Rosenheim – Anlass waren zwei Anträge für ein „glyphosatfreies Rosenheim“: Die Grünen forderten ein Markenzeichen, das alle Bürger und Landwirte auszeichnet, die freiwillig auf glyphosathaltige Herbizide und Insektizide verzichten. Beim Abschluss neuer Pachtverträge für landwirtschaftliche Flächen soll die Stadt die Bauern zum Glyphosatverzicht verpflichten. Die SPD möchte, dass die Stadt auf Bürger und Landwirte zugeht und sie in puncto Glyphosatverzicht berät – und auf die Bahn einwirkt, das Mittel nicht mehr zur Unkrautvernichtung im Gleisbereich einzusetzen.
In einem Punkt kann sich Rosenheim bereits als glyphosatfrei bezeichnen: In städtischen Grünanlagen werden grundsätzlich keine chemischen Unkrautvernichter eingesetzt – auch nicht Glyphosat. „Wir sprühen nicht einmal Essig“, so Oberbürgermeisterin Gabriele Bauer. Mühselig wird auf städtischen Flächen Unkraut per Hand gejätet. Grünflächen, Beete, Verkehrsinseln oder Kreisel ohne Löwenzahn, Giersch und Co. gibt es deshalb kaum mehr – was wiederum viele Bürger ärgert, die Wert auf unkrautfreie Anlagen legen, wie Bauer berichtete.
Sie sicherte ebenso wie Ralf Seeburger, Leiter des Grünflächenamtes, zu, die Öffentlichkeitsarbeit zum Thema zu verstärken. Es soll auch bei der nächsten Bauernobmann-Versammlung angesprochen werden. Verbieten: Das gehe jedoch nicht. „Da haben wir keine Durchschlagskraft“, bedauerte Bauer angesichts der Tatsache, dass die Zulassung des Mittels erneut verlängert worden ist. Es gibt auch wirtschaftliche Zwänge, sprach Josef Kaffl (CSU) die Notwendigkeit für die Landwirtschaft an.
Dr. Wolfgang Bergmüller, stellvertretender CSU-Fraktionsvorsitzender, legte den Finger in eine Wunde der Debatte: Sie konzentriere sich allein auf das Schlagwort Glyphosat, dabei gebe es weitere chemische Unkrautvernichter, die dadurch aus dem Fokus des Interesses geraten würden. Fest stehe außerdem: Die Argumentation in den Anträgen von Grünen und SPD, die WHO habe Glyphosat als wahrscheinlich krebserregend eingeschätzt, sei nicht mehr Stand der Wissenschaft. Unter anderem habe das Bundesinstitut für Risikobewertung festgestellt, dass sich kein krebserzeugendes Risiko ableiten lasse. Die Anträge seien deshalb „substanzlos“, ärgerte sich Bergmüller, der davor warnte, die Wissenschaft durch „gefakte“ Aussagen zu missbrauchen.
Dass ihm als Naturwissenschaftler diese Problematik am Herzen liegt, war Bergmüller anzumerken: Er machte seinem Ärger deutlich Luft und fiel SPD-Stadträtin Gabriele Leicht, die den Antrag ihrer Fraktion verteidigte, mehrfach ins Wort. Leicht wehrte sich – ein scharfer Wortwechsel folgte. Am Ende entschuldigte sich Bergmüller bei Leicht. Beide waren sich mit den weiteren Ausschussmitgliedern einig: Rosenheim kann vor allem eins tun: das Bewusstsein für die Gefahren der „chemischen Keulen“ schärfen.