Heute ist internationaler Tag gegen Drogenmissbrauch: Ein Besuch bei Neon

Das Ziel ist ein risikoarmer Genuss

von Redaktion

Heute ist Internationaler Tag gegen Drogenmissbrauch. Die Zahl der Drogentoten in Bayern (321 im Jahr 2016) ist weiterhin alarmierend hoch. Die Rosenheimer Präventionsstelle und Suchthilfe Neon versucht, dem vorzubeugen. Die Bilanz in 2017: Kontakt zu 1300 Einzelpersonen mit einem Durchschnittsalter von 40 Jahren, 5000 Beratungsgespräche, 40 Therapieplätze.

Rosenheim – Zweiter Stock im Gebäude in der Ruedorfferstraße 9. An der Wand hängt ein Schild mit den Worten „neon – Prävention und Suchthilfe Rosenheim“ in blau-weißer Schrift. Das Wartezimmer ist hell, aufgelockert mit einigen Grünpflanzen. Auf dem Anmeldetisch steht ein I-Pad, das Fragen zum Thema Drogenkonsum stellt. Braune Ledersofas vermitteln eine gemütliche Atmosphäre. Vorbei an Büros geht es zu einem Konferenzraum. Auch hier gibt es Pflanzen und einige Bilder. Stühle sind an einer Wand zusammengestellt. An einer anderen steht eine Tafel.

Ludwig Binder, Berater bei Neon, hat sich Zeit für ein Gespräch mit den OVB-Heimatzeitungen genommen. Anlass ist der heutige Internationale Tag gegen Drogenmissbrauch. Neon bietet Hilfe für Drogenkonsumenten und deren Angehörige, aber auch für Menschen, die drohen, in die Sucht abzurutschen. „Unsere Ziel ist es, die Sucht zu verhindern, aber es geht viel mehr auch um Genussförderung“, erklärt Binder – kurze Hose, langärmeliges Hemd, Brille. Binder hält Gespräche auf Augenhöhe. Egal, mit wem er sich unterhält.

Zu Beginn erfolgt erst einmal eine Begriffsdefinition, die überrascht. Denn die breite Öffentlichkeit verbindet mit Drogen eher die kleine Gruppe illegaler Substanzen. Drogen sind für Neon jedoch alle Substanzen, legal oder illegal, die berauschend wirken können: also beispielsweise auch Alkohol.

„Es geht um einen risikoarmen, genussorientierten Gebrauch“, sagt Binder. Mal ein Glas Wein nach der Arbeit oder ein Bier beim Stammtisch stellen für ihn kein Problem dar. Er bezeichnet es als „Feste feiern“: „Ich feiere auch gerne Feste, aber nicht jeden Tag und nicht um die Mittagszeit“, sagt er. Wichtig sei das Bewusstsein, dass beispielsweise Bier kein Nahrungs-, sondern ein Genussmittel darstelle, betont der Neon-Berater.

Viele kommen

leider viel zu spät

„Hör mit dem Trinken auf und such mit mir nach dem vermeintlich guten Grund für den übermäßigen Konsum.“ Mit diesen oder ähnlichen Worten beginnt Binder in den meisten Fällen die Beratungsgespräche.

„Wir sind eine Anlaufstelle für alle Bürger“, erklärt er gegenüber den OVB-Heimatzeitungen und fügt hinzu: „Einige meiner Sitzungen dauern nur wenige Minuten, andere gehen über Stunden.“ Egal, ob es die Ehefrau ist, die über ihren ständig betrunkenen Mann klagt, die Mutter, die Angst um ihren kiffenden Sohn hat, oder ein Alkoholabhängiger, der immer mehr die Kontrolle über sein Leben verliert: Binder hat für jeden ein offenes Ohr und steht mit Rat und Tat zur Seite. Aber auch er ist manchmal machtlos. Dann heißt es: Vermittlung zum Psychiater oder in die ambulante Therapie.

Binder ist sich auch bewusst: „Die Suchthilfe weiß aufgrund der wenigen Menschen, die das Hilfssystem in Anspruch nehmen, wenig über das komplexe Krankheitsbild einer Abhängigkeit. Wir sehen nur zehn Prozent der Betroffenen.“ Etwas bedauernd fügt er hinzu: „Die meisten Leute kommen einfach zu spät zu uns. Nach 20 Jahren schaffen wir es ganz selten, noch etwas zu ändern. Nach fünf Jahren kann man die Probleme gemeinsam angehen.“ In der Regel kommen Frauen übrigens früher zum Beratungsgespräch als Männer. Von den Patienten verlangt Binder Abstinenz. Nur so könne man den eigentlichen Problemen, warum man in die Sucht hineingerutscht sei, auf den Grund gehen.

Übrigens: Nach wie vor ist laut Binder Alkohol mit Abstand das größte Problem für die Gesundheit der Gesamtbevölkerung – mehr als sämtliche illegale Drogen zusammen. Aber egal, um welche Drogen oder um welche Sucht es sich handelt, Binder weiß: „Die Menschen sind nicht verrückt, es gibt einen Grund, warum sie so viel konsumieren.“ Das Konsummuster ist also das Problem, betont der Berater oft.

Und warum ist die Neon-Präventionsstelle und Suchthilfe so erfolgreich: „Wir arbeiten sehr eng mit der Polizei zusammen und haben regelmäßige Treffen mit Richtern und Jugendhelfern. Da sind wir in Rosenheim wesentlich weiter als andere“, betont Binder.

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