Rosenheim – Der Hunde-Tanz (Dogdance) stammt aus den USA und basiert auf den Gehorsamkeitsübungen (Obedience) wie Sitz, Platz, bei Fuß. Beim „Tanz“ vollführt das Tier wiederum Kunststücke, etwa Slalom, rückwärts gehen, Drehungen, Pfotenarbeit (Kreuzen, Hochheben von Vorder- oder Hinterhand), Sprünge über den Arm des Hundeführers, Polonaise – „und Häschen machen“, sagt Sigrid Borghoff.
Sie trainiert mit Terriermix Sascha seit sechs Jahren im Dogdance und tritt bei Turnieren auf. Allerdings ohne Vergleichsbewertung – das gibt es nur im klassischen Bereich. Zudem sind hier während der tierischen Auftritte Leckerli als Belohnung untersagt. Ein Verbot, mit dem Sascha sich so gar nicht anfreunden kann, deshalb tritt das Duo im sogenannten Free Style (freier Stil, ohne Vergleichsbewertung) auf. Denn Sascha bevorzugt nicht nur eine zeitnahe Belohnung, sondern auch den Applaus. „Das sieht man ihm richtig an, er genießt das“, sagt Frauchen Sigrid Borghoff. Etwa drei bis vier Monate dauert es, bis sie und ihr „Partner“ eine selbst kreierte Choreografie einstudiert haben.
Alles beginnt jedoch beim Menschen. „Zuerst muss ich meine Schritte und Bewegungen zur Musik üben, erst wenn das alles sitzt, kommt der Hund dazu“, sagt Saschas Frauchen. Jedes Jahr gibt es eine neue Choreografie mit musikalischer Untermalung, heuer hieß es „Tanzen zum Musical Aladin“ – präsentiert vor Kurzem auch beim Tag der offenen Tür im Tierheim Rosenheim. Der Kniff beim „Hundetanz“: Das Tier wird durch kleine Körpersignale und Kommandos gelenkt.
Niederschmetterndes Urteil: Schwer bis
gar nicht vermittelbar
Inzwischen aber hat Sascha Zwangspause: Bei einem Ausflug in den Garten knackste es, das Kreuzband riss. Im Herbst/Winter aber soll das Training wieder aufgenommen werden, immerhin ist eine Performance im nächsten Jahr geplant – wenn der Neubau vom Tierheim Rosenheim eröffnet werden soll (wir berichteten).
Im Jahr 2008 war an all das nicht zu denken. Sascha, damals anderthalb Jahre alt, im Tierheim Rosenheim abgegeben – unterernährt, schlechtes Fell – rebellierte, gebärdete sich wütend, zähnefletschend, biss zu, ließ nur den Tierpfleger an sich ran. Das niederschmetternde Urteil: „Schwer bis gar nicht vermittelbar.“
Daheim in Erding surfte Sigrid Borghoff im Internet auf der Suche nach einem Hund. Und verliebte sich in Saschas Bildnis. Der oder keiner, meinte sie zu ihrem Mann Hubert, der seinerseits einen „kniehohen“ Hund bevorzugte. Die Borghoffs düsten gleich tags drauf nach Rosenheim.
Die erste Begegnung war ernüchternd: „Sascha hatte speziell etwas gegen Frauen. Das zeigte er mit Wutattacken.“ An vier Wochenenden spazierte das Ehepaar dann stundenlang mit dem Hund an der Sicherheitsleine durch die Umgebung des Tierheims. „Vertrauen aufbauen“, so das Ziel. „Komischerweise war das gegenüber meinem Mann schnell erreicht. Er legte sich ins Gras und der Hund auf seinen Schoß.“ Erst am 14. August 2009 jedoch war die Zeit reif, Sascha „nach Hause“ zu holen. Dort handelte Sigrid Borghoff konsequent. Ein fester Griff am Hundenacken und das Tier langsam auf den Boden gedrückt – so lagen die beiden Stunden lang auf dem Teppich, wobei Sigrid Borghoff immer wieder ihren Griff ein Stück weit lockerte und beruhigend auf das Tier einsprach. Es war ein probates Mittel: Das Zutrauen wuchs.
Parallel dazu ging es in eine gute Hundeschule. Auch hier lernte Sascha, nicht nach anderen Menschen und Hunden zu schnappen. „Und er entdeckte seine Liebe zu einer weißen Pudeldame“, erinnert sich die Hundebesitzerin. Sie habe ihm versprochen, wenn er weiterhin so fleißig an sich arbeite, werde sie einen weißen Pudel holen, schmunzelt sie. Das geschah, denn Sascha wandelte sich quasi „vom Saulus zum Paulus“ – und die weiße Kimba, ein Pudelmix aus Spanien, gesellte sich fortan zu dem Rüden.
Langer Rücken, krumme Beine
und eine Fliege
Aus der Hundeschule stammte auch der Tipp zum Dogdance, „Hunde kennen keinen Takt. Der Mensch muss die Kunststücke so einüben und selbst zur Musik agieren, dass es entsprechend ausschaut“, erläutert Sigrid Borghoff. Nur 2,30 Minuten darf ein Auftritt dauern, im Quartett 3,30 Minuten. Letzteres macht Sascha zusammen mit dem Australian Shepherd Sidney. Der ist 30 Kilo schwer. Sascha mit seinen nur 13 Kilo, langem Rücken und kurzen Beinen spaziert bei einem Kunststück unter dem großen Hund hindurch. In Workshops werden diese und andere Kunststücke wie etwa „Diener“, „Home“ (vorne stehen und rückwärts durch die Menschenbeine gehen) sowie Pfotentricks verfeinert. Bei den Auftritten muss der Mensch kostümiert sein, der Hund darf es nicht. Erlaubt sind: „Halstuch, Krawatte“, betont Sigrid Borghoff. Oder eine Fliege, womit der einst nicht vermittelbare, nun aber sanfte Show-Hund Sascha zum Entzücken der Zuschauer auftritt.