Rosenheim – In langen Schlangen standen die Bürger vor dem Sportheim Pang an, um Zugang zur Gründungsversammlung für die Bürgerinitiative (BI) gegen einen möglichen Nordzulauf zum Brennerbasistunnel zu erhalten. Nicht jeder der 300 Gäste ergatterte einen Sitzplatz. Der Versammlungsort hätte nicht besser ausgewählt werden können: Über das Sportplatzgelände könnten Gleise führen.
Mit einem emotionalen Film von Alex Walz leitete die Initiative in das Thema ein. Der Film zeigte plakativ die möglichen Auswirkungen einer zweigleisigen Neubaustrecke durch Westerndorf, Pang, Aising und Happing. BI-Sprecherin Alexandra Linordner gelang es, sachlich durch den Abend zu führen, trotz großer Sorgen der Bürger um ihre Heimat, um den Wert ihrer Grundstücke, um Lärm und Zerstörung der Landschaft. Sie erstickte Versuche im Keim, die Thematik zu politisieren oder sich auf Schuldzuweisungen an die Adresse der Politik oder der Bahn, die den Planungsauftrag abarbeiten muss, zu konzentrieren. „Wir müssen ein starker Haufen werden. Lasst uns anpacken, wir können nicht mehr warten“, sagte Linordner und machte damit deutlich, dass sich auch im Rosenheimer Süden der Widerstand schnell formieren muss. 232 Bürger unterschrieben noch am Abend ihre (kostenlose) Mitgliedschaft in der Bürgerinitiative.
Vor einem Monat hatten sich ihre Initiatoren zum ersten Mal getroffen. Jetzt geben sie Gas im Kampf gegen einen möglichen Nordzulauf – auch mit Aktionen wie Mahnfeuern und Demonstrationen. Die Initiativengründer legen Wert auf die Feststellung, dass sie nicht nach dem Sankt-Florians-Prinzip handeln wollen. Natürlich geht es den Bürgern aus Westerndorf, Pang, Aising und Happing darum, die zweigleisige Neubaustrecke durch das Rosenheimer Becken zu verhindern, doch sie wollen den Schulterschluss mit den Gegnern aus dem Inntal, die ebenso betroffen sein könnten. Das gemeinsame Ziel: Planungsstopp.
Warum, erläuterte Dr. Hermann Biehler vom Rosenheimer Forum für Städtebau und Umweltfragen, der mehrere Rosenheimer Initiativen im Gemeindeforum Süd vertritt. Die Region habe keinerlei Vorteile von den Neubaustrecken. Es werde keinen Halt für die Bürger geben. Auch die Kriterien, die bei der Beurteilung der möglichen Trassenvorschläge helfen sollen, zeigen nach Biehlers Angaben: „Wir haben nur Nachteile.“ Er warnte auch davor, sich zu sehr Hoffnung auf Tunnellösungen zu machen. „Das kann man vergessen“, zeigte sich Biehler angesichts der schwierigen geologischen Verhältnisse (Seeton) in Rosenheim überzeugt. Pang sei eventuell stark betroffen, bedauerte Biehler. „Der Landschaftsverlust ist jedoch auch anderswo groß.“ Deshalb knüpfte auch er seine Unterstützung der neuen BI an die Forderung, gemeinsam mit den Gegnern aus anderen Regionen vorzugehen. „Seien Sie kritisch, wehrhaft, dialogbereit“, lautete Biehlers weiterer Appell.
Die Initiativen-Gründer bewiesen in ihren Vorträgen, dass sie wehrhaft sind – mit Argumenten. Josef Gilg warnte vor einer Zerstörung des Naturraums durch Brücken, Aufschüttungen, Schneisen und vor Lärm. Martin Grießer wies darauf hin, dass die 14 Kilometer lange und nach seinen Berechnungen etwa 30 Meter breite mögliche Trasse (mit Nebenflächen) zwischen Reischenhart und Mangfall mit Anbindung über Aising und Happing auch durch die ertragreichsten landwirtschaftlichen Nutzflächen im Landkreis führen würde.
Dieter Eberle stellte fest, dass bereits jetzt ein Verlust des Wohnwertes festzustellen sei. Doch es gehe auch um immaterielle Werte: Die Aussicht auf die Bergkette werde vermauert, Naherholungsgebiete und Spazierwege würden durchschnitten. Eine etwa zehn bis 15 Jahre dauernde Großbaustelle verursache Lärm und Dreck. Rosenheim sei durch B15, Autobahn und Bahngleise schon stark belastet. „Jetzt ist ein Punkt erreicht, jetzt reicht’s.“
Georg Mühlegger stellte den Bedarf grundsätzlich infrage. Die Bestandsstrecke reiche aus, ein drittes und viertes Gleis werde nicht benötigt. Das Geld für die Neubaustrecken solle am besten in den Lärmschutz an den bestehenden Gleisen gesteckt werden. Mühlegger sieht die Gefahr, dass Verladeterminals gebaut werden, die weiteren Lkw-Verkehr anlocken. Carola Eberle warnte außerdem vor einer Gefährdung einer europaweit einmaligen Kulturstätte: der Barockkirche Westerndorf am Wasen.
Alle Redebeiträge – auch jene aus dem Publikum – zeigten auf: Es wird Zeit für eine neue Verkehrspolitik – auf der Basis von nachvollziehbare Zahlen, die den Bedarf nachweisen. Deshalb fassten die BI-Sprecher Linordner und Gilg zusammen: „Wir fordern den Planungsstopp.“