von Redaktion

Nach 38 Jahren: Ernst Mannsfeld (90) heiratet seine Frau Rosi (80) noch einmal

Ein glückliches Paar sind Ernst und Rosi Mannsfeld seit bald vier Jahrzehnten. Dieses Foto zeigt die beiden, als sie noch zusammen wohnen konnten.

Ein Herzenswunsch geht in Erfüllung

Rosenheim – Behutsam öffnet Rosi Mannsfeld die kleine Schachtel mit den beiden Ringen. Silber, mit viel Glitzer. „Mal etwas anderes“, sagt die 80-Jährige. Heute, Samstag, heiratet sie ihren Ernst (90). Dabei sind die beiden schon seit 38 Jahren ein getrautes Paar – und doch hat immer etwas gefehlt.

Neben der Schachtel mit den Ringen liegt eine To-do-Liste. Hochzeitstorte bestellen, Blumen aussuchen, Ringe abholen, Metzgerei anrufen, Unterlagen zum Pfarrer bringen. Hinter jeder Aufgabe hat Rosi Mannsfeld einen Haken gesetzt. Viel zu tun ist nicht mehr. Nur hinter dem letzten Punkt fehlt der Haken. „Ernst abholen“ steht da in schwarzen Buchstaben. Seit zwei Jahren können Rosi Mannsfeld und ihr Mann nicht mehr zusammen wohnen. Ein trauriges Detail ihres langen, gemeinsamen Weges.

Geburtstagsfest

bringt die Liebe

Die Liebesgeschichte der beiden beginnt vor 43 Jahren. Im Jahr 1975. „Wir haben uns auf einer Geburtstagsfeier in Geretsried kennengelernt. Ernst war sehr schüchtern“, erzählt Rosi Mannsfeld. Sie kommt ursprünglich aus Kroatien, lebt seit 50 Jahren in Bayern und arbeitete lange Zeit als Floristin. Ernst lebte in der DDR und war als Chauffeur tätig. Aus politischen Gründen sass er für zwei Jahre im Gefängnis und wurde schließlich vom Westen freigekauft. „Mein Ernst hatte es sehr schwer. Ihm wurden schreckliche Dinge angetan. Wenn ich daran denke, bekomme ich eine Gänsehaut“, sagt seine Frau. Er habe für lange Zeit mit dem Trauma seiner Vergangenheit zu kämpfen gehabt. Sie war stets an seiner Seite. „Er hat mir oft gesagt, dass er es ohne mich nie durch diese schweren Zeiten geschafft hätte.“ Tränen laufen über ihre Wangen. Sie sucht nach einem Taschentuch in ihrer Handtasche. Nach einer Weile fährt sie fort: „Ich wusste sofort, dass er meine große Liebe ist.“

Am 12. September 1980 feiern die beiden standesamtliche Hochzeit. Gemeinsame Kinder bekommen sie zwar nicht, dafür kümmert sich Ernst liebevoll um Rosis Tochter Xenia aus erster Ehe und um die drei Enkelkinder. „Familie ist mir unheimlich wichtig“, sagt Rosi Mannsfeld. Nach und nach bauen sich die beiden ihr gemeinsames Leben in Geretsried auf. Sie machen viele Ausflüge und reisen durch die Welt. „Ernst hat sogar kroatisch für mich gelernt“, sagt Rosi Mannsfeld und strahlt. Doch das Glück bleibt nicht für immer.

Ein schlimmer Schicksalsschlag ereilt das Paar. „Mein Ernst war Schlittenfahren mit den Enkeln. Die Strecke war vereist, er ist vom Schlitten gefallen und hat sich sehr schlimm am Kopf verletzt“, sagt Rosi Mannsfeld. Sie weint. Fast drei Monate liegt ihr Mann im Koma. Rosi sitzt jeden Tag an seinem Bett. Als er aufwacht, fällt ihm das Sprechen schwer. Beinahe täglich muss er zur Reha. „Ich habe Ernst rund fünf Jahre zu Hause gepflegt. Wir waren täglich spazieren und haben viele Unterhaltungen geführt. Aber es ist einfach alles zu viel geworden und ich bin zusammengebrochen.“ In der Folge müssen beide ihr Haus in Geretsried aufgeben. Ernst kommt in ein Altersheim nach Wolfratshausen, Rosi zieht zur Tochter Xenia nach Rosenheim.

Das weiße Kleid

liegt schon bereit

Von nun an sehen sich die beiden nur noch zweimal pro Woche. „Wir telefonieren jeden Tag fünfmal“, sagt Rosi. Und so schwierig die Situation ist: Sie weiß, dass die Entscheidung die richtige war. „Ernst ist glücklich. Ihm gefällt es im Seniorenpark.“

Ernst Mannsfeld ist jetzt 90 Jahre alt und obwohl er so viel erlebt hat, den Herzenswunsch seiner Rosi hat er nie vergessen: die kirchliche Trauung. „Seit Jahren wünsche ich mir das“, sagt Rosi. Beide sind katholisch, waren aber vor ihrer Ehe schon einmal verheiratet. Die katholische Kirche schreibt vor, dass man nur dann ein zweites Mal kirchlich heiraten kann, wenn einer der beiden Ehepartner verstorben ist. „Ernsts erste Frau ist aber erst vor einigen Jahren gestorben“, sagt Rosi Mannsfeld. Eine traurige Nachricht, wie sie immer wieder betont. Und dennoch ermöglicht gerade diese Nachricht die kirchliche Trauung für sie und ihren Mann Ernst.

Die weiße Tasche und die weißen Schuhe stehen bereit, das samtfarbene, knielange Kleid hängt im Kleiderschrank. Einen kleinen Blumenkranz möchte die 80-Jährige im Haar tragen. Ernst wird einen dunkelblauen Anzug anziehen. Die passende Fliege dazu hat seine Frau extra für ihn genäht. Jedes Detail hat sie mit ihrem Mann am Telefon besprochen. Zwei Enkel sind Trauzeugen, der dritte hat beruflich in Schottland zu tun, er wird es nicht zur Hochzeit schaffen.

Und auch wenn einer fehlen wird in der Kirche, Rosi und Ernst Mannsfeld sehen das nicht als schlechtes Omen für ihre Liebe: „Unser Vertrauen ist groß und es gibt keine Eifersucht“, sagt die 80-Jährige. Kurz überlegt sie: „Natürlich gab es viele Tiefen. Aber das ist nicht wichtig. Wir haben uns beide. Nur das zählt.“

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