Rosenheim – Auf den ersten Blick fallen vor allem die großen Köpfe der Sonnenblumen auf. Doch Josef Steingraber, Geschäftsführer des Bayerischen Bauernverbandes, Kreisverband Rosenheim, und praktizierender Landwirt in Rosenheim, fordert Radfahrer und Spaziergänger, die begeistert die gelbe Pracht betrachten, gerne auf: „Schauen Sie doch noch etwas genauer hin.“ Denn im lauen Sommerwind wiegen sich auch viele auf den ersten Blick eher unscheinbare kleine Gräser, buschige Kräuter und „Mauerblümchen“. Alle Farben des Regenbogens sind zu entdecken. Derzeit überwiegt oft ein zartes Lila. „Und hier“, zeigt der Panger Landwirt Thomas Fischbacher, „ist sogar eine ungewöhnliche Mohnblume – ausnahmsweise in Rosa“.
Nicht nur schauen, sondern auch hören, fordert dagegen Katharina Schlegl-Kofler. Und in der Tat: Es summt und brummt nur so im Blütenstreifen. Hier fühlen sich die Insekten so richtig pudelwohl und geben ein sanft tönendes Konzert. „Wir tun den Bienen was Gutes“, stellt Fischbacher fest, dem die bedrohten Insekten besonders am Herzen liegen.
Bei Naturschutzwächterin Schlegl-Kofler, eine begeisterte Vogelkundlerin, sind es auch die gefiederten Erdenbewohner. Die Panger Felder sind nach ihren Erfahrungen die letzte große Rastfläche für Zugvögel vor den Bergen. Hier finden sie Nahrung, Deckung und Schutz. Die Felder vernetzen das Rosenheimer Stammmoorbecken und das Naturschutzgebiet – sind also sozusagen auch eine „Verbindungsstraße“ für Vögel, Reptilien und kleine Wildtiere, erläutert die Naturschützerin.
Deshalb hatte Schlegl-Kofler bei einer Bauernobmannversammlung das Gespräch mit den Landwirten gesucht – mit dem Ziel, an den Feldern Blühstreifen anzulegen. Sie ist auf offene Ohren gestoßen. Steingraber ging mit gutem Beispiel voran und säte bei sich am Hof und bei weiteren Kollegen in Happing, Aising und Pang auf insgesamt drei Hektar Feldrändern Pflanzenmischungen mit 25 verschiedenen Pflanzensorten aus: Mit Erfolg: Es blüht – mal weniger, mal mehr. Schmetterlinge flattern durch die Gräser, Käfer kriechen über den Boden, Feldhasen ducken sich im Gesträuch. Auch Vögel, die in den vergangenen Jahren eher selten zu sehen waren, zeigen sich: Im Stall von Steingraber nisteten sich unter anderem zwei Turmfalkenpaare ein. Naturschutzwächterin Schlegl-Kofler entdeckt immer wieder Bergfinken, Feldlerchen und Rohramper, aber auch Insekten mit so fantasievollen Namen wie Rothalsiges Getreidehähnchen, Gemeine Goldwespe und Schnabelkerfe.
Dass sie sich so wohlfühlen, haben sie Landwirten zu verdanken, die ihren Lebensraum vergrößert haben. „Ich hätte nie gedacht, dass so viele mitmachen“, sagt die seit zwei Jahren ehrenamtlich tätige Naturschutzwächterin Schlegl-Kofler rückblickend voller Freude. 15 sind es allein in Pang, Happing und Aising. Nachwuchslandwirt Thomas Mayr aus Pang ist einer von ihnen. Der 20-Jährige freut sich auch darüber, wie gut die Aktion bei der Bevölkerung ankommt. Es fällt schließlich auf, dass die Maisfelder aufgelockerter wirken, der tunnelartige Bewuchs beidseitig von Feldwegen und Straßen weniger massiv wirkt. Die Blühareale sind zwischen zwei und drei Metern breit, liegen nicht nur am Rande, sondern auch eher unsichtbar in der Mitte der Felder, berichtet Steingraber.
Appell: Bitte nicht abpflücken
Fischbacher legt diese Ränder bereits seit drei Jahren an – in Siedlungsnähe sogar in einer Breite von neun Metern. Außerdem tut er dem Boden mit Zwischenfruchtsaaten etwas Gutes. Landwirte wie er verzichten damit auf Anbaufläche. Doch die Resonanz auf die Blühstreifen ist positiv: Sie wirken auch als Sympathieträger für den Bauernstand, stellt Fischbacher immer wieder fest.
Nur eins ärgert die Landwirte und die Naturschutzwächterin: Es gibt Bürger, die sich in den Blühstreifen selbst bedienen: Sie pflücken Wildblumen. „Bitte nicht“, appellieren die Bauern. Sie überlassen die Natur sich selbst – und möchten nicht, dass hier geräubert wird.