Kolbermoor/Québec – Wenn an Heiligabend in der Kirche „Heilige Dreieinigkeit“ die Kirchengemeinde Weihnachtslieder wie „Stille Nacht, heilige Nacht“ anstimmt, ist das durchaus etwas Besonderes. Denn in der „Cathédrale de la Sainte-Trinité“ oder „Cathedral of the Holy Trinity“, wie die Kirche im Herzen der kanadischen Stadt Québec heißt, wird eigentlich entweder französisch oder englisch gesprochen und gesungen. Doch zum Fest ertönen die weihnachtlichen Weisen auch in deutscher Sprache. Eine Tradition, die der dortige Pfarrer Christian Schreiner (45), der fast zwei Jahre Seelsorger in Kolbermoor war, begründet hat.
Mehr als zehn Jahre ist es her, dass Schreiner – geboren in München und aufgewachsen in Baldham (Landkreis Ebersberg) – seinen Talar in Kolbermoor abgelegt hat und aufgebrochen ist. „Hier haben wir unseren Ort gefunden“, sagt der blonde Mann, der mit seinem Ohrring überhaupt nicht dem bayerischen Klischee eines Geistlichen entspricht, gegenüber unserer Zeitung.
Mehrere Bewerber
auf die Dean-Stelle
Dabei hatte der heute 45-Jährige nicht damit gerechnet, die Stelle des „Dean“, also des Dekans der anglikanischen Kathedrale von Québec, zu bekommen. Durch einen Auslandsaufenthalt während seiner theologischen Ausbildung hatte er die ostkanadische Stadt am Sankt-Lorenz-Strom kennen und lieben gelernt. Und sich später eben auf die leitende Position beworben. „Die Chance, als deutscher, evangelischer Pfarrer genommen zu werden, zumal es noch andere Bewerber gab, hielt ich für sehr gering“, erinnert sich der ehemalige Kolbermoorer zurück. „Als es dann geklappt hat, war ich schon überrascht.“
Ein Glücksfall für die ganze Familie, wie Schreiner feststellt, wenn er die vergangenen Jahre Revue passieren lässt. „Wir sind von Beginn an herzlich aufgenommen worden“, sagt der Geistliche. „Die Menschen hier sind wahnsinnig aufgeschlossen und neugierig.“ Seine kanadische Frau Esperanza Rada (39), die durch ihren Vater zudem chilenisches Blut in den Adern fließen hat, hat sich als Möbelschreinerin und Designerin einen Namen gemacht, die Kinder Felix (11) und Samuel (10) wachsen wie waschechte Kanadier auf. Schreiner: „Wir sind dabei, uns hier mehr und mehr zu verwurzeln.“
Obwohl bei Felix, der noch in Bad Aibling geboren ist, die deutschen Wurzeln immer wieder deutlich durchschlagen. „Er ist mit Abstand der größte Patriot in unserer Familie“, sagt Schreiner und lacht. „Dass in seinem Reisepass als Geburtsort Bad Aibling steht, darauf ist er besonders stolz.“ Ein Patriotismus, der sich besonders bei sportlichen Großereignissen, wie beispielsweise der Fußball-weltmeisterschaft, zeigt, aber auch wenn Felix‘ Herzensverein – der FC Bayern – spielt.
Was Dekan Christian Schreiner, der selbst seit seiner Kindheit den Roten die Daumen drückt, durchaus nachvollziehen kann. „Mich stört es allerdings auch nicht, dass derzeit die Dortmunder den Bayern den Rang abgelaufen haben und dadurch mal etwas Spannung in der Bundesliga ist“, sagt der anglikanische Pfarrer, der auch im fast 6000 Kilometer Luftlinie entfernten Québec verfolgt, was in den deutschen Fußballstadien passiert. Obwohl er mittlerweile auch die in Nordamerika populären Sportarten interessiert verfolgt. „Wenn man sich mal ausführlich mit Baseball beschäftigt, ist das ein unglaublich packender Sport“, sagt Schreiner, der „ein großer Fan der Boston Red Sox“ geworden ist und, wenn es die Zeit zulässt, dafür auch gerne Ausflüge in die US-amerikanische Stadt Boston unternimmt.
