Die Saatkrähe steht unter Schutz. Foto DPA
Anflug mit Geschrei: Der Lärm nervt.
Die Saatkrähe steht unter Schutz. Foto DPA
Anflug mit Geschrei: Der Lärm nervt.
Rosenheim – Bei der Bürgerversammlung in Fürstätt machte Erika Will im Namen mehrerer Anwohner der Verärgerung Luft: Unerträglich sei das Geschrei der Krähen. „Im Sommer konnten wir uns abends oft auf der Terrasse nicht unterhalten.“ Besonders schlimm ist es nach Angaben von Erika Will ab Ende März bis in den Mai hinein, wenn der Nestbau stattfindet. „Dann wird von morgens bis abends geschrien“, seufzt sie. Auch jetzt, im Herbst, geben die Vögel keine Ruhe: Gegen 5.30 Uhr beginnen sie zu lärmen, vor Sonnenuntergang fliegen sie im großen Schwarm Richtung Kunstmühle und heim zu ihren Schlafplätzen – ebenfalls begleitet durch lautes Geschrei.
Weniger Singvögel zu beobachten
In den vergangenen Jahren habe sich die Population explosionsartig vermehrt, stellen die Anwohner fest. Diese Beobachtung bestätigt auch die Stadt: Die Kolonie an der Kampenwandstraße gibt es seit 2012, mittlerweile leben hier 100 Brutpaare – Tendenz steigend. Die Kolonie an der Hochfellnstraße hat sich 2017 angesiedelt. Aus zehn Paaren wurden innerhalb eines Jahres 45, so die Zahlen der Verwaltung. Liegen in jedem Nest, das die Paare bauen, zwei Eier, „kann man hochrechnen, wie sich die Krähen weiter vermehren werden“, warnt Will.
Stundenlanges Krächzen, das die Nachbarn nervt, hatte schon 2013 in Rosenheim für Ärger gesorgt – damals mitten in der Stadt in der Nähe der Loretowiese.
Die Anlieger im aktuellen Fall klagen nicht nur über das laute, fast pausenlose Geschrei der Vögel, sondern auch über ihre Hinterlassenschaften. „Wenn ich mit dem Radl Richtung Kaufland fahre, müsste ich eigentlich einen Regenschirm aufspannen“, bringt Will den Kotregen auf den Punkt. Die Vögel halten sich außerdem als Nesträuber an Singvögeln schadlos – deren Abnahme stellen die Anlieger bereits fest, wie Marianne Wiedemann in einem Brief an die Oberbürgermeisterin bedauert.
Doch die naturschutzrechtlich besonders geschützten Saatkrähen dürfen nicht gejagt werden, erläuterte Rechtsdezernent Herbert Hoch in der Bürgerversammlung. Auch eine Vergrämung oder Vertreibung muss genehmigt werden. Diese Ausnahmeerlaubnis erteilt die Höhere Naturschutzbehörde bei der Regierung von Oberbayern. Mit ihr hat die Stadt am Donnerstag, 11. Oktober, eine Ortsbesichtigung vereinbart. Bei diesem Termin sollen Lösungsvorschläge erarbeitet werden.
Es fehlen die
natürlichen Feinde
Bereits vor drei Jahren hatte die Stadt einen Vorstoß unternommen. Damals sah die Höhere Naturschutzbehörde einen grundsätzlichen Handlungsbedarf, stellte jedoch auch klar: Eine vollständige Auflösung der Kolonie darf nicht das Ziel sein, sondern nur eine Entschärfung der Situation. Darum geht es auch den Anliegern. „Wir möchten, dass der Bestand dezimiert wird“, so Will.
Fest steht auch: Eine Vergrämung birgt die Gefahr des Sankt-Florians-Prinzips: Die Vögel wechseln an einen anderen Brutstandort – dann haben die Bewohner dort das Geschrei am Hals. Und die Krähen neigen dazu, Splitterkolonien zu bilden – mit der Folge, dass sich die Paarungsbereitschaft weiter erhöht, warnt das Rosenheimer Umweltamt.
Was tun? Die Anlieger haben sich umfänglich informiert. Sie schlagen unter anderem Maßnahmen vor, die in Puchheim angewendet wurden (siehe Kasten). Außerdem erhoffen sich die Betroffenen von einer anstehenden Fällung von Eschen im Bereich Kampenwandstraße, die erkrankt sind, eine Besserung.
Die Krähenplage sei das Symptom eines vom Menschen gemachten Problems, sagt Clara Wild, Expertin beim Landesbund für Vogelschutz. „Krähen können sich sehr gut am Rande von Stadtgebieten vermehren, da sie dort genügend Futter finden“, erläutert sie. Im betroffenen Gebiet in Rosenheim machen sich die Vögel nach Beobachtungen der Anlieger vor allem über Abfallbehälter im Naherholungsgebiet an der Mangfall her. Dort hinterlassen viele außerdem nach Picknicks oder Feiern Speisereste – beliebte Schmankerl für die Krähen.
„Es fehlen die natürlichen Feinde“, ist außerdem Steffen Storandt, Vorsitzender des Bund Naturschutzes, Ortsgruppe Rosenheim, überzeugt. Habicht und Sperber beispielsweise sind immer seltener in den Lüften unterwegs.
Wanderfalke gegen die Taubenplage
Ein Problem, das in der Innenstadt von Rosenheim auch zu einer Taubenplage geführt hat. Auch diese Vögel werden durch Essensreste aus den Imbissbuden, aber auch durch falsch verstandene Tierliebe, die zu Fütterungen führt, verwöhnt. Mit der Ansiedlung von Wanderfalken im Kirchturm von St. Nikolaus versucht die Stadt, die Population einzudämmen.
Anliegerin Will fordert in puncto Saatkrähe ein generelles Umdenken: Ein Schutzgesetz, das vor 15 bis 20 Jahren durchaus seine Berechtigung gehabt habe, dürfe nicht für die Ewigkeit festgeschrieben und könne doch auch wieder rückgängig gemacht werden.
Bereits im zweiten Jahr sind in Puchheim die „Birdcards“ im Einsatz: Sie ahmen einen Panikruf von Rabenvögeln nach, der die Krähen von einem Nestbau abhalten soll. „Es hat ganz gut geklappt“, berichtet Monika Dufner, Umweltbeauftragte von Puchheim, auf Anfrage. In den Splitterbereichen der Kolonie sind die Vögel verschwunden, am Rande der Hauptkolonie zurückgewichen. In Puchheim, wo das Problem seit zehn Jahren auftritt, durfte die Stadt in Randbereichen sogar Eier aus Nestern entnehmen und durch Gipskörper ersetzen. Ein echtes Ei musst jedoch immer übrig bleiben. In Splitterpopulationen waren auch Greifvögel im Einsatz. Die Zahl der Nester sei dank dieser Maßnahmen von 460 auf 240 reduziert worden, so Dufner. Ob dieser Erfolg von Dauer ist? „Die Saatkrähe ist schlau“, habe die Stadt immer wieder feststellen müssen. Austricksen lasse sich der Vogel nicht immer. Im Kampf gegen die Plage möchte Puchheim deshalb gerne auch in der Hauptkolonie einen Falkner einsetzen. Das wurde nicht genehmigt, weshalb die Stadt Klage gegen die Regierung von Oberbayern erhoben hat. duc