Rosenheim – Dass Ferdinand Esser als „Zuagroaster“ beste Kenntnisse über die Stadtgeschichte hat – das ist letztlich die Schuld seiner Ehefrau Ingrid und der Naturfreunde Rosenheim. Wenn man überhaupt von „Schuld“ sprechen kann. Denn immerhin haben Ingrid Esser und ein Jubiläum der Naturfreunde dafür gesorgt, dass Ferdinand Esser (83) vor zwölf Jahren eine ehrenamtliche Aufgabe übernehmen konnte, die ihm sehr viel Spaß gemacht hat. Aber der Reihe nach.
Aufgabe für die Zeit
nach der Arbeit
Zunächst einmal war es Ingrid Esser, die bei einem Besuch bei der Tochter in Raubling offensichtlich ihr Herz an die Region verloren hatte. 1999 war das, die Familie lebte damals in Bergheim/Nordrhein-Westfalen. Ferdinand Esser hatte als Direktor des Landschaftsverbandes Rheinland einen hohen Posten inne, stand aber kurz vor dem Ruhestand. Und so war der Umzug nach Rosenheim schnell beschlossen. 2001 kamen die Möbelpacker und die Essers zogen mit ihrem Hab und Gut in die neu renovierte Wohnung nach Rosenheim. Einen Schritt, den Esser, so sagt er heute, nicht bereut hat. Obwohl er eigentlich „überall“ wohnen kann.
Doch nun galt es, den noch ungewohnten Ruhestand in der neuen Heimat mit Leben zu füllen. Denn eines war Esser damals klar: „Immer nur die vier Wände anstarren, das werde ich ganz sicher nicht tun.“ Er wollte Anschluss finden in der neuen Stadt, Menschen kennenlernen.
Und nun kommen die Naturfreunde Rosenheim ins Spiel: Ihnen nämlich schloss sich Esser an, wurde Mitglied im Verein. Ein wichtiger Schritt, wie er findet. „Das hat mir sehr geholfen. Ich konnte Rosenheim mit anderen Augen sehen und habe verstanden, wie die Menschen hier ticken.“ Offensichtlich passte die Chemie zwischen ihm und den Naturfreunden – denn er wurde gebeten, die Festschrift zum Dreifach-Jubiläum zu verfassen: 100 Jahre Naturfreunde, 80 Jahre Breitenberghütte und 50 Jahre Fotogruppe. Im Jahr 2006, zwei Jahre vor dem Festjahr, begann er mit der Recherche. Der Weg führte ihn: ins Stadtarchiv.
Es sei ein Durchwurschteln gewesen, sagt er. Fotos, Schriften und vieles andere musste er sich zusammensuchen. Parallel begann er ganz allgemein zu sichten, zu sortieren und aufzuräumen. Es dauerte nicht lange, da fragte ihn Tina Buttenberg, damals die kommissarische Leiterin des Stadtarchivs, ob er nicht ehrenamtlich für ein wenig mehr Ordnung sorgen wolle. Esser hatte seine Aufgabe für den Ruhestand gefunden.
In den vergangenen zwölf Jahren, bis Ende 2018, wühlte er sich durch unzählige Pläne und Skizzen. Sammelte Hinweise zu Fotomotiven, beschriftete Bilder und erstellte Archivlisten. Er öffnete Kartons und Kisten, las Unmengen von Briefen, amtlichen Schreiben, Vermerken und Akten. Auf diese Weise lernte der Rheinländer vieles über die Geschichte der Stadt und ihrer Menschen kennen – und weiß heute vermutlich mehr darüber als so manch waschechter Rosenheimer. Was er mit all diesem Wissen macht? „Nichts“, sagt Esser trocken.
Jetzt beginnt ein
neuer Abschnitt
Nach dem Abschied aus dem Stadtarchiv folgte eine kleine Feierstunde mit Oberbürgermeisterin Gabriele Bauer, in der sie seine Bereitschaft würdigte, sich im Ruhestand ehrenamtlich einzubringen, „noch dazu so lange“.
Jetzt beginnt für ihn ein neuer Abschnitt. „Es ist ein Einschnitt für mich“, sagt er. „Ich muss das selbst noch sortieren.“ Zeitlebens beruflich sehr erfolgreich, und als Sozialdemokrat in der Politik engagiert, muss er sich an ein Leben ohne jede Verpflichtung erst gewöhnen. Eines aber steht fest: Zurück ins Rheinland will der gebürtige Jülicher nicht mehr. Dazu hat er die Rosenheimer und ihre Geschichte dann doch zu lieb gewonnen.