Rosenheim – „Servus Willy“, „Schön, dass du wieder da bist“ – Wenn Willy Achorner durch die Tür des Kinderhorts Jonathan tritt, ist die Freude groß. Seit zwei Jahren kommt der 57-Jährige fast jeden Tag für anderthalb Stunden in die Innsbrucker Straße 1a und hilft den Kindern bei den Hausaufgaben. „Sie lesen mir vor. Das Hauptaugenmerk liegt bei den Erst- bis Drittklässlern. Manche können sehr gut lesen und andere haben erhebliche Schwierigkeiten. Ich versuche einfach zu helfen“, beginnt Achorner das Gespräch mit den OVB-Heimatzeitungen. Auch beim Schreiben und bei kniffligen Matheaufgaben steht der sympathische Rosenheimer mit Rat und Tat zur Seite. „Für einige sind die Matheaufgaben schon recht schwierig. Aber das war für mich damals auch nicht anders,“ so Achorner und schmunzelt. Seine Lachfältchen kommen zum Vorschein.
34 Jahre war er Soldat, stationiert unter anderem in München, Brannenburg, Ingolstadt und Laupheim. „Ich hatte auch drei Auslandseinsätze, zwei in Afghanistan und einen in Bosnien“, erinnert er sich und fügt hinzu: „Ich habe dort schon ein paar Dinge erlebt. Aber niemand sagt, dass Krieg schön ist.“ Soldat werden wollte Achorner übrigens schon immer. „Ich habe meine Entscheidung nie bereut“, bestätigt er.
Doch wie kommt man als ehemaliger Berufssoldat in den Kinderhort? Der 57-Jährige scheint diese Frage nicht zum ersten Mal zu hören. „Nach meiner Pensionierung vor drei Jahren kam für mich das Nichtstun nie in Frage und Kinder haben mich schon immer fasziniert“, antwortet er, ohne nachzudenken. Über die Geschäftsführerin der Nachbarschaftshilfe Beate Hoyer-Radtke entstand der Kontakt zum Kinderhort Jonathan.
Kümmert sich um 17-jährigen Afghanen
„Davor habe ich noch nie mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet“, so Achorner. Seine Beschäftigung macht ihm sichtlich Spaß. Begeistert berichtet der Rosenheimer über die Fortschritte seiner Schützlinge und fügt bescheiden hinzu: „Natürlich weiß ich, dass es nicht nur mein Verdienst ist. Aber die Kinder hier sind motiviert. Das gefällt mir.“
Und noch etwas begeistert ihn an seiner Aufgabe: „Ich werde teilweise sogar in der Stadt erkannt, wenn ich mit meiner Frau unterwegs bin. Das ist schon witzig.“
Der 57-Jährige will der Gesellschaft etwas zurückzugeben. Mit seiner Arbeit macht er genau das. „Wenn ich den Hort nach meinen anderthalb Stunden verlasse, dann weiß ich, dass ich etwas für die Gemeinschaft getan habe,“ so der Rosenheimer.
„Willy ist einer der zuverlässigsten Menschen, die ich kenne“, schwärmt Hortleiterin Barbara Bauer. „Er ist vorurteilsfrei zu uns gekommen, hat einen super Kontakt zu den Kindern und geht auf jeden ein. Er ist eine Bereicherung für unser Haus.“
Wenn Achorner nicht im Hort ist, verbringt er Zeit mit dem 17-jährigen Afghanen Rahmialle. „Vor einem Jahr wollte ich neben der Arbeit im Kinderhort noch etwas anderes machen“, so der 57-Jährige. Über das Internet stellte er den Kontakt zu Christian Hlatky von „Startklar“ her, der ihm von einer Gruppe unbegleiteter Flüchtlinge erzählte. Kurz denkt er nach. „Als ich Rahmialle zum ersten Mal getroffen habe, konnten wir über alles reden. Er spricht perfekt Deutsch,“ schwärmt der 57-Jährige und fügt hinzu: „Mit dem Schreiben hat er noch Probleme, da helfe ich ihm.“
Nebenbei erklärt er unter anderem die Begriffe Lohnsteuer und Rentenversicherung – Dinge, die es in Afghanistan eben nicht gibt. „Rahmialle hat mir erzählt, dass sein Vater auch in der Armee war. Er selbst hatte damals die Option Soldat zu werden oder eben nach Deutschland zu kommen, um ein neues und vielleicht sogar besseres Leben zu beginnen“, erzählt der Rosenheimer. Wenn er über den 17-Jährigen spricht, beginnen seine Augen zu leuchten und ein Lächeln umspielt seine Lippen. „Rahmialle will Krankenpfleger werden“, sagt er mit Stolz und fährt fort: „Falls seine Aufenthaltsgenehmigung verlängert wird, kann es aber durchaus passieren, dass er dafür nach München muss.“ Für Achorner ist jetzt schon klar: „Nach München fahre ich nicht jeden Tag, aber ich werde ihn natürlich trotzdem noch ab und zu besuchen.“ Falls er zukünftig weniger Zeit mit Rahmialle verbringen sollte, hat der 57-Jährige sich auch schon etwas anderes überlegt: „In Stephanskirchen gibt es einen Klettergarten für Kinder mit Behinderung sowie Flüchtlinge. Vielleicht ergibt sich da was, das würde mir gefallen.“
Egal ob im Kinderhort, unterwegs mit Rahmialle oder eben im Klettergarten – Willy Achorner kann sich nichts Schöneres vorstellen. „Wenn Rahmialle zu mir sagt: ‚Schön, dass du da bist‘ oder die Kinder mich mit ‚Servus Willy‘ begrüßen, dann ist das einfach nur ein super Gefühl,“ schwärmt der Rosenheimer.
Im Hort wird es lauter und der 57-Jährige wirft einen schnellen Blick auf seine Armbanduhr. „Wir sind alle irgendwie noch Kinder. Ich glaube, dass es nie zu spät für eine glückliche Kindheit ist, aber beim zweiten Mal liegt es an dir selbst.“