Keine Entscheidung über Straßenausbau

von Redaktion

OVB-Serie In alten Zeitungsbänden geblättert – Zu wenig Kinder für Kindergarten

Rosenheim – Ein Blick zurück in die Vergangenheit sagt viel über die Entwicklung einer Stadt und die Sichtweise früherer Generationen. Vieles wiederholt sich auch in verblüffender Weise. Wir haben deshalb in alten Zeitungsbänden geblättert und präsentieren in unregelmäßigen Abständen die interessantesten Dinge aus bestimmten Jahren. Heute geht es um die Zeit vom 11. bis 24. Februar.

Die Ermordung des bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner am Freitag, 21. Februar 1919, in München war das Fanal für die zweite Revolution in Bayern. Die blutigen Ereignisse in München lösten auch in Rosenheim Reaktionen aus. Der Volks- und Soldatenrat setzte alle Hebel in Bewegung, durch persönliche Fühlungnahme sowie durch Schutzmaßnahmen Ausschreitungen zu verhindern.

Dies gelang jedoch nicht in vollem Umfang. Die Ortsgruppe der MSD (Mehrheitssozialisten) gab bekannt, dass am Samstag, 22. Februar, auf der Loretowiese eine Kundgebung stattfindet. Ein Zug Soldaten – etwa 250 Mann – marschierte kurz vor drei Uhr durch die Kaiserstraße mit schwarzumflorter roter Fahne und Tafeln mit verschiedenen Aufschriften: „Hoch das Rätesystem!“ „Proletarier, seid wachsam!“

Für die Soldaten sprach Soldatenratsvorsitzender Guido Kopp. Er verlas die Forderungen, unter anderem Rücktritt des Bürgermeisters Hofrat Wüst. Dann setzte sich der Zug wieder in Bewegung in Richtung Rathaus. Dort wurden Bürgermeister Hofrat Wüst die Forderungen und der Beschluss der Demonstranten vorgetragen, worauf Hofrat Wüst sich zum Rücktritt bereit erklären musste.

Dann umringten die Demonstranten das Bezirksamtsgebäude, holten Regierungsrat Josef Baur aus der Wohnung und verlangten seinen Rücktritt, was dieser zusagte. Die Menge zog weiter zu den Geschäftsstellen des „Wendelstein“ und „Rosenheimer Anzeiger“. Dort wurde verkündet, dass die Vorzensur über beide Blätter verhängt worden sei.

Die Amtsgeschäfte der Stadt wurden dem sozialistischen Gemeindebevollmächtigten Karl Göpfert übertragen. Die Zensur der Lokalpresse kam in die Hände des Schriftsetzers Benno Huber und der Soldatenratsmitglieder Kopp und Berg.

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„Einschränkung der Tanzunterhaltungen. Dem Beispiele anderer Städte folgend, ordnete der Stadtmagistrat in einer Bekanntmachung auf Anregung des Volksrates nunmehr die Einschränkung der Tanzunterhaltungen an. Von nun an sind öffentliche Tanzvergnügungen nurmehr an Samstagen und Sonntagen zugelassen. Um halb 12 Uhr haben die Wirtschaften zu schließen. An den übrigen Wochentagen ist Polizeistunde um 10 Uhr.“

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„Ein Arbeitsscheuer. Ein lediger Hilfsarbeiter von hier wurde wegen Nichtbefolgung eines Arbeitsauftrages festgenommen.“

„Der Hauptausschuß des Rosenheimer Stadtrats beschloß, das Gebäude Ruedorfferstraße 9, ebenso wie das Gebäude Königstraße 4 abbrechen zu lassen. Neubauten werden an diesen Plätzen vorerst nicht errichtet. Der gewonnene Raum am Salzstadel dient als Parkplatz.

An der Königstraße wird der Riedergarten erweitert. Die früheren Pläne, dort einen Kindergarten zu errichten, haben sich von selbst erledigt, da es in der Innenstadt nicht mehr genug Kinder gibt. Vor Jahren hatte die Absicht bestanden, am Salzstadel den Grünen Markt von Rosenheim zu etablieren. Dagegen wurden jedoch viele Vorbehalte geäußert, so daß eine solche Verlagerung derzeit nicht mehr im Gespräch ist.“ (Anmerkung der Redaktion: Rund 40 Jahre später kam im Zusammenhang mit der Neugestaltung des Salzstadels erneut die Idee auf, den Grünen Markt auf den Salzstadel zu verlegen. Auch diesmal wurde nichts daraus. Zudem wurde die Idee geboren, wieder ein Haus zu errichten, genau dort, wo es früher einmal stand. Der Bauausschuss genehmigte zwar ein Gebäude mit Café – aber niemand wollte es bauen und betreiben. Damit verschwand die Idee wieder in der Versenkung. Vielleicht taucht sie ja in 50 Jahren noch einmal auf.)

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„Künftig werden im Landkreis Rosenheim noch 17 Vollschulen, zwölf Teilschulen und sechs Grundschulen bestehen. Durch diese Konzentration werden 17 Schulhäuser überflüssig.“

„Aufgrund von Personalmangel mußte der sechste Stock vom Bettenhaus I des Klinikums geschlossen werden. ,Wir müssen uns etwas einfallen lassen, um das Haus für das Pflegepersonal attraktiver zu machen‘, sagte der Verwaltungschef des Klinikums, Hans Baumann, im Krankenhausausschuss. Viele der Angestellten seien in umliegende Kliniken wie etwa Vogtareuth und Bad Aibling abgewandert. Insgesamt seien 360 Betten rund um Rosenheim neu eingerichtet worden. Dadurch werde viel Personal vom Klinikum abgezogen. Laut Baumann nütze der schöne Neubau nichts, wenn das Klinikum kein Pflegepersonal habe.“

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„Im „Alten Wirt“ in Aising trafen sich etwa 180 Aisinger und Panger Bürger, um zum wiederholten Mal die Verbindungsstraße Panorama-Schwaig zu fordern. Der Leiter der Bürgerinitiative Aising-Pang, Georg Haustetter, betonte, daß jetzt endlich gehandelt werden müsse; die Zeit der Diskussionen sei vorbei. In der Diskussion wurde den wenigen anwesenden Gegnern der Trasse Panorama-Schwaig vorgehalten, daß die täglich durch Aising-Pang fahrenden 20000 Kraftfahrzeuge nicht annähernd durch einen öffentlichen Nahverkehr mit Bussen ersetzt werden könnten. Außerdem seien 77 Prozent der gezählten Fahrzeuge nicht in Rosenheim-Stadt zugelassen, sondern kämen von auswärts.“

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„Keine Entscheidung fiel gestern abend im Verkehrsausschuß über den drei- oder vierspurigen Ausbau der Kufsteiner Straße. Vielmehr werden die einzelnen Fraktionen noch beraten, wobei Hermann Huber für die SPD bereits Ablehnung signalisierte. Anwesende Anlieger reagierten schockiert, als Baudirektor Dr. Günther Antusch sagte: ,Beim vierspurigen Ausbau sind halt hier ein paar Häuser im Weg.‘ Oberbürgermeister Dr. Michael Stöcker versuchte, zu beruhigen, hält aber zumindest Eingriffe in die Vorgärten für möglich.“ re

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