Blick hinter die Kulissen einer der grössten Horte in Bayern

„Das Besondere ist bei uns das Normale“

von Redaktion

Sieben Gruppen, 175 zu betreuende Kinder, 29 Mitarbeiter: „Wir sind ein kleines mittelständisches Unternehmen“, sagt Barbara Baur, Leiterin des Kinderhorts Jonathan. Die OVB-Stadtredaktion hat einen Blick hinter die Kulissen eines der größten reinen Horte in Bayern geworfen.

Rosenheim – Am Eingang symbolisiert ein ungewöhnlicher Parkplatz, dass im Hans-Schuster-Haus die Jugend das Sagen hat: Hier reiht sich ein Tretroller an den anderen. Mit ihnen kommen sie angerollt, wenn die Schulglocke das Unterrichtsende verkündet: 175 Mädchen und Buben aus den Grundschulen und den unteren Jahrgangsstufen der weiterführenden Schulen. Der Kinderhort Jonathan ist sprengelfrei, die meisten Kinder kommen jedoch von der benachbarten Astrid-Lindgren-Schule. 25 bleiben nur bis gegen 14 Uhr, weil sie die Mittagsbetreuungsgruppe besuchen. Für 150 ist der Hort Jonathan wie ein zweites Zuhause: Sie halten sich in der Einrichtung mindestens drei bis vier Stunden täglich auf, spätestens bis 18 Uhr.

Das Team hat sich

gut eingelebt

Der Bedarf für die Schulkinderbetreuung am Nachmittag ist groß: Zum neuen Schuljahr ist der Hort mit seinen zwei Standorten im Hans-Schuster-Haus, das auch noch von der VHS genutzt wird, und im „Mutterschiff“, das nur wenige Schritte entfernt an der Mangfall liegt, ausgebucht. „Wir werden wohl eine Warteliste führen müssen“, seufzt Leiterin Baur.

Angefangen hat der große Hort ganz klein: 1996, als eingruppige außerschulische Spiel- und Lernbetreuung auf der Loretowiese. Bis 2017 hat die Einrichtung – Trägerin ist die Nachbarschaftshilfe Kita GmbH – eine räumliche Odyssee durch Rosenheim hinter sich gebracht: Glückshafen, Lokschuppen-Turm, Sedanstraße, Parkhaus P1, Keller der Städtischen Galerie, Container an der Innsbrucker Straße: Immer wieder hieß es, zusammenpacken und umziehen. Seit Schuljahresbeginn im September ist diese unruhige Zeit mit dem Einzug in das zweite Haus in direkter Nachbarschaft des ersten vorbei. Die Stadt investierte in den Umbau des Hans-Schuster-Hauses 449000 Euro, 200000 Euro davon kamen als staatliche Förderung.

„Wir haben uns gut eingelebt“, zieht die Geschäftsführerin der Nachbarschaftshilfe, Beate Hoyer-Radtke, Bilanz des ersten Jahres, das sich jetzt dem Ende zuneigt. Vormittags ist es ruhig in den beiden Häusern: Wenn die Kinder in der Schule über ihren Aufgaben sitzen, widmen sich ihre Betreuer der Planung und Organisation, Elterngesprächen, Teamsitzungen oder Fallbesprechungen. Der Großteil der 23 pädagogischen Mitarbeiter (hinzu kommen noch zwei hauswirtschaftliche Kräfte, ein Hausmeister sowie drei Heilpädagogen von Fachdiensten) arbeitet in Vollzeit.

Um 11.30 Uhr ist die Ruhe vorbei: Die ersten Kinder kommen. Bis zum ersten Mittagessen, geliefert von der Firma Appetito, ergänzt durch Beilagen aus der eigenen Küche, ist Freispielzeit.

