Paul Adlmaier, Vorsitzender des City-Managements, zur Zukunft der Einkaufsstadt

„Liebenswert muss Rosenheim sein“

von Redaktion

Der Stadtrat hat sich per Beschluss vorgenommen, den Einzelhandelsstandort Rosenheim zu stärken. „Ich höre die Worte, doch mir fehlt der Glaube“, seufzt Paul Adlmaier, Vorsitzender des Vereins City-Management. Ein Grund für seine Skepsis: „Das handlungsunfähige Stadtmarketing.“

Rosenheim – „Natürlich sind wir der Stadt und der Sparkasse dankbar, dass sie am Einzelhandelsentwicklungskonzept drangeblieben sind und es haben fortschreiben lassen“, würdigt Adlmaier das finanzielle Engagement. Auch die Tatsache, dass das renommierte Institut Cima sich des Themas angenommen hat, findet er lobenswert. Doch wenn Stadt und Stadtrat sich die Förderung der Einkaufsstadt Rosenheim auf die Fahnen schreiben würden, müssten auch die entsprechenden Handlungen folgen. „Das passt doch nicht zusammen: Die Dachmarke Rosenheim stärken wollen und das Budget für das Stadtmarketing herunterfahren und die Stelle vorerst nicht neu besetzen“, ärgert sich Adlmaier im Gespräch mit den OVB-Heimatzeitungen. Andere Städte würden genau das Gegenteil tun: nämlich das Stadtmarketing aufrüsten – finanziell und personell.

„ Beispiel Wochenmarkt:

Das ist doch

ein Trauerspiel.“

Paul Adlmaier

Eine Lösung gäbe es, sagt Adlmaier. Die Kommune könne die Aufgaben des Stadtmarketings an das City-Management übergeben – „wenn wir ein Budget gestellt und entsprechende Kompetenzen übertragen bekommen“. Überhaupt: Der Vorsitzende ist der Meinung, dass die Kommune auch die Organisation des Sommerfestivals anderen überlassen kann. „Muss die Stadt das wirklich selber machen?“ Adlmaier ist begeisterter Fan des Festivals, erwirbt jährlich die Dauerkarte für alle Konzerte. Doch er findet auch, die Stadtverwaltung sollte sich auf andere, eher strukturelle Maßnahmen konzentrieren. Etwa auf ein besseres Baustellenmanagement. Erst auf massiven Druck des City-Managements hin sei im vergangenen Jahr ein runder Tisch aller Beteiligten einberufen worden – mit dem Ziel einer besseren Abstimmung.

Stichwort Erreichbarkeit: Das ist nach Erfahrungen von Adlmaier überhaupt eines der großen Themen, denen sich die Stadt widmen müsse, wolle sie den Einzelhandel weiter stärken. Rosenheim sei von jeher ein starker Handelsplatz gewesen, aufgeblüht seit dem Bau der Eisenbahn. Eine gute Verkehrserschließung sei auch heute das A und O, ist der Vorsitzende überzeugt.

Auch strukturell könne die Stadt einiges tun, um Verbesserungen zu erreichen. Beispiel Wochenmarkt. „Das ist doch ein Trauerspiel“, ärgert sich Adlmaier, der findet, hier seien Änderungen zur Attraktivitätssteigerung notwendig. Wochenmärkte erfreuen sich nach seinen Erfahrungen einer immer größeren Beliebtheit – als Folge des Trends zur regionalen Vermarktung und zu Bio-Produkten. Auf diesen Zug sollte die Stadt Rosenheim mit einer Neuorganisation aufspringen.

Beispiel verkaufsoffene Marktsonntage. Zuständig sei das Gewerbeamt, das auch am Markttag die Standgebühren einkassiere. Adlmaier ist der Meinung, dass verbindlichere Anmeldungen notwendig sind – und eine strukturelle Neuaufstellung, um beliebte Märkte zu stärken.

Manchmal mache es sich die Stadt außerdem zu leicht, findet der Vorsitzende des City-Managements. Sein Beispiel: der Christkindlmarkt. Anfangs sei das Hauptamt der Kommune für das Rahmenprogramm zuständig gewesen. Dann habe die Stadt den Wirtschaftlichen Verband um Unterstützung gebeten. Dieser habe die Aufgaben übernommen, schrittweise sei die finanzielle Beteiligung durch die Kommune verringert. „Ich muss die Kuh, die ich melke, auch füttern“, bemüht Adlmaier ein Sprichwort, um mehr finanzielles Engagement einzufordern.

