Westerndorf – Acht Stunden nach dem Unglück sitzt Sylvia Kirchmeier am Mittagstisch in der Küche ihrer Vermieter. Den Salat vor sich rührt sie nicht an. Und auch auf die Würste aus der Pfanne hat sie nicht so recht Appetit. Zu tief ist ihr am frühen Morgen der Schreck in die Glieder gefahren. Und dabei hat sie wirklich noch einmal Glück gehabt. Ein Schutzengel muss über sie gewacht haben.
Sylvia Kirchmeier ist 42 Jahre alt und wohnt seit einem Jahr unterm Dach bei den Dräxls in Westerndorf. Nicht mehr im Hauptgebäude, sondern nebenan im Zweifamilienhaus. Oben im ersten Stock hat sie die Wohnung gemietet. Das Schlafzimmerfenster hat einen wunderbaren Ausblick in den Himmel. Vom Balkon fällt der Blick direkt hinein in die dicken Äste einer uralten Eiche. Ein ruhiger, beschaulicher Platz. Bis die Dienstag.
Dachziegel auf
dem Kopfkissen
Es ist etwa halb fünf Uhr morgens. Draußen tobt der erste richtige Herbststurm des Jahres. Blätter und kleinere Äste treiben ums Haus, das auf einer kleinen Anhöhe steht. Sylvia Kirchmeier wacht auf von einem Geräusch. Um nachzusehen, steht sie auf. Raus aus ihrem Bett, das unter dem Dachfenster, in einer Schräge, Platz gefunden hat. Sekunden später splittert Glas. Fallen zerborstene Dachziegel, Glasscherben, Blätter und Äste auf die Stelle, an der Sylvia Kirchmeier gerade gelegen hat. Draußen hat der Sturm die Eiche gefällt. Den Stamm mit einem gewaltigen Hieb gespalten. Der 150 Jahre alte und 24 Meter hohe Baum ist auf das Hausdach gekracht – genau dort, wo das Dachfenster liegt.
„Ich kann das bisher noch gar nicht fassen“, sagt Sylvia Kirchmeier mittags am Küchentisch. Nach dem Unglück hat sie gleich angefangen, wieder Ordnung in ihrer Wohnung zu schaffen. Hat über Stunden funktioniert. Jetzt aber, in der Küche der Dräxls, lässt die Anspannung ein wenig nach. „Ich spüre, dass ich sehr viel Glück gehabt habe“, sagt sie. Es ist nicht das erste Mal. Nicht das erste Mal, dass die Eiche beinahe ihr Unglück geworden wäre.
Drei Jahre ist es her, als ein riesiger Ast aus der gigantischen, 15 Meter breiten Krone des Baumes gebrochen und auf den Weg zum Haus geknallt war – wenige Minuten, nachdem Sylvia Kirchmeier dort vorbeigekommen war.
Während sie von ihren bangen Momenten am frühen Dienstagmorgen erzählt, arbeiten draußen die Männer vom Dräxl-Hof mit aller Kraft, um die Sturmschäden zu beseitigen. Josef Dräxl steht oben auf dem Dach. Er stemmt sich gegen einen dicken Ast. Der kommt langsam ins Rutschen, nimmt Tempo auf und poltert schließlich auf den Treppenabsatz vor der Eingangstür. Unten, am Boden, steuert Josef Dräxl junior einen großen Greifer. Der zerrt die Äste auseinander, bricht sie. Schleudert sie auf einen Hänger. Nachbarn sind gekommen, alle helfen zusammen, damit bald Schluss ist mit dem Schaden – und der Eiche, die ihn angerichtet hat.
Vorherzusehen war das alles nicht. Im Gegenteil. Erst vor zwei Jahren hatte eine Expertin aus München dem Baum weitere 80 Jahre Lebenszeit vorausgesagt, erzählen Sylvia Kirchmeier und Dräxl junior.
Schutzengel
wacht
Der Baum mit einem Stammumfang von über fünf Metern war sogar zum „Naturdenkmal“ ernannt worden – als „Solitärbaum aufgrund seiner prägenden Wirkung auf das Ortsbild“. Wer durch Westerndorf kam, ging gerne ein paar Schritte von der Straße ab, um die prächtige Stieleiche zu bewundern. Auch Sylvia Kirchmeier mochte den alten Baum. „Die Eiche war toll“, sagt sie. Und fügt an: „Aber jetzt…“ Sie wird wohl erst einmal bei ihrer Schwester schlafen. Zur Ruhe kommen. Mehr und mehr begreifen, wie viel Glück sie gehabt hat. Wie gut ihr Schutzengel über sie gewacht hat, am frühen Dienstagmorgen im Bett unter ihrem Dachfenster.