Luis Huber (17): Geschichte hat mich schon immer interessiert. Es liegt immer daran, wie sie rübergebracht wird. Vor dem Seminar wäre eine Mitgliedschaft beim Historischen Verein für mich nie in Frage gekommen. Nachdem ich zwei Vorträge des Vereins besucht habe, war ich wirklich überrascht. Das war schon sehr interessant. Am meisten interessieren sich junge Menschen für die jüngere Geschichte.
Der Historische Verein Rosenheim hat ein Problem: Der Altersdurchschnitt der aktuell 379 Mitglieder ist Ü60. Junge Leute für den Verein zu begeistern, ist nicht einfach. Darum haben 15 Schüler des Ignaz-Günter-Gymnasiums ein Marketing-Konzept entwickelt, mit dem die junge Generation angesprochen werden soll.
Geschichte wird lebendig
Rosenheim – Den Historischen Verein Rosenheim gibt es seit 1901. Die Mitglieder erforschen Geschichte und Kultur von Stadt und Landkreis Rosenheim und machen ihre Ergebnisse mittels Vorträgen, wissenschaftlichen Publikationen, Ausstellungsbesuchen, Exkursionen und Diskussionen auch einer breiten Öffentlichkeit zugänglich. Begeistern für dieses umfangreiche, ehrenamtliche Engagement konnte der Verein in der Vergangenheit fast ausschließlich ältere Menschen. Das soll nun anders werden. Für dieses Ziel sind die Mitglieder auch durchaus bereit, eingefahrene Wege zu verlassen und Neuland zu betreten. „Es soll sich nicht nur etwas ändern, es muss sich was ändern“, steht für Vorstand Karl-Heinz Brauner fest. Sein Hauptberuf ist Geschichtslehrer am Ignaz-Günther-Gymnasium. So kam er im vergangenen Jahr auf die Idee, die Schüler seines Projekt-Seminars mit der Aufgabe zu betrauen, Marketing-Strategien zu entwickeln.
Zuerst besuchten die 15 Jugendlichen die Jahreshauptversammlung des Historischen Vereins, um so schon einmal mit den Mitgliedern ins Gespräch zu kommen und sich ein besseres Bild über die Aufgaben des Vereins machen zu können. „Das war ein unglaublicher Abend“, erinnert sich Vorstand Karl-Heinz Brauner. Die Vereinsmitglieder seien sehr begeistert gewesen, einmal so viele junge Menschen unter ihren Reihen zu haben.
Nach und nach entwickelten die Gymnasiasten danach Ideen, wie man den Verein einer „Frischzellenkur“ unterziehen könnte. Unter dem Motto „Wir sind Geschichte“ produzierten sie einen Imagefilm. Hilfe bekamen sie von einem professionellen Filmstudio. Gezeigt wird beispielsweise, wie sich bekannte Orte in Rosenheim in den vergangenen Jahrzehnten verändert haben. Dieser Film soll nicht nur auf der Homepage des Vereins zu sehen sein, sondern auch in verschiedenen, sozialen Netzwerken.
Zeitzeugen
erzählen
Außerdem besuchten die Jugendlichen eine vierte Klasse der Erlenau-Schule und brachten den Kindern spielerisch und unterhaltsam die Geschichte ihrer Heimat nahe. „Den Kindern hat das richtig viel Spaß gemacht“, sagt die 18-jährige Greta Wittram. Auch sie selbst habe durch das Projekt viel dazugelernt: „Es ist schon spannend, wenn man sieht, wie sich Orte, an denen man selbst oft ist, mit der Zeit verändert haben.“
Zuletzt nahmen die Schüler des Ignaz-Günter-Gymnasiums Kontakt mit einigen Zeitzeugen auf, die ihre Erlebnisse bereits in Interviews für den Historischen Verein geschildert haben, um auf diese Weise ein besseres Verständnis für die Vergangenheit zu bekommen.
Nach einem Jahr intensiver Auseinandersetzung mit dem Thema veranstalteten die Schüler zum Abschluss einen Präsentations-Abend im Saal ihrer Schule. Zu Gast waren neben Lehrern, Eltern, Mitschülern und Mitgliedern des Historischen Vereins auch einige der Zeitzeugen. Im Interview mit den Schülern sprachen sie noch einmal kurz über ihre Vergangenheit: Susanne Feindor etwa kam im Jahr 1945, nach Krieg und Vertreibung, aus Stettin nach Rosenheim, Horst Rankl ist seit 1963 Mitglied im Theater Rosenheim und hat sich als Kulturschaffender in der Stadt große Verdienste erworben, und Michael Kleeberger gehörte dem Rosenheimer Stadtrat in der Zeit von 1969 bis 1984 an.
Auch wenn das Projekt „Frischzellenkur für den Historischen Verein“ damit nun offiziell beendet ist, wollen einige der beteiligten Schüler sich auch in Zukunft auf jeden Fall weiter für den Historischen Verein Rosenheim engagieren.