Das Entwicklungskonzept für den Einzelhandel, das der Stadtrat mehrheitlich beschlossen hat, weist nach Angaben von Adlmaier viele sehr gute Vorschläge auf. „Das mit der Dachmarke Rosenheim, das ist ja nicht neu“, betont er jedoch. Die Stadt in Zonen mit eigenen Profilen einzuteilen, „diese Idee finde ich auch sehr gut.“ Doch aus dem historischen Max-Josefs-Platz mit seiner vielfältigen Gastronomie dürfe kein Museumsdorf gemacht werden. „Wir sind doch nicht Rothenburg ob der Tauber.“

Sorgen bereitet nicht nur den Analysten der Cima, sondern auch dem Einzelhandel der Frequenzrückgang in der Einkaufsstadt. Doch Adlmaier verweist darauf, dass dieser Negativtrend sogar in Tourismus-Städten wie Bamberg zu spüren sei. „Die Frequenzverluste sind kein alleiniges Rosenheimer Problem“, ist er überzeugt.

Das Glas ist halb voll oder halb leer: Nach diesem Prinzip interpretiert der Vorsitzende des Vereins City-Management die Tatsache, dass die Cima-Gutachter 43 Prozent der Geschäfte einen zeitgemäßen, modernen Ladenauftritt bescheinigen. Zu wenig, finden die Analysten, gar nicht so schlecht, findet Adlmaier. Ihm fehlt zu dieser Zahl außerdem der Vergleich: „Wie viel Prozent sind es in vermutlich guten Städten?“

„Nicht nur von Leuchttürmen reden, sondern auch die Baumeister haben, die diese bauen können.“

Paul Adlmaier

Die im Cima-Konzept aufgeführte Tatsache, dass sich der Anteil des Online-Handels am Gesamtumsatz im Einzelhandel auf 13 Prozent im Jahr 2020 noch weiter steigern wird, bereitet ihm zwar Sorgen. Doch er kritisiert auch den Trend, allen Einzelhändlern mit Online-Shop zu attestieren, sie seien hipp, alle ohne als unmodern zu bewerten. In seinem Männermodengeschäft steht und fällt der Erfolg mit der Beratung – „dem Gefühl für Menschen“. Liebenswert müsse Rosenheim deshalb sein und bleiben. Auch das sei Teil des Markenbildes.

Die Stadt müsse außerdem besser werden als andere, eine Vorreiterrolle übernehmen – etwa bei attraktiven Veranstaltungen, wie es beim Street-Food-Markt gelungen sei. Das heißt für Adlmaier: „Nicht nur von Leuchtturmprojekten reden, sondern auch die Baumeister haben, die diese Leuchttürme bauen können.“

Wobei das Gespräch wieder beim personell nicht besetzten Stadtmarketing angelangt ist. Es müsse die Einkaufsstadt überregional so bekannt machen, dass die Frequenz wieder steige. Adlmaier hält es für notwendig, diese Frequenz regelmäßig flächendeckend zu messen, um zeitnah auf Rückgänge reagieren zu können. Die Kosten für diese Aufgabe könnten wie in anderen Städten auf mehrere Schultern verteilt werden.

Frequenz kommt jedoch auch von innen: „Die City ist schließlich der größte Arbeitgeber in Rosenheim“, weist Adlmaier auf die Tatsache hin, dass in der Innenstadt viele Menschen arbeiten und sich versorgen müssen, also auch Kunden sind. Deshalb mache die Ansiedlung des Rewe-Marktes im neuen Gillitzer Sinn. Ebenso wie die Aufwertung der Bahnhofstraße als Entree der Stadt.

Neue Anker-Geschäfte sieht Adlmaier generell positiv, einen Ausbau des Luxuswarensegments, wie im neuen Einzelhandelsgutachten gefordert, jedoch kritisch: „Rosenheim ist nicht München. Hätten Prada und Co. eine Chance, glauben Sie mir, es hätte sie schon längst jemand nach Rosenheim geholt.“

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