Rosenheim – Die Fenster sind abgedunkelt. Tassen, Teller und Schüsseln mit Essensresten stapeln sich in der Spüle. Auf den Regalen hat sich eine Staubschicht gebildet. Die Motivation für die Arbeit im Haushalt fehlt. Kraftlos sitzt Klaus Köhler (51) auf seinem Sofa und streichelt die beiden Katzen Ronja und Charly. Tiefpunkte wie diesen hat der Rosenheimer oft. Einige dauern nur wenige Stunden, andere ziehen sich über Tage.
Nach dem Tief
das höchste Glück
Klaus Köhler ist manisch-depressiv. Ärzte nennen die Erkrankung auch bipolare Störung. „Menschen mit einer bipolaren Störung leben mit extremen Emotionen. Im Spannungsfeld zwischen Manie und Depression ist ein geregeltes Leben kaum möglich“, erklärt Daniela Wüstenbecker, Geschäftsführerin der deutschen Gesellschaft für bipolare Störungen (DGBS). Klaus Köhler kennt ein solches Gefühlschaos gut – denn nur wenige Tage nach einem Tief folgt ein Gefühl des höchsten Glücks.
An diesen Tagen ist Köhler wie elektrisiert. Er wacht um 5 Uhr auf, surft im Internet und schaut die Nachrichten. Er meldet sich für Kurse an. Köhler nimmt an einer Ausbildung zum Genesungsbegleiter und einer Ausbildung zum Suchtkrankenhelfer teil. Zudem arbeitet er geringfügig beschäftigt für den Caritasverband München und Freising. Sein Tag ist von morgens bis abends durchgeplant. An manchen Tagen verfällt er zudem in einen Kaufrausch. Er ist kontaktfreudig, redet viel – oft, ohne Luft zu holen. „Solange ich eine Aufgabe habe und beschäftigt bin, geht es mir gut. Wenn ich mich unterfordert fühle, beginnt die Negativspirale“, weiß der 51-Jährige.
Neben den Beschäftigungen helfen auch Tabletten, die Stimmung des Rosenheimers zu stabilisieren. Die Gefühlsschwankungen werden weniger. Seit er Medikamente nimmt, gerät er nur noch selten in den Strudel eines Tiefs.
Momente, wie jene im Jahr 2006, gibt es kaum noch. „Meine Mutter ist damals gestorben, einige Monate später habe ich mich von meiner Freundin getrennt und meinen Job gekündigt“, erinnert sich Köhler. Eine Lebenssituation, die er kaum aushalten kann. Es vergehen Jahre, doch es wird nicht besser. Dann geht er zum Arzt. Die Diagnose: bipolare Störungen.
Eine Heilung der Krankheit gibt es nicht. Ursachen dagegen viele. „Genetische Veranlagungen, Stress, bestimmte Medikamente, aber auch belastende Lebensereignisse wie eine frühe Scheidung der Eltern, Trauerfälle und Missbrauch können zu der Erkrankung führen“, sagt Wüstenbecker von der DGBS. Was die Ursache bei Köhler war, weiß er heute nicht mehr. Aber er ist froh, dass endlich eine Erklärung für seine Stimmungsschwankungen gefunden ist.
Allerdings trifft er auch nach der Diagnose oft auf Verständnislosigkeit bei seinen Mitmenschen. Die Unterstützung fehle, sagt er. Den Kontakt zu Vater und Schwester bricht er deshalb ab. Freunde und Bekannte reagieren hilflos und verständnislos, sagen ihm „Das geht vorbei“.
Im Internet sucht er daher nach anderen Betroffenen. Schließlich entscheidet er sich, eine Selbsthilfegruppe zu gründen. Am 11. Dezember 2018 findet das erste Treffen der Gruppe „Bipolar und lebenswert“ statt – mit drei Teilnehmern. „In Rosenheim gibt es circa 1500 Betroffene. Wir brauchen die Selbsthilfegruppe“, sagt Klaus Köhler. Die Mitglieder tauschen sich über Medikamente aus, über Tief- und Höhepunkte. Mittendrin er selbst. Zum ersten Mal in seinem Leben fühlt er sich verstanden.
„Ich will anderen Leuten zeigen, dass ein Leben mit der Krankheit nicht aussichtslos ist. Es gibt Lösungen“, sagt er. Er weiß, wovon er spricht. „Ich war ganz unten. Jetzt bin ich auf dem Weg nach oben.“