Rosenheim – „Nicht nach unten schauen“, „Arm gerade“, „Fuß hier aufstellen“: Geduldig gibt Ballettlehrer Roman Linke Anweisungen. Jede Bewegung wird genau beobachtet. Haltung. Präzision. Disziplin. Der 52-Jährige weiß, worauf es ankommt. „Ich war drei Jahre alt, als mich mein Vater zum Ballett mitgenommen hat“, erinnert sich Linke.
Seine Begeisterung hält sich damals in Grenzen. „Ich hatte keine Wahl. Das Geld für eine andere Sportart hat gefehlt“, sagt er und fügt hinzu: „Außerdem waren meine Eltern leidenschaftliche Balletttänzer.“ Mutter Doris Bartosch gründet im Mai 1956 eine Ballettschule in Rosenheim. 1960 beginnt Konrad Linke als Ballettlehrer. Die beiden verlieben sich. 1967 wird Roman in eine Welt geboren in der sich alles um „Pliés“ und „Port de bras“ dreht.
Roman Linke tanzt. Aber seine Leidenschaft gehört dem Fechten. „Ich wollte mich einfach männlicher fühlen“, sagt er. Er ist ein guter Tänzer, aber ein besserer Fechter. Bis er eines Tages zwei Männer beim Balletttanzen beobachtet. „Der eine hat mich überhaupt nicht angesprochen, aber der andere war voller Freude und Elan dabei. So wollte ich auch tanzen.“ Sein Entschluss steht fest: Er will ein professioneller Balletttänzer werden.
„Meine Eltern haben die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen“, sagt er und fügt hinzu: „Ich hatte einfach nicht den Körper fürs Tanzen.“ Linke hält trotzdem an seinem Traum fest. Er trainiert. Erst einmal in der Woche, später dreimal und schließlich jeden Tag für mehrere Stunden. Mit elf Jahren wird er an der Heinz-Bosl-Stifung aufgenommen und schnuppert zum ersten Mal Bühnenluft. „Es lässt dich irgendwann einfach nicht mehr los“, sagt er.
Linke beendet die Realschule, mit 19 schließt er sein Studium ab. Er bekommt ein Engagement in Luzern. Später wechselt er zum bayerischen Staatsballett. „Wir sind auf Tournee gegangen und sind durch die halbe Welt gereist“, erzählt er. New York, Korea, Frankreich – Linke tanzt auf den Bühnen dieser Welt und lernt die unterschiedlichsten Choreografen kennen.
„Es war eine ganz tolle und sehr spannende Zeit“, sagt er. In seiner Stimme schwingt ein Hauch von Wehmut mit. Sein größter Auftritt: eine Rock-Rolle in dem Stück „La fille mal gardée“. Eine Aufführung, in der die Mutter traditionell von einem Mann gespielt wird. „Es ist eine sehr lustige Rolle, die der treibende Kern der Geschichte ist“, erinnert er sich. Das Stück wird ein Riesenerfolg. Drei Jahre, 60 Aufführungen. Nach Auftritten warten Blumen und kleine Aufmerksamkeiten in seiner Umkleide. Er fühlt sich wie ein Star.
1993 hängt er die Ballettschuhe an den Nagel und übernimmt die Ballettschule seiner Mutter. „Ich hätte vielleicht noch ein paar Jahre weitertanzen können, aber die Ballettkarriere ist relativ kurzweilig“, erklärt Linke. Er unterrichtet und schreibt Choreografien. „Ich habe über die Jahre viel von meinen Eltern gelernt“, sagt er und fügt hinzu: „Mein Vater hatte ein unheimlich pädagogisches Händchen. Kinder haben ihn geliebt.“ Nach und nach tritt der 52-Jährige in die Fußstapfen seines Vaters. Sein Ziel: Kinder an das professionelle Theater herzuführen. Sein Motto: „Träume können entstehen, wenn alle zusammenarbeiten.“
Momentan zählt seine Tanzschule 300 Mitglieder, zehn davon sind männlich. Ein Wermutstropfen: „Viele männliche Balletttänzer werden gehänselt und als schwul bezeichnet“, sagt Linke. Er kennt das Problem. Als Jugendlicher machen sich seine Mitschüler über ihn lustig. Lehrer schütteln den Kopf. Verständnis für seine Sportart hat niemand. Linke denkt zu diesen Zeiten ans Aufhören. Der Gedanke an die Bühne hält ihn davon ab. „Ich habe dieses Gen einfach in mir“, sagt er.
Linke hofft, dass sich mehr Männer zum Ballettsport bekennen. „Ballett ohne Männer funktioniert einfach nicht“, weiß der 52-Jährige und fügt hinzu: „Dornröschen zum Beispiel wäre ohne einen Prinzen nie erweckt worden.“
Mit seiner Ballettwerkstatt probiert Linke vor allem Vätern zu vermitteln, dass Ballett eine vollwertige Sportart ist. „Ich trainiere auch Eiskunstläufer und Eishockeyspieler“, sagt er. Kurz denkt er nach. „Ballett ist ein unheimlich harter Sport. Man braucht Durchhaltevermögen und die Fähigkeit sich quälen zu können.“ Linke hat beides.
In der Ballettschule am Ludwigsplatz neigt sich die Tanzstunde mittlerweile dem Ende. Vom Ballettsaal überblickt man fast die gesamte Rosenheimer Innenstadt. „Fast so schön wie in Paris“, sagt der 52-Jährige und lacht. Dekoriert hat seine Frau. An den Wänden hängen Bilder von verschiedenen Auftritten. Am Eingang hängt ein gemaltes Bild seiner Eltern beim Tanzen. Für kurze Zeit vergisst man die Hektik des Alltags – fast wie beim Tanzen.