Rosenheim – Mit einem „Affenzahn“ saust der Radler im gestandenen Alter über den Max-Josefs-Platz – auf den Ohren Kopfhörer, aus denen Musik schallt. Bettina Kapellakis kann in letzter Sekunde ihre Tochter an sich reißen, die Dreijährige wäre sonst von dem forschen Radler angefahren worden. Auf die empörte Reaktion der Mutter, die den Mann auf das Fahrverbot in der Fußgängerzone hinweist, gibt es nur eine patzige Antwort: „Das geht Sie gar nichts an, ich fahr, wo ich will.“
Wenige Minuten später – die Mama sitzt entspannt im Café, die Tochter hüpft nur wenige Meter entfernt fröhlich mit ihrem Eis in der Hand über das Kopfsteinpflaster – wiederholt sich die gefährliche Situation. Diesmal ist es ein Jugendlicher, der plötzlich mit hohem Tempo auf den Platz schießt. Auch er lässt sich von Bettina Kapellakis’ Protesten nicht beeindrucken. „Der Papa hat’s erlaubt“, erklärt der Bub, warum er in der Fußgängerzone Rad fährt, so als befände er sich auf einer Rennstrecke.
„Ich bin ständig in Habachtstellung“
Bettina Kapellakis
„Ich kann meine Tochter nicht mehr alleine in der Fußgängerzone laufen lassen und bin ständig in Habacht-stellung“, ärgert sich die Mutter. „Das nervt.“ Im Bekanntenkreis von Bettina Kapellakis, der aus vielen jungen Familien besteht, sind die Radl-Rowdys in der Fußgängerzone ein Dauerthema, berichtet sie.
Das gilt nicht nur für Elternkreise. Auch viele Senioren, die nicht mehr gut zu Fuß sind und Angst vor Stürzen haben, fühlen sich von rücksichtslosen Radlern bedroht, bestätigt Josef Kugler, Vorsitzender des Seniorenbeirates Rosenheim. „Ich persönlich sehe die Situation in der Fußgängerzone auch sehr kritisch“, sagt er, der selber noch gut zu Fuß ist. „Man schimpft immer über die Autofahrer, oft auch zu Recht, doch auch unter den Radlern gibt es welche, die sich nicht an die Regeln halten“, stellt Kugler fest.
Die Regeln bieten in der Rosenheimer Fußgängerzone eigentlich keinerlei Interpretationsspielraum: Das Radfahren ist hier tagsüber nicht erlaubt. Erst abends ab 22 Uhr bis morgens 7 Uhr dürfen Radler durchfahren.
Früher gab es nicht einmal diese Ausnahme: Erst Ende Juni 2015 wurde das Radfahren zwischen 22 und 7 Uhr nach einem Beschluss des Stadtrates erlaubt – zuerst versuchsweise für ein Jahr, danach als feste Regelung.
Tagsüber müssen Radler ihren Drahtesel jedoch schieben. Das tun sie auch in der Regel, findet die städtische Straßenverkehrsbehörde. Rücksichtslose Radler seien nicht die Norm, heißt es von dieser Seite.
Ein solches Verhalten sei eher auf gemeinsamen Geh- und Radwegen sowie auf reinen Gehwegen, aber nicht in der Fußgängerzone zu registrieren, berichtet die Verwaltung auf Anfrage der OVB-Stadtredaktion.
„Kontrollieren und Bußgelder verteilen“
Josef Kugler, Seniorenbeirat
Die Erfahrungen vieler Senioren und Familien sind in Bezug auf die Fußgängerzone anders. Für Kugler gibt es nur einen Weg, die Raserei auf zwei Rädern einzudämmen: „Kontrollieren und Bußgelder verteilen.“ Das tut die Stadt auch, sagt die Pressestelle. Das Verwarngeld betrage 15 Euro. Liege eine Behinderung vor, gebe es 20 Euro zu zahlen. Werde eine Person gefährdet, seien sogar 25 Euro fällig. Regelmäßig würden die Verkehrsüberwachung und der Ordnungsdienst Kontrollen durchführen. Auch die Sicherheitswacht spreche Radfahrer an, die außerhalb der zugelassenen Zeiten durch die Fußgängerzone fahren würden, und fordere sie zum Absteigen auf. „Im Allgemeinen wird von der Polizei berichtet, dass kein übermäßiger Radverkehr in der Fußgängerzone zu verzeichnen ist“, erklärt die Rosenheimer Stadtverwaltung.
Bettina Kapellakis ist jedoch überzeugt, dass viele Radfahrer sich nicht der Tatsache bewusst sind, dass die 1984 eingerichtete Fußgängerzone aus mehr als nur dem Max-Josefs-Platz besteht. Auch Heilig-Geist-Straße, Hafnerstraße und Ludwigsplatz sowie der Bereich der Münchener Straße bis zum Karstadt-Kaufhaus gehören dazu. Bettina Kapellakis schlägt deshalb vor, das Areal besser bekannt zu machen – ebenso wie die vielen Ausweichmöglichkeiten für Radler, welche die Fußgängerzone schließlich auch umfahren könnten.
Die junge Mutter aus Rosenheim ist selbst leidenschaftliche Radfahrerin. Sie ist mit dem Vorsitzenden des Seniorenbeirates in einem Punkt einig: „Nicht nur verwarnen, sondern abkassieren bei Verstößen. Das ist das Einzige, das abschreckt.“