Rosenheim – „Das ist ein Kulttisch“, sagt Georg Bamberg stolz. Mit blauweiß-kariertem Hemd und Lederhose, gehalten von roten Hosenträgern, sitzt er in seinem zweiten Wohnzimmer: der Auerbräu-Festhalle. Der Tisch ist reserviert für „Das Papagei“. Junge Rosenheimer wissen mit diesem Namen nichts mehr anzufangen, ältere schon: Papagei hieß ein legendäres Tanzlokal in der Stollstraße. Hier erlebten Bamberg und seine Spezln in den 50er- und 60er-Jahren ihre „Sturm- und Drangzeit“. Sie spielt bis heute die Hauptrolle in den Gesprächen am Papagei-Stammtisch. „Weißt‘ noch?“ Ein Satz, der sich wie ein roter Faden durch die Gespräche der Herren dreht. „Wir reden immer den gleichen Schmarrn“, gibt der 82-jährige Bamberg schmunzelnd zu.
Hin und wieder setzen sich Töchter und Söhne der Stammtischler nebst Familien mit auf die Bierbank. Auch sie haben die alten Geschichten schon hundert Mal gehört – und müssen trotzdem immer wieder lachen, wenn die Anekdoten von früher wiedergekaut werden. Oder Witze, wobei die nicht immer einen langen Bart haben. Umso lauter das Gelächter, wenn mal wieder ein Neuer dabei ist.
Nur ein Thema bleibt außen vor beim Papagei-Treff: „Hier wird nicht politisiert“, sagt Bamberg. Das mag verwundern angesichts der Tatsache, dass der „Hausmeister“ des Stammtisches, wie er sich nennt, in den 80er Jahren ein bekanntes Bundestagsmitglied „für die Roten“ war und noch heute gerne das Wort erhebt, wenn ihm die Arbeit der Genossen nicht in den Kram passt.
Politisieren oder Handy verboten
Doch in der Auerbräu-Festhalle muss die Politik draußen bleiben. „Sonst wäre es ja lange nicht so lustig“, findet Bamberg – und erntet zustimmendes Nicken von seinen Stammtischbrüdern Alex Drukas, Heinz Kutschera, Peter Gurdschik und Benno Köttner.
Jung und Alt, gebürtige Rosenheimer und Zugereiste, Berufstätige und Rentner: So bunt gemischt präsentiert sich der Stammtisch „NiKo“ im Flötzinger Festzelt. Wofür der Name steht, bleibt ein Geheimnis, denn die Erklärung geht in der Geräuschkulisse der feiernden Massen unter.
Eine Art Zeremonienmeister ist hier Schorsch Kohl. Der 72-Jährige sitzt jeden Abend von 18 bis etwa 22 Uhr auf seinem Stammplatz am Mittelgang – und genießt den freien Blick in die fröhlich feiernde Menschenmenge. Kohl hat im wahrsten Sinne des Wortes alle Hände voll zu tun: Mehrere Dutzend Leute begrüßt er an einem Abend persönlich. Immer wieder hebt er das Glas, um einem Freund oder Bekannten zuzuprosten. Jeder ist willkommen an seinem Stammtisch, der vor 62 Jahren von einem Alt-Rosenheimer gegründet wurde.
Doch es gibt genauso wie beim Papagei eine Regel ohne Ausnahme: Hier ist es das Handyverbot. Kohl und Spezl Herbert Gebauer akzeptieren keine Besucher an ihrem Tisch, die auf ihren Mobiltelefonen herumwischen oder auf die Bildschirme starren. „Wir wollen uns unterhalten – und uns dabei anschauen“, erläutern die beiden. Was sie ebenfalls nicht mögen: schlecht gekleidete Wiesngäste. Sie stören die Modenschau der Dirndl.
Etwa vier Stunden harrt Kohl mit seinen Freunden täglich während der Wiesn aus auf seinem Stammplatz im Flötzinger-Festzelt – plaudernd, in die Runde schauend – ein eher stiller Genießer. Auf den Bänken stehen, lautstark schwadronieren: Das ist seine Sache nicht. Etwa eine Stunde vor dem letzten Ausschank geht es in der Regel heim, denn dann wird es dem Rosenheimer zu turbulent.
Trotzdem können er und seine Spezl locker mithalten mit der Jugend. Sie haben das nötige Sitzfleisch und sind trinkfest genug. Ihr Rezept gegen den Kater: eine zünftige Brotzeit. Und Training: auf den vielen Festen in Rosenheim vor der Wiesn.