TuK-Inszenierung ausgezeichnet

Preisträger auch im Improvisieren

von Redaktion

Der Anruf kam in der Früh, samstags, und riss Rüdiger Motzer aus dem Schlaf. Welcher Preis? Dann die Erinnerung: Das Theater unterm Kirchturm (TuK) in Oberwöhr hatte ein Video über die eigene Inszenierung von „Wenn schon, denn schon“ beim Bayerischen Amateurtheaterverband eingereicht. Und überraschend den zweiten Preis gewonnen.

Mit der Komödie „Wenn schon, denn schon“ in rasanter Regie flogen den Akteuren auch die Herzen des Publikums zu. Fotos TuK

Oberwöhr – Es war der Tag einer Aufführung, also hielten Motzer und Kollegin Christine Höhendinger, die „Urheberin“ der Einreichung, zunächst einmal alles unter Verschluss. Erst nach dem letzten „Vorhang“ wurde das Ensemble aufgeklärt – „und da knallten natürlich auch mal die Korken“, freuen sich die beiden Vorstandskollegen und Darsteller immer noch über die Auszeichnung in der Kategorie „Boulevard“.

Den Preis in fünf Bereichen (Mundart, Boulevard, Schauspiel, Kinder und Jugend sowie Figuren) vergibt der Verband alle zwei Jahre. Prämiert wurde die spritzig-witzige TuK-Inszenierung von „Wenn schon, denn schon“ für die Saison 2016/2017, gewürdigt wurde das Ganze aber erst kürzlich in der Stadthalle von Penzberg. Der Preis für die Oberwöhrer – 200 Euro – wurde gleich ins Chartern eines Busses für die Ensemblemitglieder nach Penzberg gesteckt, denn alle hatten ihren Anteil am Gelingen – und am seit Jahren andauernden Erfolg dieses Theaters.

Keine Vorstellung, die nicht ausverkauft ist. Dabei wird das „Drumherum“ – Bestuhlung, Organisation, Bühnenauftritte – selbst zu einer Kunst für die Laienschauspieler und die ebenfalls ehrenamtlichen Mithelfer. Improvisieren ist angesagt. Denn: Es ist eng, fürs Publikum wie auch für die Akteure. Das zwingt zu Ideen und höchster Konzentration: Aufs Stichwort muss der Akteur einen nahezu tollkühnen „Sprung“ aus der Kulisse auf die Bühnenbretter machen. Grund: Platzmangel.

Gang auf Toilette für Akteure „verboten“

Der Theaterraum ist etwa 60 Quadratmeter groß (ohne Bühne) und bietet durch die Querbestuhlung Platz für rund 90 Zuschauer, die bewirtet werden (seit 2008, 25-Jähriges des TuK). „Das heißt, die Leute sitzen auf Bierbänken an Tischen und müssen den Kopf drehen für den Blick auf die Bühne“, sagt Christine Höhendinger. Fürs Publikum längst Routine.

Für die Schauspieler ist etwa anderes Routine geworden: Möglichst wenig trinken vor jeder Vorstellung. Warum? „Wir können nicht auf die Toilette. Der Gang ist durch die Zuschauerbänke zugestellt“, nehmen es die Betroffenen locker.

Bei der preisgekrönten Inszenierung des Stücks „Wenn schon, denn schon“ des zeitgenössischen britischen Autors Ray Cooney hatten die Darsteller einen „Spielraum“ von etwa 40 Zentimetern hinter der Bühne. „Wir standen da eng beieinander, mit der Klinke in der Hand, um aufs Stichwort sofort loszurennen“, beschreibt Motzer die Situation. Und die gestaltete sich insgesamt atemberaubend bei diesem Stück. Vier Zimmer und ein Hotel-Foyer waren die „Tatorte“ fürs Verwechslungs- und komödiantische Katastrophenspiel nebst Liebe(elei). Nebeneffekt der Auftritte für die Akteure: ein bis zwei Kilo Gewichtsverlust pro Spielzeit.

Schon bei den Proben hatten die Schauspieler Toni Schauer und Xaver Brückner das Ensemble verstärkt und waren baff: Nicht ein einziger Regisseur weit und breit – dafür elf und mehr. Denn alle Darsteller entwickelten die Inszenierung mit, es kamen Ideen während des Spiels auf und Situationskomik wurde aufgenommen. Noch drei Wochen vor der Premiere aber fragten die beiden Profis: „Meinst, das wird noch was?“

Wurde es. Auch aufgrund der technischen Finessen, einer Drehbühne, extra für dieses Stück von Rüdiger Motzer entworfen und zusammen mit Xaver Brückner, Martin Kronast und Toni Schauer gebaut.

Zwei Varianten hatte der Vorentwurf, der in der Praxis aus hingelegten und beschrifteten Latten im Theaterraum bestand, über die niemand steigen durfte (weil in der späteren Realität Wand), und die als imaginäre Bühne immer wieder verändert wurde. Das Komplizierte: „Alles musste spiegelverkehrt sein, die beiden Suiten mit je Wohn- und Schlafzimmer“, so Motzer. Hinter der Bühne klappten dann Helfer die jeweils neue Szenerie auf, sodass der Zuschauer etwa das Treiben im Wohnzimmer des einen und im Schlafzimmer des anderen Protagonisten sah. Tür und Fensterelemente für die Kulisse wurden angefertigt und zwischen Boden und Decke bei einer Höhe von nur 2,15 Meter verspreizt.

Abseits vom Theaterspiel gab es eine weitere Rollenverteilung: Die Frauen waren für Blümchentapete und Co. verantwortlich, „und somit fürs Tapezieren der Kulissenwände“, schmunzelt Christine Höhendinger.

Die Verleihung des bayerischen Amateurtheaterpreises an das TuK ist für die Oberwöhrer Ansporn und Bestätigung zugleich, um auf dem eingeschlagenen Weg weiterzumachen – nach der geglückten Metamorphose, die mit dem klassischen Bauernschwank begann, über Ludwig-Thoma-Stücke ging bis hin zu den Boulevard-Stücken. „Geld wie Heu“ hieß das erste, es war eine Bauchentscheidung, es gab die richtige Rollenbesetzung, die Zeit war reif – das Publikum begeistert. In diesem Jahr wurde das schrullige Stück erneut aufgeführt. Aktuell rüsten sich die Verantwortlichen fürs Kindertheater, das 2014 wiederbelebt wurde. Drei der jungen Akteure wechselten inzwischen ins „große“ TuK-Ensemble.

Das TuK aber ist nicht zum Begriff geworden ohne „sein Herz und seinen Motor“, sagen die beiden Vorstandsmitglieder: Manfred Ruppert hatte es einst aus der Taufe gehoben, hervorgegangen aus dem Jugendtheater in der Pfarrei St. Josef, vor 35 Jahren. Ruppert ist auch heute noch emsiger Helfer.

Der Bühnensaal ist eigentlich Pfarrbücherei. Wird gespielt, werden die Regale in den benachbarten Pfadfinder-Raum gerollt. Das Prozedere ist zeitlich begrenzt: Zu viele Tage im Jahr darf die Bücherei nicht geschlossen sein, da sonst der Pfarrei Zuschüsse verloren gehen. Also gibt es einen großen Traum: einen eigenen Theatersaal. „Wird wohl ein Traum bleiben“, meint Motzer. Realisiert aber ist mit jeder Vorstellung ein anderes Ziel im Sinne des Publikums: „Brotzeit machen, Gaudi haben.“

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