre später sieht es in der Lessingstraße anders aus. Etwa 20 Schritte weiter gibt es einen Bäcker, schräg gegenüber einen gut bestückten türkischen Supermarkt. Notwendig ist der vom Fördererein „Miteinander“ betriebene Miniladen schon lange nicht mehr. Das Rosenheimer Finanzamt stellt jetzt die Gemeinnützigkeit des Geschäfts infrage. Es droht die Schließung. Um das zu verhindern, sammeln die Ehrenamtlichen des Ladens Unterschriften.

Musselmanns Name steht ganz oben. „Wenn der Laden zumacht, würde mir was fehlen.“ Kurz denkt er nach: „Gut, meine Welt würde nicht zusammenbrechen, aber fehlen würde mir der Laden schon.“

11 Uhr. Die erste Kundin. Sie schaut über die Regale. „Nicht viel los heute“, sagt sie. Für einen Moment schweigt sie und spielt an ihrem Ehering. „Wir sammeln Unterschriften, damit der Laden nicht zugemacht wird“, sagt Lorena Marquez. Stille. Schwerfällig erhebt sie sich von ihrem Stuhl. „Ich kaufe hier jeden Tag ein. Seit zehn Jahren. Wo soll ich denn hin, wenn der Laden zumacht?“ Sie unterschreibt und verlässt den Laden mit einem Stück Butter. Andere kaufen Salz, Öl, Wasser, selten größere Menge so wie ein drahtig wirkender älterer Mann, der vier Packungen Eis und drei Tafeln Zartbitterschokolade in seine Tasche packt. Lange Schlangen an der Kasse? Fehlanzeige.

11.30 Uhr. Ein älterer Kunde humpelt mit Krücken in den Laden. Sein Gesicht verschwindet hinter der großen, altmodischen Brille. Zum Glück gebe es den Miniladen direkt unter seiner Wohnung, sagt er. Zum Einkaufen in die Stadt fahren, das schaffe er nun wirklich nicht mehr. Auch er unterschreibt. Erkennen kann man seine Unterschrift nicht, denn das Schreiben fällt ihm jeden Tag schwerer.

Miniladen verbessert Lebensqualität

12 Uhr. Zwei Kundinnen treffen sich zwischen dem Süßigkeitenregal und den Hygiene-Artikeln. Sie reden übers Wetter und eine gemeinsame Freundin. Nach 15 Minuten gehen sie. Gekauft haben beide nichts. Den Leiter des Miniladens, Manfred Hellstern, stört das wenig: „Klar gehört das Verkaufen dazu, aber das Drumherum ist es, worauf es ankommt.“ Der Miniladen verbessert die Lebensqualität im Stadtteil, hilft gegen die Vereinsamung, darüber sind sich die meisten einig – emotionale Argumente, die für das Finanzamt nicht zählen. „Natürlich erscheinen am Tag nur wenig Leute, aber für die, die kommen, würde eine Welt zusammenbrechen, wenn der Laden zumacht“, sagt Mukendio.

13 Uhr. Musselmann hat seine Arbeit für heute geschafft. Pläne für die nächsten drei Tage hat er noch nicht. Aber bald ist wieder Montag. Sein zweiter Lieblingstag.

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