Rosenheim – Fantasy-Romane mag man, oder man mag sie nicht. Dazwischen gibt es nicht viel. Wobei denjenigen, die sie nicht mögen, einfach zu viel Fabelwesen darin vorkommen. Zu viele Elfen, zu viele Trolle, zu viele Zwerge, zu viele Zauberer und viel zu wenig handfeste und normale Menschen mit gesundem Menschenverstand, bei denen Logik noch etwas zählt. Wer so denkt, sollte es mit einem Roman von Tobias Fischer (40) aus Riedering versuchen.
Bei ihm ist eine der Hauptpersonen nämlich Veyron Swift, der an rasiermesserscharfem Verstand dem berühmten Sherlock Holmes nicht viel nachsteht. Der Wohnort des Veyron Swift ist nicht ganz von ungefähr das heutige London. Was nicht heißen soll, dass es so ein Fabelreich und auch Fabelwesen in den Romanen nicht gäbe. Sie existieren, in einer Parallelwelt, da und dort für Eingeweihte durch einen Durchgang erreichbar.
Elf Jahre voller
fantastischer Ideen
Logisch ist nicht nur das Denken von Veyron Swift, durch und durch in sich schlüssig ist auch der Aufbau dieser anderen Welt, die in den Romanen „Elderwelt“ heißt. Tobias Fischer hat sich ungefähr elf Jahre Zeit genommen, um sie zu konstruieren. Nicht ganz freiwillig, es war vielmehr eine Durststrecke. Im Jahr 2001 hatte er mit gerade Mal 23 Jahren sein erstes Manuskript, einen Science-Fiction-Roman, fertigstellt. Es war der Abschluss von fünf Jahren Arbeit gewesen: Wieder und wieder hatte er den Text korrigiert und überarbeitet. Trotzdem fand er keinen Verlag, der sich für sein Manuskript interessierte. Es folgte eine Pause.
Als er sich dann 2012 wieder an den Computer setzte, war jedenfalls viel Vorarbeit geleistet: So ist auch die Sprache, die in der Romanwelt hauptsächlich gesprochen wird, schon festgelegt und angelehnt an das irische Gälisch und an das Walisische. Die logische Folge war, dass „Veyron Swift oder das Juwel des Feuers“ in einem knappen halben Jahr fertig geschrieben war.
Und schon in diesem ersten Buch zeigt sich die besondere Mischung aus realer und „der anderen“ Welt, die seine Romane so interessant macht und ihnen jenen Schuss Lebensnähe vermittelt, die viele in diesem Genre oft vermissen. Wobei hinzu kommt, dass diese andere Welt, die Elderwelt, weder ein Zombiereich noch eine Heile-Welt-Utopie ist. Die Bewohner dort sind gewissermaßen Menschen wie Du und ich. Auch magische und übersinnliche Kräfte sind nur vergleichsweise sparsam verliehen, denn, wie Fischer sagt: „Probleme müssen Probleme bleiben. Und das geht nur, wenn nicht jedes Mal, wenn‘s hart auf hart kommt, irgendein Zauber greift.“ Nur so ist es auch möglich, dass er in seiner Fantasiewelt Konflikte noch einmal aufnehmen kann, die unsere reale Welt prägen oder geprägt haben.
In seinem ersten Roman kommt zum Beispiel eine Terror-Organisation vor, die er bewusst an die RAF, die Rote Armee Fraktion, angelehnt hat, die Deutschland von den 1970er-Jahren bis in die 1990er-Jahre in Atem hielt. Warum er das tat? „Weil ich es wie als Paradebeispiel dafür sah, wie sich Ideale im Laufe der Zeit so pervertieren können, dass Mord als gerechtfertigtes Mittel zu ihrer Durchsetzung erscheint.“ Und im spielerischen Genre der Fantasy-Geschichten, so sagt er, habe man mehr Freiheiten und Mittel, um die Entwicklungslinien, die man selbst für entscheidend halte, herauszuarbeiten. Viel mehr jedenfalls, als bei einem historischen Roman.
Was nicht heißen soll, dass Fischer in seinen Interpretationen zu frei wird: In seinem zweiten Roman steht eine Gegend in seiner Elderwelt im Mittelpunkt, in der es das klassische Rom heute noch gibt, wenn es dort auch Marisium heißt. Voraussetzung dafür waren ausgiebige Recherchen über das Alltagsleben im alten Rom, über politische Struktur und Gesellschaft. „Mir war wichtig, dass alle Fakten stimmen. Ich wollte, dass selbst ein Latein- oder Geschichtslehrer daran nichts bemängeln könnte.“ Was ihm nicht schwerfiel, denn ein Faible für Geschichte hat er schon immer gehabt, weswegen auch der Roman, an dem er gerade arbeitet, zum Teil in einer Gegend von Elderwelt spielt, in der sich ein Stück des alten Griechenlands noch erhalten hat.
Und auch hier zeigt sich ein Sinn für Humor und Ironie. Nur ein Detail: Im Griechenland der Elderwelt hat sich die griechische Erfindung der Geometrie pervertiert und ist zu einer Diktatur von Geodreieck und Winkelmesser verkommen. Selbst die Bärte müssen – von Beamten überwacht – rechtwinklig gestutzt werden. Überhaupt findet es Tobias Fischer genial am Fantasy-Genre, dass sich so viel darin einarbeiten lässt, von politischen Großereignissen bis zu kleinen Alltagserlebnissen: Was immer auch sein Interesse weckt: seine Elderwelt ist groß genug, dass sich dafür Platz findet.
Der Stoff wird Fischer jedenfalls nicht ausgehen, mindestens zwei Romane soll es nach dem, der jetzt in Arbeit ist, geben. „So lange, bis die Personen von Veyron Swift und seinem Neffen Tom wirklich auserzählt sind.“ Und Sorgen, dass diese genialen Geschichten keine Leser finden, muss er sich nach vier Romanen nicht mehr machen. Seit seinem allerersten Versuch vor 18 Jahren hat sich viel geändert. E-Books sind heute Gang und Gebe und als solche erscheinen auch Fischers Bücher. Allerdings kann er davon nicht leben, auch deswegen, weil er viel Aufwand betreibt: Um sicher zu gehen, dass seine Romane wirklich rund sind, leistet er sich den Luxus, sie von einem von ihm selbst bezahlten Lektor Korrektur lesen zu lassen. Und so arbeitet Tobias Fischer – wenn auch in der Seele ganz und gar Autor – nach wie vor bei der Post in Rosenheim, ist dort die Vertrauensperson für Schwerbehinderte. Er liebt diese Tätigkeit wegen der Herausforderungen, die sie mit sich bringt, eigentlich sehr, nur ist sie manchmal so fordernd, dass ihm am Abend keine Kraft mehr fürs Schreiben bleibt. Mit ein Grund dafür, dass er für seine Romane heute länger braucht als früher „Aber damit kann ich leben, ich hab’s ja schon beim ersten Roman gelernt: Die Zeit, die es benötigt, benötigt es.“
Im nächsten Teil der Serie stellen wir Petra Palumbo vor, die unter dem Pseudonym Luzi van Gisteren „Geschichten mit Mort“ veröffentlicht. Alle Autoren der Serie leben in der Stadt oder dem Landkreis Rosenheim. Gemeinsam ist ihnen die regelmäßige Teilnahme am Autoren-Stammtisch in Rosenheim.