Rosenheim – „Lustig sein ist alles andere als einfach“, sagt Stefan Pillokat. Er muss es wissen, denn er ist von Beruf Clown. Im Gemeindesaal der evangelischen Apostelkirche in Rosenheim gibt der 52-jährige Markt Schwabener einen Kommunikationskurs der besonderen Art: Humor gilt hier als Schlüsselqualifikation.
Der eintägige Workshop richtete sich an alle, die in ihrem Berufsalltag viel mit anderen Menschen in Kontakt kommen. Viola ist so ein Mensch. Sie arbeitet als Musikschullehrerin in Traunstein. „Ich erlebe in meinem Alltag immer wieder Situationen, die ich als schwierig empfinde“, sagt sie. Als Lehrerin wolle sie natürlich etwas erreichen und fordere deshalb Leistung von ihren Schülern. Das kommt nicht immer gut an, deshalb wünscht sie sich: „Auch das Scheitern anerkennen zu können, indem ich darauf mit Humor reagieren kann.“
Von der Pflegerin
bis zum Filialleiter
Zwölf Teilnehmer unterweist Stefan Pillokat an diesem Tag in der Kunst der humorvollen Kommunikation, darunter eine Altenpflegerin, eine Personalreferentin, einen Improvisationsschauspieler, einen Filialleiter, Vereinsvorstände und ehrenamtliche Kräfte.
Zuerst einmal bekommen sie alle von Stefan Pillokat eine rote Pappnase. „Die kleinste Form der maximalen Verkleidung“, sagt er und schmunzelt. Durch dieses eine kleine Accessoire sei ein Clown klar erkennbar, außerdem „fungiert die rote Nase auch als Schutzschild“.
Ein „Schutzschild“ können die Kursteilnehmer gut gebrauchen. Der Proficlown fordert sie im Laufe des Tages immer wieder dazu auf, sich buchstäblich zum Affen zu machen, oder auch mal zur Katze oder Maus.
„Das kostet weniger Überwindung, als ich dachte. Man ist halt bei diesem Kurs unter Gleichgesinnten“, stellt Christine fest. Die Bad Endorferin ist in der Pflege tätig. „Humor kann den Umgang mit Patienten sicherlich erleichtern“, ist sie überzeugt. Für den Workshop angemeldet hat sie sich aber nicht nur, um zu lernen, sondern auch, um „einmal einen Tag nur Freude und Spaß zu haben“.
Je später die Stunde, desto gelöster sind die Teilnehmer. Übungen, die am Vormittag noch nicht so richtig gelingen wollen, fallen am Nachmittag schon viel leichter: beispielsweise Emotionen wie Wut, Freude oder Mitleid auf Kommando mittels Mimik und Gestik auszudrücken. Clown „Pippo“, alias Stefan Pillokat, fordert dabei von seinen Schülern ganzen Körpereinsatz.
Auch ein kurzes Schauspiel steht auf dem Programm. Die Teilnehmer mimen jeweils einen Betrunkenen auf dem Heimweg von einer Kneipe und lassen ihren Auftritt später von den anderen analysieren. „Soll es überzeugend sein, muss man selbst bei einer so kurzen Szene an so viele, verschiedene Dinge gleichzeitig denken“, lautete das Resümee nach dieser Übung.
Alle Programmpunkte dienen einem einzigen Zweck: sich selbst zu erkennen. „Erst wenn ich weiß, wie ich auf andere wirke, kann ich gut mit meinen Mitmenschen kommunizieren“, erklärt Stefan Pillokat. Der Weg zur Selbsterkenntnis führt, seiner Meinung nach, am besten über den „inneren Clown“. Ihn trage jeder Mensch in sich. Pillokat geht noch weiter: „Der innere Clown ist sowieso der bessere Mensch. Er ist stärker, traut sich mehr – ist eben ein wahrer Held.“
Selbst Kinder
verlieren den Spaß
Heute werde es zunehmend schwieriger, diesen Clown an die Oberfläche zu holen, selbst bei Kindern. „Erst kürzlich bin ich bei einem Kindergeburtstag aufgetreten und habe mich gewundert, weil meine Zuschauer nach und nach immer weniger wurden. Ich suchte sie und entdeckte sie beim Computerspielen im anderen Zimmer. Ich wusste, an mir liegt es nicht, mein Programm war gut“, sagt Pillokat. Humor sei leider immer weniger gesellschaftsfähig, insbesondere in den Städten. „Auf dem Land kann man die Menschen leichter begeistern. Je größer die Stadt, desto schwieriger wird es“, so seine Erfahrung. Grundsätzlich verändere sich vieles auf der Welt zum Negativen hin: „Es fehlt zunehmend die Achtsamkeit, sich selbst und seinen Mitmenschen gegenüber.“ Der Proficlown weiß, dass ein Workshop nicht für einen grundsätzlichen Wandel ausreichen kann: „Ich kann nur Anstöße geben. Danach liegt es an der eigenen Bereitschaft, sich zu entwickeln.“
Infos: www.pippo4all.de.