Rosenheim – „Steht die längste Theke der Welt bald in Rosenheim?“ Mit dieser natürlich nicht ganz ernst gemeinten Frage legte CSU-Fraktionsvorsitzender Herbert Borrmann im Baugenehmigungs- und Stadtentwicklungsausschuss provokant den Finger in eine Wunde: die Eroberung der Innenstadt durch die Gastronomie.
Sie ist ein wichtiger Pfeiler der Einkaufsstadt Rosenheim, betont das Einzelhandelsgutachten der Beratungsgesellschaft Cima. Kunden wollen auch etwas erleben. Und zum Essen gehen, im Café oder Biergarten sitzen. Über 150 Lokale gibt es allein in der Innenstadt. Und es werden immer mehr – oft zu Lasten von Einzelhandelsflächen, warnt Borrmann.
Aktuelles Beispiel: ein neues Geschäftshaus an der Ecke Heilig-Geist-Straße 18/Stollstraße 3. Im Erdgeschoss war ursprünglich ein Laden geplant gewesen. Jetzt soll er einer Gastronomie weichen. Diesen Änderungsantrag hatte der Bauausschuss Ende 2017 zuerst abgelehnt. Denn den zusätzlichen Stellplatzbedarf, den eine Gastronomie auslöst, wollte der Bauherr finanziell ablösen. Das genehmigte das Gremium nicht. Jetzt lag ein erneuter Antrag vor – mit einer verkleinerten Gastronomiefläche (von 120 auf 100 Quadratmeter). Damit reduzieren sich die auszuweisenden Stellflächen von sechs auf vier. Zwei können nachgewiesen, zwei abgelöst werden, änderte der Baugenehmigungsausschuss jetzt seine Haltung.
Trotzdem: Wieder einmal wurde eine Ladenfläche aufgegeben. Es gibt Bereiche in Rosenheim, da reiht sich mittlerweile ein Speiselokal an das andere – etwa an der Volkshochschule: innerhalb weniger Meter fünf Anbieter asiatischen Essens.
Schwer hat es in Rosenheim dagegen die gehobenere und ausgefallenere Gastronomie. Prominentestes Beispiel: Bereits nach einem halben Jahr schließt im neuen Gillitzer das Steakrestaurant „Knickerbocker“. Übernehmen wird ein Kolbermoorer Erfolgsmodell: „Guiseppe e Amici“. Das Färber in der Altstadt-Ost gibt ebenfalls Ende dieses Monats auf – nach nur acht Monaten. Das Konzept hier: „urbane Foodtrends“, Kaffee und moderne Drinks. Wie der „Knickerbocker“ hatte „das Färber“ einen exzellenten Ruf. Doch es kamen zu wenig Gäste.
Gut gefüllt präsentieren sich dagegen die Traditionsgasthöfe in der Innenstadt – und die Systemgastronomie sowie die Anbieter internationaler Imbissspezialitäten.
Am Bahnhof und in den Posthöfen werden sich außerdem weitere Lokale und Systemgastronomie ansiedeln, prognostizierte Borrmann im Ausschuss – und warnte davor, „weiter auszuweisen wie die Weltmeister“.