Der wache Blick aufs Leben

von Redaktion

Marianne Wildmoser (85) hat früher Weihnachtsgedichte geschrieben

Rosenheim – Wann es angefangen hat mit dem Schreiben, das weiß Marianne Wildmoser nicht mehr genau. Vielleicht war es nach dieser Nikolausfeier beim Skiclub Aising. Vielleicht ein anderer Moment in ihrem langen Leben. Auf 85 Lebensjahre blickt Marianne Wildmoser heute. Eine alte Dame, die sich an einiges nicht mehr erinnert. Die aber alle Gedichte, die sie geschrieben hat, aus dem Stehgreif aufsagt.

Wenn Marianne Wildmoser ihre in Bairisch gehaltenen Strophen vorträgt, ist es, als lebe sie sich hinein in die Welt ihrer Texte. Das beinahe Hellblaue ihrer Augen wird dunkel. Die Stimme gewinnt an Festigkeit. Die Hände, zittrig geworden im Alter, liegen ruhig im Schoß. Sie weiß um jedes Wort, um jede Strophe. Setzt passend, ja wissend, die richtige Betonung. Sie spricht frei, ohne zu zögern. Kein Stocken. Das Büchlein mit ihren selbst geschriebenen Weihnachtsgedichten liegt unbeachtet auf dem Sofatisch vor ihr.

Kitsch ist nicht
ihre Sache

Was sie aufgeschrieben hat, zeugt von einem wachen Blick aufs Leben. Kitsch ist ihre Sache nicht. Weihnachten, das Fest der Liebe, der Freude und der Geschenke? Im Gedicht „Bescherung“ erzählt sie von immer länger werdenden Gesichtern. Von der Ehefrau, die statt des Handmixers lieber etwas ganz für sich allein bekommen hätte. Vom Ehemann, der das Werkzeug, das unterm Baum gelegen ist, über die Feiertage im ganzen Haus ausprobiert.

Lebenserfahrung, davon hat sie eine ganze Menge. Jahrgang 1933, in Wien geboren, kommt sie früh ins Egerland, nach Marienbad, woher die Mutter stammt. Sie wächst bei der Verwandtschaft auf, die Mutter habe „sturmfrei“ haben wollen, sagt sie. Der Vater ist schon gestorben, an einer Verletzung aus dem Ersten Weltkrieg. Harte Jahre, die nicht leichter werden, als 1946 der Umzug nach Bayern folgt. In Laindern bei Holzkirchen erlebt sie ihr letztes Schuljahr. Wird Lehrmädchen in einem Lebensmittelgeschäft. Daheim soll sie bei der Arbeit helfen. Doch da hat sie längst ihre Liebe zu den Büchern entdeckt. Jugendromane haben es ihr angetan. Dazu die Kasperl-Geschichten. Eine hat sie noch im Kopf: „Kasperl auf der Kasperlinsel“. Wann immer es möglich ist, stiehlt sie sich fort: „Ich hab‘ mir allerlei Eckerl g‘sucht, wo mich keiner g‘funden hat“, sagt sie. Über ihr Gesicht zieht ein verschmitztes Lächeln.

Später dann folgen neue berufliche Stationen und die Heirat mit Martin. Die Geburt der vier Kinder. Das Leben in Aising. Die Familie engagiert sich für das gesellschaftliche Miteinander. So sind Marianne Wildmoser und ihr Mann im Skiclub Aising aktiv. Steht der Nikolaustag an, schlüpft Martin gerne ins Kostüm, überrascht die Kinder – und sagt Verse auf. Einmal, so erzählt es Marianne Wildmoser heute, habe er mit zwei Freunden ein Gedicht verfasst. Greislig sei das gewesen. „Ich hab’ dacht, ich muss unter dem Tisch verschwinden.“ Von da an war sie es, die die Verse für die Feiern im Skiclub verfasst hat. Mit so viel Geschick, dass es auch anderen aufgefallen ist. Dem Pfarrer von Heilig Blut etwa. Für dessen Weihnachtsfeiern in der Pfarrei schreibt sie schnell ebenfalls ihre Gedanken auf. Ebenso wie für den Wendelstein-Kalender, in dessen Jahresheften sich einige ihrer kleinen Geschichten finden.

Das Schreiben selbst sieht sie ganz nüchtern. Sie macht nicht viel Aufhebens um ihr Talent. „Ich hab‘ das Denken ang’fangen und die Gedanken aufg’schrieben.“ Ein Blatt Papier, ein Kugelschreiber, mehr hat es dazu nicht gebraucht. Manchmal hat sie das Angefangene zur Seite gelegt, es später wieder hervorgeholt.

An diese kreativen Jahre erinnert heute das Büchlein auf ihrem Schoß. Eine Sammlung mit Weihnachtsgedichten und -geschichten, illustriert von Tochter Eva Sax. Dazu einige Bändchen des jährlich erscheinenden Wendelstein-Kalenders, aufgestapelt in einem Fach des Eichenschranks, der im Wohnzimmer steht.

Die Jahre sind ins Land gegangen. Marianne Wildmoser ärgert sich über die nachlassende Kraft ihres Körpers. Darüber, dass sie klein und zart geworden ist. Über die zitternden Hände, die sich oft so taub anfühlen. Aber ihr Geist, der ist klar. Ihr Lieblingsgedicht hat sie sofort parat, auch, auf welcher Seite im Büchlein es zu finden ist. „Des wär‘ ja sonst no scheena.“

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