Rosenheim – „Das Schlimmste, was ich in meiner Amtszeit je erlebt habe – eine Trauung und die Gäste müssen warten“, sagt die Rathauschefin und bemüht sich, den vierbeinigen Grund der Verspätung streng anzublicken. Das gelingt jedoch nicht, denn ihrem Otto kann Gabriele Bauer einfach nicht böse sein. Auch jetzt nicht, beim ersten Besuch des Dackels im Rathaus, wo der ein halbes Jahr alte Hund mit dem kurzen Fell aufgeregt hin- und her flitzt.
Fellbündel erobert
die Herzen
Im Vorzimmer der Oberbürgermeisterin verursacht der Vierbeiner einen kleinen Menschenauflauf: Alle wollen das Fellbündel einmal streicheln. Für solche Liebkosungen hat Otto jedoch wenig Zeit: Aufgeregt saust er von Schreibtisch zu Schreibtisch, inspiziert schnüffelnd offene Schubladen oder den Adventskranz, bellt und schnappt nach Schuhspitzen. „Otto! Aus und Platz!“ Mit energischer Stimme bringt die Oberbürgermeisterin den kleinen Hund schließlich zur Räson. Brav setzt er sich auf die mitgebrachte Decke mit den vielen Stofftieren und schaut sein Frauchen an, als könne er kein Wässerchen trüben. „Zufall“, kommentiert Bauer diese Gehorsamkeit. „Der Otto ist halt fast noch ein Baby und sehr verspielt. Der ist wahrlich noch kein Bürgermeister-Hund.“
Als sie den sechs Wochen alten Welpen zum ersten Mal gesehen hatte, war es um sie geschehen: Die Emotionen siegten über die Vernunft, die ihr jahrelang gesagt hatte: kein Hund während der Amtszeit als Rathauschefin. Dieser Verzicht war Gabriele Bauer in den vergangenen Jahren sehr schwergefallen. Denn: „Ich bin mit Hunden groß geworden.“ Langhaardackel gehörten zur Familie während ihrer Kindheit, auch später gab es stets einen tierischen Begleiter in ihrem Leben – darunter einen Irischen Setter, der über 16 Jahre alt wurde. Nach dem Amtsantritt im Jahre 2002 folgte jedoch die Vernunftentscheidung, auf einen Hund zu verzichten. Nur als ehrenamtliche Gassi-Geherin für Tierheimhunde konnte Gaby Bauer ihre Tierliebe ausleben.
„Back to the roots“, nennt sie ihre Bereitschaft, im letzten Amtsjahr doch wieder einen Vierbeiner aufzunehmen. Das klappt allerdings auch nur, weil daheim eine tierliebe Haushälterin die Stellung hält – und auf Otto aufpasst, bis das Frauchen heimkommt. Dann wird Gabriele Bauer mit begeistertem Gebelle und Gehüpfe empfangen. Bei Wind und Wetter geht es nach draußen – „richtig schön, so viel an der frischen Luft sein zu müssen“, findet die Oberbürgermeisterin. Was ihr ebenso gefällt an ihrer neuen Rolle als Tierhalterin: „Das Tollste sind die vielen Begegnungen mit anderen Gassi-Gehern. Man kommt sehr schnell ins Gespräch.“ Das liegt auch am freundlichen Wesen von Otto. Er liebt Menschen – und entpuppt sich als echter Charmeur vor allem Frauen gegenüber, stellt Bauer fest.
Eine weitere Charaktereigenschaft, die sie schätzt: seine Eigenwilligkeit. „Wenn er was tut, dann, weil er es will“, stellt sie fest. „Otto macht sein Ding, ein gesunder Egoismus ist sein Wesen.“ Deshalb ist es auch nicht gelungen, aus dem Dackel einen Vegetarier zu machen. „Er hasst Obst und Gemüse, liebt Fleisch“, bedauert sein Frauchen, die selber bekanntlich eher vegetarisch oder sogar vegan isst.
Ein Dackel, ist die Oberbürgermeisterin überzeugt, „ist kein Hund, sondern eine Lebenseinstellung.“ Und die gefällt Gabriele Bauer. Sie mag es, wenn Otto sie um den Finger wickelt, wenn er neugierig seine Umgebung erforscht – oder sich verschmust in ihre Arme sinken lässt. Dann verzeiht sie ihm auch, dass er nach wie vor nicht so gut folgt wie gewünscht. Doch die Welpenschule hat Otto schon erfolgreich geschafft – und dort sogar seinen Bruder, den Max getroffen – ebenfalls das Ergebnis einer Zufallsbegegnung zwischen einer Dackeldame und eines Papillon. Der Vater sorgte dafür, dass Ottos Ohren etwas anders ausschauen als bei Dackeln üblich.
Leidenschaft für Etiketten-Knabbern
Mit Max focht Otto übrigens das erste Kräftemessen seines jungen Lebens aus. Noch besser als raufen kann er eine Spur aufnehmen. „Dackel sind Nasenhunde“, erläutert sein Frauchen. Otto liebt es deshalb, versteckte Gegenstände oder Personen zu suchen und zu finden. Ist ihm das gelungen, kehrt er auf der Spur zurück. Das hat er übrigens auch getan, als er am Trauungstag ausgebüchst war. Wie jeder Dackel mag er außerdem das Wasser. Weniger schön: seine Leidenschaft für Etiketten. Badezimmermatte, Kissen, Pullover: Überall werden sie abgenagt. Lederschuhe sind vor ihm ebenfalls nicht sicher. „Mein Schuhmacher hat schon zu mir gesagt: Jetzt sehen wir uns öfter“, sagt Gabriele Bauer und schmunzelt.
Auch in vielen anderen Punkten hat Otto ihren Haushalt durcheinander geworfen: Daheim folgt er ihr auf Schritt und Tritt, ist „ein echter Fersenkleber“, und beansprucht mit seinen Körben, Kisten und Decke so manches Plätzchen im Haus. Das Auto wurde zum Dreisitzer umfunktioniert, damit Ottos Gitterbox Platz hat. Obwohl sein Frauchen ihm so manchen Kinderstreich verzeiht, eins darf Otto nicht: bei Tisch oder anderer Gelegenheit betteln. Auch dann nicht, wenn er Gabriele Bauer mit seinen dunkelbraunen Knopfaugen anhimmelt. Entspannt schmiegt er sich bei seinem ersten Rathausbesuch, nachdem er alle Räume inspiziert hat, in die Arme seines Frauchens. „Der Otto, das ist mein Einstieg in den Ausstieg“, sagt die OB.