„Am Berg finde ich zu mir“

von Redaktion

Interview Sektionsvorsitzender Franz Knarr erklärt die Faszination des Alpinsports

Rosenheim – Wer in Rosenheim und Umgebung lebt, der hat die Berge praktisch vor der Tür. Wandern, Skifahren oder Mountainbiken: all das ist heute problemlos möglich. Und findet Begeisterte in allen Altersgruppen. Dass der Bergsport früher vor allem Betuchten vorbehalten war, erzählt Franz Knarr (73), der seit 30 Jahren die Rosenheimer Sektion im Deutschen Alpenverein leitet. Mit 10000 Mitgliedern zählt sie bundesweit zu den größten.

Der Deutsche Alpenverein feiert heuer sein 150-jähriges Bestehen. Die Sektion Rosenheim ist mit 142 Jahren nicht ganz so alt. Woher kam damals das Interesse an den Bergen?

Es gab auch in unserer Stadt Alpenfreunde, die, getragen vom Aufwind der allgemeinen Naturbegeisterung, den Wunsch hatten, die Berge zu erschließen. Ringsum, in den Nachbarstädten Kufstein, Traunstein und Reichenhall, hatten sich bereits Sektionen des deutsch-österreichischen Alpenvereins gegründet. Am 12. September 1877 hoben 25 Mitglieder die Sektion Rosenheim aus der Taufe. Zunächst stammten die Mitglieder alle aus dem gehobenen Bürgertum. Denn das Ziel, die Alpen zu erschließen, machte eine finanzielle Mitgliedschaft notwendig. Doch besonders nach den beiden Weltkriegen öffnete sich die Sektion. Willkommen waren und sind alle, die Freude an der Bergwelt haben. Ohne Rücksicht auf Alter, Geschlecht, Stand und Herkunft.

In den 1950er-Jahren war die Sektion Rosenheim auch mit berühmten Namen verbunden. Es gelangen Erstbesteigungen, fanden große Expeditionen statt. Ist heute die Zeit der großen alpinen Helden vorbei?

Persönlich kann ich mit der Bezeichnung „alpine Helden“ wenig anfangen. Bis heute gelingen außergewöhnliche Besteigungen beinahe nur mit übermenschlichen Anstrengungen, körperlichen Strapazen und mit Selbstüberwindung. Die Berge der Welt, zusammen mit den Naturgewalten, werden noch lange Körper und Geist großer Bergsteiger herausfordern. Wichtig ist, dass der Respekt, aber auch die Demut, vor der grandiosen Schöpfung unserer Berge nicht verloren gehen.

Heute gibt es allein im Gebiet der Sektion Rosenheim über 200 Kilometer Wege und Steige. Wandern ist in, auch und gerade bei jungen Menschen.

Dass Ehrenamtliche diese Wege betreuen, beweist, wie beliebt Bergwandern und Bergsteigen ist. Es ist nach wie vor ein probates Mittel, um Kräfte für den Alltag zu sammeln. Wenn auch Trends unterschiedlichster Art den Bergsport begleiten, das Erlebnis mit eigener Kraft einen Gipfel zu besteigen oder eine stundenlange Bergtour zu meistern, wird weiterhin unübertroffen sein.

In den Hütten geht es weg vom einfachen Matratzenlager. Beliebt sind gut ausgerüstete Komfortquartiere. Wird der Betrieb der Hütten, die ja auch Millionen für Brandschutzsanierungen verschlingen, zu einer Belastung für die Sektionen?

Natürlich steigen die Ansprüche – mal mehr, mal weniger. Die Sektionen werden, je nach Möglichkeit. versuchen, den neuen Ansprüchen gerecht zu werden. Vorrangig aber sind die Brandschutzmaßnahmen, die Sicherstellung der Wasserversorgung und adäquat auch die Entsorgungen. Ja, es ist eine enorme Belastung und so manche Sektion wird an ihre Grenzen stoßen. Gefragt sind da wohl nicht nur der Deutsche Alpenverein (DAV) mit seinen Sektionen, die Hütten besitzen, sondern womöglich auch Tourismusverbände und die Gesellschaftspolitik.

Stichwort „Nachhaltig wandern“: Ist das in den Köpfen der Bergfreunde angekommen?

Hier hilft nur, immer wieder aufzuklären, hinzuweisen und zu informieren. Die Naturschutzreferenten der Sektionen sind mehr als gefordert. Schwarze Schafe gibt es immer. Alles in allem hat sich aber die Verantwortung gegenüber unserer Bergnatur stabilisiert. Jeder ist aufgerufen, sich in Sachen Fitness, Bekleidung und Ausstattung vorzubereiten, Rücksicht zu üben und Vorsicht walten zu lassen.

Der Berg ruft – noch heute. Wie erklären Sie sich die Faszination, die von den Alpen ausgeht?

Der Berg ruft, ja, das sagt man so. Manchmal könnte man auch meinen, dass der Berg denkt: „Habe ich Euch wirklich gerufen?“ Vielleicht liegt die Faszination darin, dass nicht wir, sondern der Berg uns überleben wird.

Wo spüren Sie persönlich diese Faszination am intensivsten? Was ist Ihr Lieblingsplatz in den heimischen Bergen?

Bergwandern, Bergsteigen, Klettern, das Tourengehen oder auch das Mountainbiken: für mich ein Geschenk zum Erholen, zum Kräftemessen. Und auch die Möglichkeit, mal wieder auf so manche Einfachheit zurückzukommen. Am Berg finde ich zu mir. Die Stille, die Größe, faszinierende Stimmungen – ohne Worte. Lieblingsplätze hängen vom Können und dem Alter ab. Der Sulzberg, der war und ist hoffentlich noch lange für mich da, zu allen Jahreszeiten.

Hinweis: Karten für die Filmtour zum Jubiläum des DAV gibt es nicht über die Sektion Rosenheim. Zu bekommen sind sie beim Ticketzentrum in Rosenheim. DAV-Mitglieder erhalten Ermäßigung.

Interview: Heike Duczek

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