Um 13 Uhr gibt es Mittag für weitere eintreffende Schüler, ab 14 Uhr sogar noch einmal für die Größeren. „Das Essen ist bei uns ein pädagogisches Element“, erläutert Baur. Gemeinsam werde der Tisch gedeckt, gemeinsam gegessen. Bis 14.30 Uhr ist noch einmal Spielzeit, dann geht es in die Gruppenräume zum Hausaufgabenmachen. Hier beschreitet der Kinderhort Jonathan neue Wege: Nach Teilnahme an einem Projekt des Instituts für Frühpädagogik ist das Hausaufgabenkonzept umgestellt worden. Die Räume werden gruppenübergreifend nach altersgemischten Lerntypen aufgeteilt. „Das befürchtete Chaos ist ausgeblieben“, freut sich Baur. Auch auf dem Bauch liegend lassen sich Matheaufgaben lösen. Im Sitzsack liest es sich manchmal sogar besser als sitzend, so die Erfahrung des Teams.

Talentförderung

und Integration

Nach einer Stunde ist das Lernen vorbei. Die Kinder können frei spielen – drinnen und draußen im Garten, wo aufgrund der nahen Hauptverkehrsstraßen nur das Ballspielen nicht erlaubt ist – oder an Angeboten teilnehmen. Der Kinderhort beteiligt sich am von der Stadt, Stiftungen und Sponsoren unterstützten Talentförderprogramm „FitZ“-Projekt (Fit in die Zukunft): Trommeln, Fußballspielen – derzeit sehr angesagt – Malen, Ausflüge, Werken, Basteln stehen unter anderem auf dem Programm. Beliebt: die Werkstatt im Keller. Hier sind bereits die Blumenkästen für die Einrichtung entstanden.

Weitere Besonderheit: Der Kinderhort Jonathan bietet 18 Plätze für Kinder mit besonderem Förderbedarf, weil sie von einer seelischen Behinderung bedroht sind. Drei der 18 Plätze können auch körperlich oder geistig behinderte Mädchen und Buben belegen. Heilpädagogen, Logopädin und Experten von Fachdiensten unterstützen das Team. Baur freut sich außerdem darüber, dass auch zwei Männer zum Personal gehören. Denn viele Kinder wachsen heute ohne Papa auf. Ihnen fehlt ein männliches Vorbild. Dieses liefert auch ein Ehrenamtlicher, der zweimal in der Woche Extraangebote für die Kinder unterbreitet.

„Das Besondere ist bei uns das Normale“, ergänzt die Leiterin. Im Kinderhort Jonathan, den Mädchen und Buben aus 28 Nationen besuchen, sitzen bei Festen die Mama aus Syrien neben der Mutter aus Deutschland, spielt ein Mädel aus Nigeria in bunten Kleidern aus der Heimat mit dem bayerischen Bub in der Lederhose. „Bei uns sind alle gleich, jeder hat dasselbe Recht“, betont Baur. Unterstützen statt zurechtweisen, lautet eine weitere Grundhaltung, von der schon die zweite Kindergeneration profitiert.

Die Vision: Anerkennung als Familienzentrum

Nicht nur die Kinder erhalten im Hort Förderung: „Wir sind auch eine Anlaufstelle für die Eltern“, stellt Leiterin Barbara Baur fest. Mütter und Väter suchen Rat bei Erziehungs- und Lebensfragen oder Alltagsproblemen. Durch die enge Zusammenarbeit mit Fachdiensten, Wohlfahrtsverbänden und städtischem Jugendamt kann der Hort in vielen Bereichen Hilfestellung liefern. Deshalb bleibt es beim großen Ziel, das als Vision im Büro der Leiterin mit großen Lettern zu lesen ist: „Wir wollen Familienzentrum werden.“ Ein Konzept gibt es schon, der Antrag an die Stadt ist gestellt. „Im Grunde leisten wir diese Arbeit schon“, findet Baur.

Großer Bedarf

Die Hälfte aller Rosenheimer Grundschulkinder besucht ein Betreuungsangebot nach Unterrichtsschluss. Seit dem Schuljahr 2016/2017 ist die Betreuungsquote von damals 53 auf jetzt 57,8 Prozent gestiegen. 2054 Schüler sind in einem Hort, einer Ganztagsklasse oder einer Mittagsbetreuung angemeldet.

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