Shlomo Graber, ein Zeitzeuge des Holocaust, zu Gast am Ignaz-Günther-Gymnasium

Liebe ist stärker als Hass

von Redaktion

Shlomo Graber ist einer der letzten Zeitzeugen des Holocausts. Der fast 92-Jährige hat zwei Deportationen, drei Konzentrationslager und den Görlitzer Todesmarsch überlebt. Trotz seines hohen Alters hält er noch immer Vorträge über seine Zeit als Opfer des Nationalsozialismus – so auch am Ignaz-Günther-Gymnasium (IGG).

Rosenheim – „Risse sind wie beginnender Hass, man vergrößert sie nicht – man repariert sie“, diesen Satz hat Shlomo Grabers Großvater zu ihm gesagt, als er gerade einmal drei Jahre alt war. Ein Satz, der ihn sein Leben lang begleitet und geprägt hat.

Mit bald 92 Jahren stand Shlomo Graber kerzengerade am Rednerpult in der Aula des Ignaz-Günther-Gymnasiums. Er berichtete mit fester Stimme über seine Kindheit und Jugend während des Holocausts.

1926 wurde Shlomo Graber in den tschechoslowakischen Karpaten geboren. Fünf Jahre später siedelte die Familie nach Ungarn über. Dort wuchs er mit drei Geschwistern auf, bis die Familie 1941 deportiert wurde. Auf der Fahrt zur polnischen Grenze wurde sie wie durch ein Wunder befreit.

Doch 1944 folgte die zweite Deportation, direkt ins Konzentrationslager Auschwitz. Dort wurde der damals 17-Jährige von seiner Mutter und seinen Geschwistern getrennt und sah sie zum letzten Mal. Er bekam die Nummer 42649, diese wurde auf die gestreifte Häftlingskleidung aufgenäht. „Ab heute seid ihr keine Menschen mehr – ihr seid Untermenschen.“ An diese Worte eines SS-Manns erinnert er sich noch heute. „Wir hätten keine Namen mehr, wären nur noch Nummern“, habe der SS-Mann gesagt. „Danach schoss er in die Luft, um seine Macht zu demonstrieren, und sagte zu den Häftlingen, er könne mit ihnen machen, was er wolle.“ Das Publikum in der Aula des IGG reagierte geschockt.

Je länger Shlomo Graber im KZ war, desto schlimmer wurden seine Leiden: Hunger, Schwerstarbeit, kilometerlange Märsche, ständige Angst vor Übergriffen, Gewaltausbrüche von SS-Leuten, Hoffnungslosigkeit. Dennoch gab er nie auf – auch nicht, als die nächste Deportation nach Görlitz folgte. Mit seinem Vater überlebte er den Todesmarsch, als das Konzentrationslager evakuiert wurde.

Bei ihrer Befreiung im Mai 1945 wogen Vater und Sohn kaum noch 30 Kilo. Trotz der schrecklichen Taten, die dem fast 92-Jährigen während des Holocausts widerfuhren, spürt er keinen Hass auf die Deutschen. Dazu erzählt er lächelnd eine kleine Geschichte. Nach einem Vortrag sei eine ungefähr 60-jährige Frau zu ihm gekommen und habe sich unter Tränen bei ihm entschuldigt. Wieso sie sich entschuldigen würde, habe er gefragt. Es sei doch nicht ihre Generation gewesen, die den Holocaust zu verantworten habe.

Beim Vortrag war es mucksmäuschenstill

Während des einstündigen Vortrags hörte das gemischte Publikum – vom Kind bis zum Senior – Grabers Erzählungen gebannt zu. Ob Schüler, Eltern oder Großeltern: Jeder schien berührt von den Berichten des Zeitzeugen.

Shlomo Graber hat es sich zur Aufgabe gemacht, über seine Erlebnisse zu berichten und aufzuklären. Gemeinsam mit seiner Frau Myrtha reist er dafür nach wie vor durch Europa.

Am Ignaz-Günther-Gymnasium in Rosenheim ist er bereits zum zweiten Mal zu Gast. Bei seinem diesjährigen Besuch hielt er gleich zwei Vorträge – einen für alle neunten Klassen der Rosenheimer Gymnasien. Von diesem Vortag erzählte unter anderem der Elternbeiratsvorsitzende Thomas Tramp, dass alle Schüler mucksmäuschenstill den Worten von Shlomo Graber zugehört hätten.

Beim Abendvortrag am Folgetag war die Aula des IGG erneut komplett gefüllt. Wieder gelang es dem Referenten, seine jungen Zuhörer in den Bann zu ziehen. Schülerin Jane Töpler zog als Fazit: „Ich fand den Vortrag sehr interessant, so habe ich noch einmal besser verstanden, was damals passiert ist.“ Mia Grandauer war beeindruckt, wie fit der Referent mit fast 92 Jahren noch ist. Als er die Schrecken des Holocausts erlebte, war er nur wenige Jahre älter als sie. „Man konnte sich in die Lage reinversetzen“, so die 13-Jährige.

Carina Draxinger empfand den Vortrag als „wahnsinnig berührend“ und nannte es „unglaublich“, was Graber in seinem Leben durchgemacht habe. Bemerkenswert fand die 18-Jährige auch, dass er keinerlei Hass auf die Deutschen empfindet. Doch Shlomo Graber ist überzeugt: „Liebe ist stärker als Hass.“

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