„Es war Liebe auf den ersten Blick“

von Redaktion

Bettina Maier arbeitet von Herzen gern als Buchbinderin, einem Beruf der ausstirbt

Rosenheim – Die Buchbinderei zählt zu den ältesten Handwerken Deutschlands – und zu den aussterbenden. In ganz Bayern gibt es nur noch eine Handvoll Menschen, die diese Kunst beherrschen. In Rosenheim ist Bettina Maier die Letzte, die diesen Beruf professionell ausübt. Über mangelnde Aufträge kann sie nicht klagen. Ganz im Gegenteil: Die Zahl derer steigt, die dem Buch als „Speichermedium“ mehr vertrauen als der Festplatte ihres Computers.

Früher war die Buchbinderei eine reine Männerdomäne und das aus gutem Grund: Ein Buchbinder muss viel stehen, schwere Lasten tragen und gefährliche Maschinen bedienen, die tatsächlich in der Vergangenheit schon vielen Vertretern dieser Zunft Finger oder gar die ganze Hand gekostet haben. Bettina Maier hat trotzdem in diesem Handwerk ihren Traumberuf gefunden: „Es war Liebe auf den ersten Blick“, sagt sie heute, Jahre nachdem sie ihre Ausbildung beendet hat.

Sparwelle geht

Beruf an den Kragen

Eigentlich wollte die 47-Jährige nach ihrer Schulzeit Geschichte studieren. „Aber das war mir zu theoretisch“, sagt sie. Bettina Maier absolvierte ein Praktikum bei einem Buchbinder und wusste bereits am zweiten Tag: „Da gehe ich nicht mehr weg.“

Sie trat ihre Ausbildung an und arbeitete anschließend bei einer Buchbinderei in München. Die Zahl der Buchbinder war zu diesem Zeitpunkt schon rückläufig.

Das Sterben dieses Berufs begann Anfang der 1990er-Jahre. Zu dieser Zeit habe die Sparwelle die öffentlichen Einrichtungen erfasst. Früher sei selbst jede Vereinsbroschüre für die Lagerung im bayerischen Staatsarchiv aufwendig gebunden worden. „Das uferte tatsächlich aus“, sagt Bettina Maier. Doch genau auf diese Arbeiten hätten sich viele ihrer Kollegen spezialisiert. Akten und Unterlagen, quasi in „Fließbandarbeit“, zu binden, sei eben einfacher, als ein individuelles Einzelstück für einen Privatkunden anzufertigen, der dafür im Vorfeld auch lange beraten werden möchte. Bettina Meier denkt in dieser Sache anders. Statt Massenware geht es bei ihr immer schon viel um Individualität: Studenten, lassen sich von ihr die Masterarbeit binden, Hobbyschreiber ihre Gedichte und Hochzeitspaare ihre Erinnerungen an den schönsten Tag des Lebens.

Liebesbriefe zwischen

zwei Buchdeckeln

Bettina Meier hat dabei durchaus schon Lustiges und Kurioses erlebt: „Kürzlich dufte ich die gesamte frühere E-Mail-Liebeskorrespondenz eines Ehepaars zu einem Buch binden.“

Überhaupt, so stellt die Buchbinderin fest, gibt es in jüngster Zeit eine Gegenbewegung zum digitalen Zeitalter. Auch Rechtsanwälte und Ärzte kommen zu ihr, um sich ihre Akten binden zu lassen. „Sie vertrauen den digitalen Speichern nicht und das zu Recht“, sagt die Rosenheimerin. Bei einem Buch kündigten sich Schäden frühzeitig an.

Bei Computern könne von einem Augenblick auf den anderen der gespannte Speicher gelöscht und damit Wissen für immer verloren gehen. Darum zählen auch Handwerker zu den Kunden der Rosenheimer Buchbinderin. „Sie lassen sich ihre Adressbücher binden, weil sie Angst haben, dass ihnen sämtliche Kontaktdaten verloren gehen, sollte ihnen einmal aus Versehen das Handy aus der Hosentasche fallen.“,

Ohnehin haben gebundene Werke in ihren Augen einen unschlagbaren Vorteil gegenüber jeglicher Computertechnologie. „Bücher überdauern viele Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende und können von der Nachwelt entziffert werden. Die Technik überholt sich dagegen in immer kürzerer Zeit. Unsere nachfolgenden Generationen könnten sich mal schwer tun, etwas über unsere Geschichte in Erfahrung zu bringen“, sagt Bettina Meier

Die Arbeit in der Buchbinderei von Bettina Maier läuft in vielen Bereichen ab wie vor Hunderten von Jahren. Einige Gerätschaften in Bettina Maiers Buchbinderei könnten längst in einem Museum stehen. Da gibt es beispielsweise die mächtige Schneidemaschine mit ihren gefährlich scharfen Messern. Mit ihnen schneidet die Buchbinderin die sogenannten Buchblöcke glatt, die sie vorher durch Fadenheftung oder Klebebindung hergestellt hat. Konzentration ist bei diesem Arbeitsschritt alles, nicht nur, um sich nicht zu verletzen. Auch das Buch, an dem sie gerade arbeitet, könnte unweigerlich zerstört werden: „Was ab ist, ist ab.“

Auftragsarbeit

Goldenes Buch

Gearbeitet wird in der Buchbinder-Werkstatt mit vielen filigranen Werkzeugen, wie Pinsel, Schere, Messer, Lineal und Falzbein. Nicht fehlen darf natürlich auch der Leim zum Kleben. Auch wenn sie selbst bei ihrer Tätigkeit nicht von Kunst, sondern von Handwerk sprechen will, wirkt vieles, was sie hergestellt, sehr kunstvoll, wie das Goldene Buch der Stadt Traunstein.

Reich wird die Bettina Maier mit ihrem Handwerk nicht. „Die Preise heute sind auf dem Niveau vor 50 Jahren“, bedauert sie und hofft auf ein Umdenken, damit der Buchbinder wieder von der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Berufe gestrichen werden kann. Arbeit gibt es auch in Zukunft genug, ist sie sich sicher: Denn eines weiß sie ganz genau: „Bücher haben Bestand.“

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