Rosenheim – Feierlich hatte Oberbürgermeisterin Gabriele Bauer vor sieben Monaten die Grundsteinlegung am Bahnhof Nord vollzogen. Das war’s dann. Seitdem rührte sich kaum etwas auf der Baustelle. Den Sommer über kam die Gerüchteküche ins Kochen. Platzt das Projekt?, fragten sich viele Rosenheimer. Doch am Donnerstag begann die Vorbereitung der Baustelle mit der Anfahrt der ersten Container.
Beim Besuch in der OVB-Stadtredaktion erläuterten die Investoren Longerich und Thurau, warum es erneut zu einer zeitlichen Verzögerung gekommen war. Der erste Generalunternehmer – mit den Rosenheimer Verhältnissen nicht vertraut und örtlich schlecht vernetzt – zeigte sich nach Angaben der Projektentwickler angesichts der Komplexität der Aufgabenstellung rund um die besondere geologische Situation in Rosenheim, Stichwort: Seeton, verunsichert. Das übertrug sich auf die Bauherren, die sich entschlossen, den Generalunternehmer zu wechseln.
Qualität des Bodens besser als gedacht
Übernommen hat die Züblin AG mit Sitz in München. Zu ihren Projekten gehören unter anderem die „Highlight Towers“, der ADAC-Bau und die Wohnanlage Donnersberger Höfe in der Landeshauptstadt. Das Unternehmen hat eine eigene Tiefbauabteilung, muss die Gründungsarbeiten also nicht fremdvergeben. Züblin-Gruppen- und Projektleiter Werner Weisenbach gilt als Kenner der Region Rosenheim. Er hat für Baufirmen schon bei großen Vorhaben für Unternehmen wie Hamberger, Schattdecor und Kathrein mitgewirkt. Das neue Medical-Cube-Team wird außerdem von Baumanager Uwe Kohler ergänzt.
Um sich in puncto Seeton auf stabile Füße zu stellen, nahmen die Investoren und Projektentwickler noch einen unabhängigen geotechnischen Sachverständigen mit ins Boot. Der Experte regte ergänzende Bodenuntersuchungen an. Im August bestätigten die Ergebnisse sogar, dass die Qualität des Bodens besser ist als gedacht. „Fachtechnisch ist das jetzt geklärt“, betont Thurau.
Die Gründungsmaßnahmen müssen also nicht so umfangreich ausfallen wie ursprünglich gedacht. Die Anzahl der notwendigen Pfähle mit einer Länge von elf bis 17 Metern konnte nach Angaben von Kohler deutlich reduziert werden. Sie würden im Oktober zur Gründung in den Untergrund eingebracht. Noch in diesem Jahr soll der Rohbau starten. „Wir hoffen auf einen milden Winter“, so die Projektleiter. Die ersten Ausbauarbeiten seien für das vierte Quartal 2019 geplant.
Die erste zeitliche Verzögerung war, wie berichtet, durch die Unsicherheiten rund um den Seeton entstanden. Mit dieser Verspätung befindet sich das Medical Cube in guter Gesellschaft: Auch der Bau der Aicherparkbrücke beginnt wegen Seeton-Problemen etwa ein Jahr später als geplant. Die zweite Verzögerung beim Ärztezentrum entstand jetzt durch den Wechsel des Generalunternehmers.
Erstaunlich, dass der Medical Cube GP + Bau GmbH in der Zwischenzeit nicht die Mieter abgesprungen sind. Mit ihnen hatten die Investoren Vorverträge abgeschlossen – üblicherweise Basis für die Finanzierung. Mit den Mietern habe man in engem Kontakt gestanden, diese regelmäßig über den Stand der Dinge und die Hintergründe der Verzögerungen informiert, so Longerich und Thurau. Mittlerweile seien schon 75 Prozent der Räumlichkeiten im Ärztehaus fest vermietet. Mehrere Interessenten stehen laut der Ärzte in den Startlöchern und warten auf den Baubeginn, um sich dem Projekt Ärztehaus ebenfalls noch anzuschließen.
Hochhaus mit Flugdach
Hier sollen sich Vertreter aller Fachrichtungen ansiedeln. Zwischen den Gebäuden ist eine private öffentlich zugängliche Parkgarage mit etwa 200 Stellflächen, Gründach und Café geplant.
An der seit zwei Jahren feststehenden großstädtisch anmutenden Architektur mit einem 32-Meter-Hochhaus mit Flugdach und benachbartem fünfgeschossigen Dienstleistungszentrum wird sich nach Angaben von Longerich und Thurau nichts mehr verändern. Für den Innenbereich gibt es jedoch noch Korrekturwünsche. Ein Mieter, der ein Fitnessstudio im medizinischen Dienstleistungszentrum eröffnen will, möchte eine weitere Vergrößerung seiner Räumlichkeiten – aus politischen Kreisen ist Kritik an dieser Tektur zu vernehmen. Denn bereits beim letzten Änderungswunsch hatte es aus Kreisen von Stadträten geheißen, jetzt sei Schluss mit dem „scheibchenweisen“ Nachziehen.
Auch vom B-&-B-Hotel liegt eine Anfrage zwecks Raumanmietung vor, teilen Longerich und Thurau mit. Sie hatten den Hotelinvestor mit ins Boot geholt für die Entwicklung der Flächen: Die Stadt hatte ihren Verkauf mit dem Wunsch verbunden, auch einen Hotelinvestor zu gewinnen. B & B hat bereits im August 2017 eröffnet.
Über ein Jahr danach hat jetzt auch der Bau von Ärztehaus und Dienstleistungszentrum begonnen. „Jetzt ist Schluss mit dem Planen, „nun wird gebaut. Wir geben Gas“, so Longerich und Thurau. Sie geben zu, dass das Projekt am Bahnhof mehr Zeit gekostet hat als geplant. „Doch wir stehen zu hundert Prozent dahinter. Wir sind sicher, dass es funktioniert und die ambulante medizinische Versorgung in Rosenheim nachhaltig verbessert.“