Rosenheim – „Betreten verboten für Unbefugte“ steht auf dem Schild an der roten Stahltür, die in den Betriebsraum führt. Hans Schenk zieht mit der rechten Hand den Schlüsselbund heran, der an seiner Hosentasche hängt. Schiebt einen der Schlüssel ins Schloss, sperrt auf. Das Licht fällt auf weiße Farbeimer, einen Einkaufswagen aus dem Supermarkt. Auf Plastikblumen und einen großen Plüschtiger, der in einem Weidenkorb sitzt. Willkommen im Parkhaus am Rosenheimer Salinplatz.
9000 Quadratmeter Parkfläche gibt es hier, verteilt auf drei Parkzonen. Rot, grün und gelb. Dazu Lager- sowie Technikräume. Und natürlich das Büro gleich neben den beiden Kassenautomaten. An der Front aus Glas ist eine kleine Luke eingebaut, die sich öffnen lässt und schließen. Hinter ihr sitzt Hans Schenk an seinem Schreibtisch mit den Überwachungsbildschirmen. Wer ihn braucht, klopft an die Luke, oder spricht durch die kleinen Löcher im Glas. Schenk ist 61 Jahre alt, in Kolbermoor geboren und eigentlich gelernter Maler. Heute wohnt er in Rosenheim und arbeitet als „Parkhausaufsicht“, wie er seinen Job nennt. Eine ziemlich sachlich-trockene Beschreibung eines Aufgabenfeldes, das er in den vergangenen sieben Jahren deutlich ausgebaut hat.
Plastikblumen
zu Frühjahrsbeginn
Mit einem großen Hang zur Dekoration hat er das 35 Jahre alte Parkhaus an vielen Stellen aufgehübscht. Im Frühling blühen hier unten Plastikblumen, zur Herbstfest-Zeit stehen Masskrüge auf einem Biertisch unter der Treppe. Derzeit hat dort ein Elch seinen Platz gefunden, ein übergroßes Stofftier. Hinter ihm sitzt auf einem Stuhl der Nikolaus. Elektrische Kerzen beleuchten die weihnachtliche Szenerie. An den Wänden hängen Aufnahmen von Hundewelpen, bunte Aquarelle mit Blumenmotiven. Eine Uhr mit Ernie aus der Sesamstraße hinterm Ziffernblatt. Sogar auf dem Parkdeck gibt es an den Türen Gebinde aus Zweigen, ergänzt um je zwei Kugeln in der Farbe der jeweiligen Parkzone. All das hat Hans Schenk zusammengesammelt, arrangiert und beleuchtet.
Das Parkhaus am Salinplatz ist sein zweites Wohnzimmer, gibt er unumwunden zu. Der nackte Beton, das künstliche Licht, die dunklen Ecken: nicht sein Geschmack. Er mag es heimelig. Schließlich ist er während seiner Arbeitszeit vor allem unter Tage unterwegs. Nur ab und an geht er hoch ins Café und trinkt eine Tasse Kaffee. Den ganzen Tag nur kahle Wände, das tue der Seele nicht gut. Und auch die Kunden, findet er, sollen sich wohlfühlen, wenn sie ihren Wagen abstellen. Bis zu 800 Autos fahren im privat geführten Parkhaus täglich ein und aus. Wenn die Menschen nach oben gehen, oder von dort kommen, bleiben sie nicht selten stehen und staunen eine Weile über die Arrangements. Hans Schenk freut sich daran. „Die Menschen haben keine Zeit mehr, das ist das Schlimme. Und ich finde es schön, wenn sie einfach mal innehalten und spüren, hier ist noch Zeit.“
Ein Bub kommt an der Hand seiner Mama die Treppe herunter. Er sieht den Elch, lässt die Hand der Mutter los, fällt dem Elch um den Hals. „Der ist ganz weich“, juchzt er. Ein kleiner Moment der Freude. Hans Schenk lacht. Das ist seine Mission: für Freude zu sorgen, für gute zwischenmenschliche Momente. Auch, wenn es Missmut und Ärger gibt. Weil die Schranke klemmt oder jemand ein Auto angefahren hat, ohne sich zu melden. „Man muss immer ruhig bleiben. Freundlich sein. Wenn man selber ärgerlich reagiert, wird alles schlimmer“, sagt er. Nur einmal ist er sauer geworden. An dem Tag, an dem jemand sein Lieblingsstofftier aus dem Parkhaus gestohlen hat. Einen Hund.
Ostern liegt
im Schuhkarton
Seine Dekoartikel hat Hans Schenk zumeist geschenkt bekommen. Von Kollegen, Freunden und Kunden, die um seine Lust am Schmücken wissen. Vieles bewahrt er in Kartons im Betriebsraum auf. Er weiß genau, wo was gelagert ist. Ostern zum Beispiel findet sich in einer Schuhschachtel ganz rechts im Regal. In einer Box, in der einst ein Paar Herrenschuhe der Größe 42 gelegen hat.
Jetzt aber sei erst einmal Zeit für die „Übergangsdeko“, sagt er. Die Advents- und Weihnachtszeit verstaut er in den nächsten Tagen in den Regalen hinter der roten Stahltür des Betriebsraums.