Historischer Verein

Zwangsarbeiter eine Stimme gegeben

von Redaktion

Einem Zeitzeugen aus dem Zweiten Weltkrieg verliehen vier Schüler des Ignaz-Günther-Gymnasiums eine Stimme bei einer Veranstaltung des Historischen Vereins Rosenheim. Sie lasen aus den Aufzeichnungen von Karel Hobo. Er war verschleppt und als Zwangsarbeiter nach Rosenheim gekommen.

Rosenheim – In den Räumen des Stadtjugendrings lasen die Schüler in verteilten Rollen aus den Erinnerungen von Karel Hobo. Der gebürtige Niederländer war 1945 als 15-Jähriger aus seiner Heimatstadt Rotterdam verschleppt und in Rosenheim als Zwangsarbeiter eingesetzt worden.

Ein „erstaunliches Dokument“ nannte Karl-Heinz Brauner, Vorsitzender des Historischen Vereins, dieses Tagebuch, das Karel Hobo, der heute mit 90 Jahren in Neuseeland lebt, erst im Alter von 86 Jahren auf Englisch zu Papier gebracht hat. Er lobte auch das freiwillige Engagement von Antonia Kuhn, Sofie Onasch, Hannah Riemer und Leander Schildknecht. „Sie sind alle in dem Alter, in dem Karel Hobo war, als er sich in Rosenheim aufhielt“, schloss Brauner den Kreis.

Auf die Aufzeichnungen war die Journalistin Elvira Biebel-Neu gestoßen. Durch Zufall lernte sie ein neuseeländisches Ehepaar kennen, das auf einer Fahrradreise durch Deutschland in Rosenheim Station machte. Die Frau, Tochter von Karel Hobo, wollte sich jene Stadt ansehen, von der ihr Vater so viel erzählt hatte.

Als sie Elvira Biebel-Neu berichtete, dass ihr Vater vor wenigen Jahren sein damaliges Tagebuch ins Englische übersetzt und für Familie und Freunde gedruckt hatte, war deren journalistischer Spürsinn erwacht. Sie ließ sich das Tagebuch schicken und übersetzte es ins Deutsche.

Als 86-Jähriger das Leben des 15-jährigen

Karel beschrieben

Bekannte, die zufälligerweise nach Neuseeland reisten, besuchten Karel Hobo und nahmen überdies ein Zeitzeugenvideo mit ihm auf. Sowohl das Video als auch die Übersetzung des Tagesbuchs will der Historische Verein auf seiner Homepage zugänglich machen. Die Übersetzung des Tagebuchs kann man bereits heute im Städtischen Archiv einsehen.

Elvira Biebel-Neu wies darauf hin, dass es nicht wirklich ein Tagebuch sei. Karel Hobo habe als alter Mann nicht einfach seine auf Niederländisch verfassten Aufzeichnungen ins Englische übersetzt, sondern er beschreibe seine Erlebnisse als Jugendlicher mit den Erfahrungen eines 86-Jährigen.

Historiker Walter Leicht nahm eine Einordnung des Dokuments vor. Wie der Leiter des städtischen Museums berichtete, war das, was Karel Hobo im Alter von 15 Jahren passierte, während des Zweiten Weltkrieges gang und gäbe: Menschen wurden in den besetzten Ländern von den Deutschen von der Straße weg verhaftet und nach Deutschland gebracht, wo sie die Arbeitskräfte ersetzen sollten, die als Soldaten an der Front standen oder gefallen waren: „Zwischen 1939 und 1945 gab es in Deutschland zwölf Millionen Zwangsarbeiter, darunter rund 500 000 Niederländer. Karel Hobo war einer davon.“ Wie Leicht erklärte, gab es allein in Rosenheim 50 Betriebe, die solche „Fremdarbeiter“, wie sie im Jargon des Dritten Reiches genannt wurden, einsetzten, darunter auch etliche Kleinunternehmen und Behörden.

Für Leicht sind die Aufzeichnungen ein einzigartiges Zeugnis: „Alles, was er schreibt, stimmt bis ins Detail.“ Irritierend bei der Lektüre sei allerdings der Tonfall: „Mir kam er manchmal vor wie Huckleberry Finn: Ein junger Bursche, der das Abenteuer seines Lebens erlebt.“ Leicht warnte deshalb davor, die Erlebnisse von Hobo zu verallgemeinern: „Ihm ist es in dieser Extremsituation ausnahmsweise gut gegangen.“ Karel Hobo wurde gut versorgt, er hatte einen trockenen Schlafplatz und erhielt sogar ein Gehalt – ein Ausnahmefall. Dem Großteil der Zwangsarbeiter sei es erheblich schlechter ergangen. Schließlich gaben die Schüler Hobo ihre Stimme. Sie hatten die Stellen, die sie lesen wollten und die Dramaturgie des Vortrags in ihrer Freizeit selbst erarbeitet. Während die Schülerinnen mit verteilten Rollen Karel-Hobo-Passagen vortrugen, fasste Leander Schildknecht die Geschehnisse zwischen den Lesestücken zusammen.

Der Bericht begann mit der Verhaftung von Karel Hobo in Rotterdam, schilderte den Abschied von seiner Mutter und den Geschwistern und die Fahrt im ungeheizten Viehwaggon durch die winterliche Landschaft Richtung Deutschland – was manche nicht überlebten.

Bombeneinschläge, Flöhe und Wanzen,

dann Befreiung

In Rosenheim musste Karel Hobo Hilfstätigkeiten am Bahnhof ausführen. Er erlebte die verheerenden Flugzeugangriffe der Alliierten auf den Bahnhof und überlebte nur mit viel Glück Bombeneinschläge und Tieffliegerbeschuss. Wochenlang lag er mit schlimmen Ausschlägen im Rosenheimer Krankenhaus, wahrscheinlich ausgelöst durch die Flöhe und Wanzen in der Unterkunft. Schließlich wurden er und seine Leidensgenossen von den einmarschierenden US-Truppen befreit. Er schildert Plünderungen in Rosenheim und wie er mithilfe der Amerikaner zurück nach Rotterdam gelangt.

Am Ende zitierten die drei Schülerinnen im Chor Karels Mutter, die ihren Sohn beim Wiedersehen in die Arme geschlossen hatte: „Willkommen, Karel.“ Es war der emotionale Schlusspunkt eines tief berührenden Abends.

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