Hand in Hand und voller Hoffnung

von Redaktion

OVB-Serie „Kunst im öffentlichen Raum“ – Folge 106: Bronzepaar am Romed-Klinikum

Rosenheim – Seit gut fünf Jahrzehnten begleitet ein überlebensgroßes Bronzepaar alle, die über die Auffahrtsrampe zur Notaufnahme das Rosenheimer Klinikum betreten. Bei aller künstlerischen Abstraktion sind die beiden Personen eindeutig als Mann und Frau zu identifizieren. Die beiden stehen in ruhiger Monumentalität eng beieinander und reichen sich die Hände. Beide tragen wadenlange Gewänder. Was bei der Frau als Kleid angesprochen werden kann, mutet dagegen beim Mann etwas merkwürdig an. Die Blicke des Paares sind hoffnungsvoll nach vorne gerichtet, was für ein Krankenhaus recht passend erscheint. Schöpfer der Bronzeplastik ist der Oberaudorfer Künstler Joachim Berthold.

Der Bildhauer war in Rosenheim kein Unbekannter, als am 21. April 1965 der Kulturausschuss des Rosenheimer Stadtrates dem Krankenhausausschuss den Ankauf der Bronzeplastik „Menschenpaar“ empfahl, mit dem Zusatz „wie in München in der Erzgießerei Prießmann, Bauer & Co. besichtigt“.

1959 war Bertholds „Justizbrunnen“ vor dem Amtsgericht in der Bismarckstraße aufgestellt worden und lenkte sofort die Aufmerksamkeit auf einen vielversprechenden Künstler, der bald über die Region hinaus Anerkennung finden sollte. Spätestens mit den „Bogenschützen“, die 1971 ihren Platz vor der Luitpoldhalle fanden, und dem „Schreitenden“, der sich seit 1977 bei der Städtischen Galerie befindet, hatte sich Berthold als überzeugender Schöpfer von Kunst im öffentlichen Raum bewiesen.

Joachim Berthold, der als junger Student anlässlich einer Parisreise 1937 das Schaffen der renommierten Bildhauer Auguste Rodin und Constantin Brancusi kennen gelernt hatte, wandte sich in den 1950er-Jahren von seinem naturalistischen Frühwerk ab und ging konsequent seinen Weg zur Vereinfachung der Formen und Klarheit der Linien. Ein schönes Beispiel für diese Suche nach der angemessenen Abstraktion des Figurativen ist das „Menschenpaar“, das Berthold 1958 entwarf. Es geht hier nicht um individuelle Personen, sondern um Mann und Frau im allgemeinen, um die Konstellation als Paar, letztendlich um das Menschsein schlechthin.

So konzentriert und reduziert die Volumen der beiden Figuren erscheinen, so abwechslungsreich ist die Textur der bronzenen Oberfläche. Würde der erste Blick eine schlichte, glatte Fläche vermuten, so lassen sich bei näherer Betrachtung feine Riefen und Schrunden ausmachen. Ruhe im Großen und Bewegtheit im Detail zeichnet diese Bronzeplastik aus.

Da das „Menschenpaar“ offensichtlich den Geschmack der Zeit traf, edierte es der Künstler in kleineren und einer großen Ausgabe. Das große „Menschenpaar“ sehen wir am Klinikum Rosenheim, es fand aber auch Aufstellung in der Siemenssiedlung in Erlangen (1960) und der Landesfrauenklinik Wuppertal. 1963 errang das große „Menschenpaar“ Beachtung in Antwerpen, wo es im Rahmen der siebten Biennale für Bildhauerkunst im Skulpturenpark des Middelheim-Museums präsentiert wurde. Kleinere Ausführungen befinden sich zum Beispiel in Ludwigshafen im Ebertpark sowie in der Sammlung des Wilhelm-Hack-Museums.

Spätestens seit der feierlichen Einweihung der Erweiterung des Klinikums am 21. März 1968 bereichert das „Menschenpaar“ von Joachim Berthold die Außenanlagen, die der Rosenheimer Ingenieur Heinz Linhardt plante.

Das Werk

„Menschenpaar“, 1958, Bronze, Höhe 205 Zentimeter, Breite 80 Zentimeter, Tiefe 62 Zentimeter; Signatur „BERTHOLD“ auf der Plinthe (Standfläche) rückseitig; Guss in der Erzgießerei Prießmann, Bauer & Co. Maisach; Auffahrt Romed-Klinikum, Pettenkoferstraße 10, Rosenheim.fie

Der Künstler

Joachim Berthold wurde 1917 in Eisenach als Spross einer Künstlerfamilie geboren. Der Vater Karl Berthold war Goldschmied und entstammte einer Rosenheimer Goldschmiedefamilie; die Mutter Maria Berthold, Tochter des thüringischen Bildhauers Georg Kugel, war Malerin und unterrichtete damals an der Großherzoglichen Zeichenschule in Eisenach. Schon früh wollte Joachim Berthold Bildhauer werden und in der Heimat des Vaters leben.

Dem Abitur 1936 in Köln folgte ein Kunststudium an der Kölner Werkschule bei Wolfgang Wallner. In der Bildhauerklasse lernte Berthold seine spätere Frau Gisela Sames (1917 bis 1996) kennen. 1941 beendete Berthold seine Ausbildung an der Münchner Akademie der bildenden Künste als Meisterschüler bei Joseph Wackerle. Nach dem Kriegsdienst baute sich Berthold in Oberaudorf eine erfolgreiche Existenz als freier Bildhauer auf. Seit 1960 sind seine figürlichen Plastiken auf zahlreichen Ausstellungen, auch international, vertreten. 1990 starb Joachim Berthold in Rosenheim.fie

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