Rosenheim – Nachmittags im Rosenheimer Kultur- und Kongresszentrum. Die Tagung ist in vollem Gang. Während Stände mit medizinischen Neuheiten werben, laufen zur gleichen Zeit Seminare und Vorträge ab. Die Meisten kennen sich. Andere knüpfen neue Bekanntschaften. Mittendrin Christian Gratzke und Christian la Fougère.
Die beiden bereiten sich auf einen gemeinsamen Vortrag vor. In knapp zwei Stunden geht es los. Gratzke, ursprünglich aus Rosenheim, scheint nervös. Immer wieder überprüft er seine Powerpoint-Präsentation. La Fougère, der in Paris geboren, aber in Rosenheim aufgewachsen ist, wirkt entspannter. Er sitzt mit dem Rücken zur Leinwand, linkes Bein über das Rechte. Seine pinken Socken kommen zum Vorschein, perfekt abgestimmt auf das pink-weiße Einstecktuch.
Gratzke und la Fougère sind beste Freunde –und das schon seit fast 30 Jahren. Schmunzelnd erinnert sich der Franzose an den Tag, als sich die beiden kennengelernt haben. „Christian und ich waren in Parallelklassen im Ignaz-Günther-Gymnasium. Der erste Kontakt fand im Sportunterricht statt. Christian war schon immer der Größere und Breitere und hat mir beim Basketballspielen immer den Ball geklaut“, sagt er und lacht. Gratzke ergänzt: „Danach sind wir schnell sehr gute Freunde geworden.“ La Fougère verbrachte während der Schule viel Zeit bei der Familie Gratzke: „Ich habe dort eine zweite Heimat gefunden.“ Nach der Schulzeit begannen beide das Medizin-Studium in München. „Wir kommen aus einem Mediziner-Haushalt, da war es relativ klar, dass wir auch in die Richtung gehen werden“, so la Fougère.
Gratzke spezialisierte sich auf Nuklearmedizin, sein Freund auf Urologie. „Es gab nie wirklich Konkurrenz. Ich habe immer mehr zur Seite geschaut, und das mit Stolz“, so la Fougère. „Wir haben uns immer füreinander gefreut. Außerdem arbeiten wir sehr hart und haben die Sachen, die wir wollten, meistens bekommen“, ergänzt Gratzke.
Missgunst gibt es nicht. Sie freuen sich füreinander, motivieren sich und treiben sich gegenseitig an. Ein Geheimnis ihrer Freundschaft, wie es scheint. „Es ist wie beim Bergsteigen. Der eine geht hoch und zieht den anderen nach“, so der Franzose.
Mit 36 bekam Christian la Fougère einen Lehrstuhl in Tübingen: „Das ist eine der besten Universitäten, die wir haben“, sagt Gratzke anerkennend. Vom Erfolg seines Freundes angetrieben, bewarb er sich nach seiner Zeit in München in Freiburg und bekam den dortigen Lehrstuhl. Wie es der Zufall will, sind die beiden also bald wieder im selben Bundesland und arbeiten an benachbarten Universitäten.
Ein weiteres Geheimnis: Während der 30-jährigen Freundschaft waren die beiden nie für längere Zeit getrennt. „Sogar als Christian Zeit in Kanada verbracht hat, habe ich ihn besucht“, bestätigt Gratzke und fügt hinzu: „Eine wirkliche Durststrecke gab es nie.“
Wenn die beiden nicht gemeinsam auf dem Podium stehen und Vorträge halten, sind sie auf der Skipiste unterwegs. Auch die Familien verstehen sich: „Wir fahren alle zusammen in den Urlaub und waren gegenseitig Trauzeugen“, sagen beide strahlend.
„1000-prozentiges Vertrauen“
Aber was genau ist das Besondere an dieser Freundschaft? Kurz überlegen sie. „Ich habe so etwas sonst nicht. Das ist genauso, wie ich mir eine Freundschaft vorstelle“, sagt Gratzke. La Fougère fügt hinzu: „Es ist ein 1000-prozentiges Vertrauen. Er ist wie ein Bruder, den ich nicht habe. Ich freue mich jedes Mal aufs Neue, wenn ich ihn sehe.“
Wie eben jetzt bei der Tagung. „Wir haben noch nie einen Vortrag zusammen gemacht“, sagt Gratzke. Mittlerweile wirkt auch er entspannt. Und was ist als Nächstes geplant: „Vielleicht irgendwann einmal in der Forschung zusammenarbeiten.“ Alles scheint möglich bei dieser Freundschaft.