Gefahrenzone Behörde

von Redaktion

Aggressive Kunden attackieren Verwaltungs-Mitarbeiter – Stadt legt Schutzprogramm vor

Rosenheim – Mitarbeiter der städtischen Verwaltung leben gefährlich. Zumindest, wenn sie in Büros sitzen mit viel Parteienverkehr. Denn es gibt Kunden, die ihren Frust direkt an den Behörden-Mitarbeitern auslassen. Morddrohungen hat es gegeben. Stühle sind geflogen. Körperliche Attacken wurden gemeldet. Das Rathaus reagiert mit einem Sicherheitskonzept.

Dass Locher und Tacker in der Schublade bleiben, um nicht zum Wurfgeschoss für wütende Besucher zu werden, ist eine eher niedrigschwellige Reaktion auf die zunehmende Gefahr am Arbeitsplatz in den Gebäuden und Räumen der Stadtverwaltung. Nun will die Stadt Fluchtwege für ihre Mitarbeiter schaffen, Schleusen und Alarmanlagen einrichten. Diese und eine Vielzahl anderer Sicherheitsmaßnahmen enthält das Präventionskonzept, das Rosenheims Bürgermeisterin Gabriele Bauer (CSU) im Haupt- und Finanzausschuss vorberatend vorgestellt hat. Die endgültige Entscheidung fällt am Mittwoch im Stadtrat.

Viele Kunden,
mehr Bedrohung

Die Kosten für die baulichen und technischen Änderungen sind mit insgesamt 500000 Euro veranschlagt, verteilt auf fünf bis sieben Jahre. Hinzu kommen Ausgaben in Höhe von 20000 Euro pro Jahr für die Schulung der Verwaltungsmitarbeiter. Sie sollen in einem regelmäßigen Turnus lernen, wie sie mit renitenten Kunden umgehen und sich selbst schützen können. Die Schulung erfolgt umso engmaschiger, je höher die Gefährdung ist.

Grundsätzlich gilt: Nicht alle Mitarbeiter arbeiten in gleicher Gefahrenlage. Vier Gefährdungsstufen sind in dem Konzept genannt. Gefährdungsstufe 1 betrifft Büros ohne Parteienverkehr. Zur Stufe vier zählen alle Büros mit regelmäßigem Parteienverkehr und einer besonderen Gefährdungslage – etwa, wenn es um die Auszahlung finanzieller Leistungen geht. Besonders bedroht sind zudem Mitarbeiter im Außendienst, bei der Baukontrolle und der Verkehrsüberwachung. Für sie sind unter anderem Sicherheitswesten bei jedem Termin vorgesehen.

Die Risikofaktoren, die zu Übergriffen führen können, sind so vielfältig wie die Situationen und die Menschen, die sich in ihnen befinden: Auf der eine Seite steht der Täter, der vielleicht gerade eine Absage für sein Anliegen bekommen hat, frustriert ist und von jeher Konflikte eher mit Gewalt löst. Andere verstehen die Verwaltungsprozesse nicht, sind respektlos oder haben falsche Erwartungen. Auch Existenzängste, psychische Erkrankungen und unterschiedliche Wertvorstellungen können zu unangemessenen Reaktionen führen. Dem Täter gegenüber steht das Opfer: möglicherweise ein Sachbearbeiter, der überfordert ist, weil ihm die fachliche Kompetenz fehlt. Weil er Vorurteile hat, unangemessen auftritt. Oder auch, weil ihn Überlastung und private Probleme reizbar machen. Der weder auf ein ausreichendes Beschwerdemanagement zurückgreifen kann noch auf Leitlinien.

21 Übergriffe
im Jahr 2017

Und selbst bauliche Mängel können dazu beitragen, dass sich Konflikte hochschaukeln: Da sind die unfreundlich gestaltete Wartezone, die räumliche Enge, die mangelnde Privatsphäre oder die fehlende Trennung von Front- und Backoffice, die dafür sorgen, dass die Nerven schneller blank liegen.

Die Kommune will das Konzept so schnell wie möglich umsetzen. Auch, weil Mitarbeiter, die am Arbeitsplatz angegriffen und bedroht worden sind, häufiger krank werden, mehr Fehlzeiten haben. Im laufenden Jahr sind bereits 13 Übergriffe bekannt geworden, im vergangenen Jahr waren es 21. Und es ist davon auszugehen, dass es eine Dunkelziffer gibt, meldet die Stadt. Die Lage sei bedrohlich, sagte Oberbürgermeisterin Gabriele Bauer (CSU). Auch in ihrem Vorzimmer habe es bereits gefährliche Situationen gegeben. Sie bat die Stadträte im Haupt- und Finanzausschuss eindringlich, das Konzept und die notwendigen Ausgaben zu genehmigen.

Die Zustimmung kam parteiübergreifend: „Das Konzept ist der richtige Weg“, sagte Stadtrat Dr. Wolfgang Bergmüller (CSU). Elisabeth Jordan (SPD) mahnte insbesondere die Schulung der Mitarbeiter an, die lernen müssten, deeskalierend zu wirken. Franz Lukas (Grüne) sprach von einer zwingenden Notwendigkeit – und bat darum, mit baulichen Veränderungen nicht zu warten, bis reguläre Instandhaltungsarbeiten angesetzt sind. Auch der CSU-Fraktionsvorsitzende Herbert Borrmann lobte die Vorschläge. Lediglich einen „Hochsicherheitstrakt“ gelte es zu vermeiden.

Hier soll das Konzept greifen

Umgesetzt wird das Konzept zunächst in den Gebäuden und Räumen der städtischen Verwaltung. Die Empfehlung geht auch an das städtische Museum, das Stadtarchiv, die städtische Galerie, die Stadtbibliothek und die Volkshochschule. Zudem an die Feuerwehr, die integrierte Leitstelle, die Kindertagesstätten, das Eisstadion sowie an die Schulen.

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