Entspannen auf dem Friedhof: Angelika Müller verbringt hier gern ihre Mittagspause
Vorbei an der Urnenwand: Auf dem Weg zum Verwaltungsgebäude kommen Besucher am Urnenwandgrab, mit 392 Urnenwandnischen, vorbei.
Idylle pur: Auf seinem Rundgang kommt Amtsleiter Seeburger an zahlreichen Bänken vorbei.
Erholung an einem Ort der Trauer
Rosenheim – Mütter, die mit ihrem Kinderwagen gemütlich über den Friedhof schlendern, Männer, die ihre Mittagspause auf einer der vielen Friedhofsbänke verbringen und genüsslich eine Brezel essen und Frauen, die noch schnell die letzten Seiten in einem Krimi lesen: Der städtische Friedhof ist längst nicht mehr nur ein Ort der Trauer. Im Gegenteil – immer mehr Menschen nutzen ihn zum Entspannen.
Nicht verwunderlich laut Ralf Seeburger, Leiter des Umwelt- und Grünflächenamtes: „Der städtische Friedhof ist ein geschichtsträchtiger Ort der Stille“, sagt er. Und tatsächlich: Hört man am Eingang noch den Baustellenlärm, schreiende Kinder und das Hupen genervter Autofahrer, merkt man davon hinter der Mauer nichts mehr.
Der perfekte Platz also, um beispielsweise die Mittagspause zu verbringen und der Hektik des Alltags für ein paar Minuten zu entkommen – findet auch Angelika Müller. Mit geschlossenen Augen genießt die 58-Jährige die Sonne. Neben ihr steht ein pink-roter Rucksack. Eine Banane, einen Apfel und ein belegtes Brot hat sie dabei. Die Kolbermoorerin arbeitet in Rosenheim und verbringt ihre einstündige Mittagspause gern an diesem ruhigen Ort, um Energie für die zweite Hälfte des Arbeitstages zu tanken: „Ich finde es hier einfach nur schön und super zum Entspannen. Diese Ruhe findet man sonst nur in der Stadtbibliothek“, sagt Müller. Gern nutzt sie die Zeit, um zu lesen. Gerade ist es die Lebensgeschichte von Thomas Gillitzer. Passend irgendwie, ist der Erbauer des Gillitzerblocks und Besitzer des ehemaligen Hotels „Deutscher Kaiser“ doch auch auf dem städtischen Friedhof begraben.
Auf der acht Hektar großen Fläche gibt es fast 9500 Gräber. Vor einem sitzt Valentine Bauhart. Die 73-Jährige hat fünf Angehörige, die auf dem städtischen Friedhof ihre letzte Ruhe gefunden haben – Schwiegereltern, Großeltern und ihr Sohn. „Der Friedhof ist ein Ort, der Ruhe und Frieden vermittelt“, sagt die Holzkirchnerin leise. Einmal im Monat nimmt sie den Weg nach Rosenheim auf sich, und kümmert sich um die Gräber. Dass Menschen wie Angelika Müller den Friedhof als Rückzugsort nutzen, findet sie „nicht schlimm“. „Solange sie sich anständig und ruhig verhalten, habe ich damit kein Problem.“
Bauhart wirft einen letzten Blick zurück und geht langsam in Richtung Ausgang. In der Ferne schlendert Peter Knief gemächlich von einem Grab zum Nächsten. Der 72-Jährige ist mit seiner Frau da: „Sie kümmert sich um das Grab.“ Dass viele Leute auf dem städtischen Friedhof spazierengehen, kann er gut nachvollziehen: „Das mache ich selbst auch gerne. Erst wird das Grab gepflegt, dann machen wir einen Rundgang.“ Einen Lieblingsplatz haben die beiden nicht.
Ganz anders Amtsleiter Seeburger. Ohne nachzudenken, nennt er seinen Favoriten: „Zwischen Aussegnungshalle und Ehrengrabanlage, wegen der Freifläche und dem alten Baumbestand.“
Birken, Ahorn, Fichten, Eiben: Generell wirkt der Friedhof mit seinen 450 Bäumen mehr wie ein Stadtpark. Statt Mauern gibt es eine Rotbuch-Hecke. die Staude Weihenstephan, die Kräuter Salbei und Thymiane sorgen für Farbtupfer zwischen den meist grauen Grabsteinen. „Wir experimentieren momentan mit verschiedenen Pflanzenarten“, sagt der Amtsleiter. Der Grund: Neben der Anschaulichkeit sollen die Blühstreifen außerdem das Wachstum von Unkraut verhindern.
Geschichte, Kultur, Entspannung – der städtische Friedhof hat viel zu bieten. Und damit das auch in Zukunft so bleibt, hat es sich Seeburger zum Ziel gemacht, den Friedhof noch attraktiver zu gestalten. Geplant sind unter anderem schattige Sitzbänke und Blickachsen. Außerdem sollen mehr Bäume und Sträucher gepflanzt werden.
Darüber würde sich auch Angelika Müller freuen, die mittlerweile ihre Mittagspause beendet hat. Valentine Bauhart und Peter Knief sind auf dem Heimweg.
In einigen Stunden ist auch für Seeburger Feierabend. Auf die Frage ob er seine Freizeit oder seine Büropause ebenfalls mit einem Buch auf dem Friedhof verbringen würde, antwortet er: „Warum nicht, ein gutes Buch an einem Ort der Ruhe, das passt doch.“