Rosenheim – In 60 Minuten findet eine Auktion statt. Unter den vielen legendären Artefakten befindet sich auch eine magische und heilige Wunderlampe. Mitbieten ist keine Option. Die Lampe soll gestohlen werden. Der Auftrag ist klar: Mi einer Taschenlampe und einem Walkie-Talkie-Gerät ausgestattet, finde ich mich in einem hochgesicherten Lagerraum wieder. Der Raum ist spärlich beleuchtet. Irgendwie riecht es komisch. Auf der rechten Seite steht ein Kamin, links ein Ritter in voller Montur. In der Glasvitrine reihen sich verschiedene Artefakte aneinander, die bei der Auktion einen neuen Besitzer finden sollen. Von der Wunderlampe fehlt jede Spur.
60 Minuten
im Escape-Room
Keine Sorge – ich bin nicht unter die Kriminellen gegangen, sondern verbringe die nächsten 60 Minuten im Rosenheimer Escape-Room. Mit dabei: meine Kollegen Angela Klement und Sebastian Rassow. Escape-Rooms sind ein Team-Spiel, bei dem in der Gruppe mithilfe von Gegenständen und Hinweisen Rätsel gelöst werden müssen, um aus einem unbekannten Raum zu entkommen.
Seit dem Jahr 2017 gibt es den Escape-Room in der Rosenheimer Innenstadt. Ins Leben gerufen von Sascha Müller (30) und Thomas Niedermaier (32). „Wir kennen uns schon lange und haben schon immer mit dem Gedanken gespielt, etwas Eigenes zu machen“, sagt Müller. Gesagt, getan – nächtelang arbeiten die beiden an einem Businessplan. „Eines Morgens haben wir uns dann entschlossen, die Firma zu gründen. Bis jetzt haben wir es noch nicht bereut“, sagt Niedermaier und lacht.
Insgesamt drei Rätsel können in Rosenheim gelöst werden: „Artefakt“, „Blutrausch“ und „Muriels Erbe“. Niedermaier und Müller wählen „Artefakt“ für uns aus. Bevor es losgeht, gibt es eine kurze Einweisung. Handys sind im Escape-Room verboten. Macht Sinn, sollten die Rätsel doch auch weiterhin geheim bleiben und nicht überall im Internet zu finden sein. Türen und Fenster bleiben offen. Ein Abbruch des Spiels ist also quasi zu jeder Zeit möglich. Erleichtert atme ich auf. Ich frage, ob ein Drama wie in Polen, bei dem fünf Mädchen beim Brand eines Escape-Rooms starben, in Rosenheim passieren könnte. Müller muss nicht lange überlegen: „In Deutschland schließe ich das aus.“ Die Antwort beruhigt mich.
Eine weitere Regel: Nichts abreißen und keine Gewalt anwenden. Einleuchtend. Im Gänsemarsch geht es zu unserem Raum. An der Tür hängt eine Liste. Die Schnellsten wurden hier verewigt. Meine Hände sind feucht, bis jetzt kann ich mir nicht vorstellen, wie das Ganze ablaufen soll.
„Bereit?“, fragt Müller. Innerlich verneine ich die Antwort, scheine aber äußerlich Zustimmung auszudrücken. Die Tür geht auf und wir finden uns in einem altmodisch aussehenden Raum wieder. Hektisch schweifen meine Blicke von Wand zu Wand. An einer hängt eine Uhr. 60 Minuten. Der Timer beginnt langsam nach unten zu zählen. Ich fühle mich sofort unter Druck gesetzt.
Ich versuche, Hinweise zu finden, meine Hand klammert sich um das Walkie-Talkie. Die Idee, nach Hilfe zu fragen, ist verlockend. Mein Stolz hält mich davon ab, den Knopf zu drücken.
Müller und Niedermaier beobachten uns per Kamera. Ich schiele in ihre Richtung und bin versucht, zu winken, halte mich aber zurück. Ich ermahne mich, mich zu fokussieren.
Wieder schweift mein Blick durch den Raum. An der Wand ist eine Art Labyrinth zu sehen. „Keine schlechte Idee“, bestätigt die Stimme aus dem Walkie-Talkie. Normalerweise helfen die beiden Unternehmer nur im Notfall – oder wenn sie Mitleid haben. Letzteres gilt für mich. Wir machen uns auf die Suche nach dem nächsten Hinweis.
In der Vitrine liegt ein Buch, in dem die Artefakte aufgelistet sind. An der Wand hängt eine Landkarte. Hinweise?
Wenn wir ein Rätsel gelöst haben, öffnen sich Schranktüren und versteckte Türen wie von Zauberhand. Ich bin begeistert. Die Hälfte der Zeit ist fast vorbei. Von der Wunderlampe fehlt weiterhin jede Spur. Immer wieder hallen Stimmen durch den Raum, bekommen wir Hinweise und motivierende Worte.
Wir kommen der Lösung näher, aber die Zeit sitzt uns im Nacken. Die letzten Sekunden laufen. Wir krauchen durch einen geheimen Gang. Ein Schrei – die Wunderlampe ist zum Greifen nah. Ein weiteres Rätsel. Die Alarmsicherung muss ausgeschaltet werden. Mit dem Ablauf der 60 Minuten öffnet sich die Tür und wir blicken in die strahlenden Gesichter von Müller und Niedermaier. „Glückwunsch“, sagen die beiden. Wir haben es geschafft.
Kommunikation hilft beim Entkommen
Die 60 Minuten waren intensiv, witzig und irgendwie unreal. Kommunikation und Struktur standen im Vordergrund. „Man lernt sich von einer anderen Seite kennen“, sagen die beiden Unternehmer und grinsen. Nickend stimmen wir zu. Ich fühle mich meinen Kollegen näher und bilde mir ein, sie besser zu kennen.
Müller und Niedermaier wollen genau das mit ihrem Escape-Room in Rosenheim erreichen: „Die meisten verlassen den Raum mit einem Lachen. Man lernt sich von einer anderen Seite kennen, und lernt, besser zu kommunizieren.“ Die beiden müssen es wissen – sie bezeichnen sich selbst als „absolute Zocker“ und sind mit Leidenschaft bei ihrer Arbeit und bei ihrem Unternehmen.
„Es ist ein steiniger Weg, aber im Leben muss man sich nun mal für einen Weg entscheiden. Es geht nichts ohne Risiko. Du brauchst einen Plan A und du brauchst einen Plan B. 100 Prozent absichern kann es keiner. Wir sind zufrieden mit den Rückmeldungen, aber das kann in zehn Jahren schon wieder ganz anders aussehen“, sagt Sascha Müller.