Wobei „Ausflüge“ das passende Stichwort ist, wenn es um bleibende Erinnerungen an seine Zeit zwischen 2004 und 2006 in Kolbermoor geht. „Die Region um Rosenheim mit der Bergwelt des Inntals ist einfach wunderschön“, findet Schreiner.
Was hingegen das kirchliche Gemeindeleben anbelangt, liegt dem 45-Jährigen die kanadische Mentalität näher als die manchmal recht distanzierte Art vieler bayerischer Bürger. „Das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht“, findet der gebürtige Bayer, der den Menschen im Freistaat zu mehr Lockerheit rät.
Auch ein Beispiel aus der Praxis hat er gleich parat. „Während meiner theologischen Ausbildung habe ich gelernt, dass eine Predigt natürlich einen nachdenklichen Hintergrund haben soll, aber nicht immer bierernst sein muss“, erzählt Schreiner. „In Kolbermoor hat es aber rund ein halbes Jahr gedauert, bis die Gläubigen gemerkt haben, dass sie während einer Predigt auch lachen dürfen.“
Heiterkeit darf
nicht fehlen
Heiterkeit, die selbstverständlich auch zu Weihnachten nicht fehlen soll. Auch wenn für den Dekan der anglikanischen Kathedrale von Québec die Weihnachtszeit zu den arbeitsintensivsten Zeiten des Jahres gehört. Beispiel Heiligabend: Um 15 Uhr lädt der Geistliche zu einem Gottesdienst in der kleinen Landgemeinde Stoneham, um 17 Uhr findet dann der Familiengottesdienst statt, den er vor vielen Jahren auf Wunsch zahlreicher Gemeindemitglieder, die von Deutschland nach Québec ausgewandert sind, eingeführt hat. „Die Strophen der Weihnachtslieder, die wir bei dieser Andacht singen, werden abwechselnd in drei Sprachen – Deutsch, Französisch und Englisch – gesungen“, erzählt der Geistliche. Die französische Messe um 19.30 Uhr übernimmt sein Kollege Pierre Voyer, ehe um 23 Uhr dann die große Christmette in englischer Sprache auf dem Programm steht.
Für die Kanadier beginnen nach der Christmette dann eigentlich erst die richtigen Feierlichkeiten in der Familie, gewährt Schreiner Einblicke in die weihnachtlichen Traditionen der Region. „Viele feiern in der Nacht auf 25. Dezember durch“, so Schreiner, wobei der Dekan selbst auch ein paar Stunden Schlaf bekommen muss. Denn am Vormittag des ersten Weihnachtsfeiertags steht bereits um 11 Uhr die nächste Messe auf dem Programm.
Goldene Hochzeit
in Baldham
Dazwischen wird er dann sicherlich mit seinen Eltern in Baldham telefonieren und ihnen frohe Weihnachten wünschen. „Für die ist das immer noch hart, dass wir so weit weg wohnen“, weiß der 45-Jährige. Spätestens 2020 plant die ganze Familie, wieder die bayerische Heimat zu besuchen. Denn dann feiert das Baldhamer Ehepaar goldene Hochzeit.
Eine perfekte Gelegenheit, nicht nur, um die Eltern wieder in die Arme zu schließen. Sondern auch ein Stück Heimat mit nach Kanada zu nehmen. „Was ich wirklich sehr vermisse, ist der bayerische Teig für Kartoffelknödel“, sagt der 45-Jährige und lacht. Außerdem gebe es im Drogeriemarkt ein spezielles Badeöl, mit dem sich die Familie immer eindeckt, da „es gut gegen die leichte Arthritis meiner Frau wirkt“.
Zwei Produkte, die sich ja vielleicht in den Weihnachtspaketen finden könnten, die Schreiners Eltern sicherlich fürs Weihnachtsfest nach Kanada geschickt haben. Doch auch wenn’s im Hause Schreiner am Sankt-Lorenz-Strom heute Abend keine Kartoffelknödel geben sollte – auf ein Stück Heimat wird der 45-jährige Pfarrer auf keinen Fall verzichten müssen. Spätestens wenn heute Nachmittag in der Kathedrale „Heilige Dreieinigkeit“ das Lied „Stille Nacht, heilige Nacht“ in deutscher Sprache angestimmt wird, ist die Heimat für ihn ganz nah.