Rosenheim – Josef Kugler ist ein sicherer Autofahrer. Das sagt der 82-jährige Vorsitzende des Rosenheimer Seniorenbeirats nicht nur über sich selbst. Das belegt auch ein Zertifikat über seine Fahrtauglichkeit, das er vor drei Jahren erhalten hat. Kugler ärgert sich über die Diskussion, wie fahrtauglich Senioren sind und die Frage, ob sie Fahrtests absolvieren sollten. Die Debatte ist bekannt, hat aber mit dem Unfall von Prinz Philip (97) in England Nährstoff erhalten.
Selten zu schnell,
kaum betrunken
Kugler spricht offen aus, was vermutlich viele ältere Menschen in Rosenheim denken: Er fühlt sich „ungerecht behandelt“. Immer gehe man auf die Alten los. Natürlich gebe es viele, die schlecht Auto führen. „Aber es gibt auch viele Junge, die schlecht fahren“, sagt er. Recht geben ihm die jüngsten Zahlen des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd, zu dessen Zuständigkeitsbereich die Stadt und der Landkreis Rosenheim gehören: So sind junge Erwachsene im Alter zwischen 18 und 24 Jahren im Jahr 2017 „überproportional am Unfallaufkommen beteiligt“ gewesen.
Fakt ist aber gleichermaßen, dass diese jungen Erwachsenen deutlich weniger an Unfällen beteiligt waren als die Altersgruppe 65 Jahre und älter. Auch das Statistische Bundesamt hat ermittelt, dass mit zunehmendem Alter die Gefahr steigt, einen Unfall zu verursachen. Häufigste Ursachen dabei sind Fehler beim Abbiegen, Wenden und Rückwärtsfahren sowie das Missachten der Vorfahrt. In den wenigsten Fällen spielen ein zu hohes Tempo oder Trunkenheit am Steuer eine Rolle. Dass Senioren sich sehr viel seltener von Alkohol oder Drogen berauscht hinters Steuer setzen, führt auch Kugler an. Für sich selbst hat er entschieden, zwar regelmäßig seinen Wagen zu nutzen – aber nicht mehr für weite Strecken. „Das traue ich mir nicht mehr zu“, sagt er.
Wie viel sich ältere Autofahrer zutrauen, das ist in der Regel eine Frage der Selbsteinschätzung. Vor allem in Deutschland, weil hier der Führerschein auf Lebenszeit gilt. Kontrollmöglichkeiten in Theorie und Praxis gibt es auf freiwilliger Basis. Die Frage, ob Senioren zu Fahr- und Wissenstests verpflichtet werden sollten, bleibt umstritten. Auch deshalb, weil das Fahrvermögen sehr abhängig ist vom persönlichen psychischen und physischen Vermögen.
So berichtet Metin Mergen, Vorsitzender des Kreisfahrlehrerverbandes, von einem 80-Jährigen, der „ohne Probleme“ als Schulbusfahrer unterwegs ist. Andere Verkehrsteilnehmer aber lenkten bereits mit 60 ihren Wagen mehr schlecht als recht. Wie sehr die Fahrtauglichkeit von individuellen Faktoren abhängig ist, weiß auch der AFN-Verkehrspsychologe Gerhard Zimmermann, der seit 15 Jahren neben Mühldorf und Traunstein auch den Bereich Rosenheim betreut. Obwohl er vor allem ältere Menschen mit Alkoholproblem auf dem Weg zur medizinisch-psychologischen Untersuchung betreut, hat er generell festgestellt: Wer sich im Alter sportlich betätigt und sein Gehirn fordert, wer agil bleibt, der kann auch in höherem Alter gut Auto fahren. Neuropsychologische Leistungstests auf freiwilliger Basis hält Zimmermann für sinnvoll. Hat aber auch die Erfahrung gemacht, dass sie zu bestehen über die Jahre immer schwieriger wird: „Solche Tests sind mit über 70 nur schwierig zu bestehen. Mit über 80 schafft man das gar nicht mehr.“. Schon wer 60 Jahre alt sei, müsse mit Einschränkungen in Konzentration, Aufmerksamkeit und Reaktion rechnen, sagt Zimmermann – und erzählt von einer Fahrstunde, die er kürzlich selbst absolviert habe. Zimmermann ist 53 und sagt über diesen Praxisversuch: „Ich habe Fehler gemacht, ich habe einiges dazugelernt. Und ich weiß jetzt, dass ich dranbleiben muss.“ Eine Einschätzung, die nicht weiter verwundert, wenn man sich überlegt, dass in Rosenheim die Zahl der Kraftfahrzeuge innerhalb von fünf Jahren um mehr als 3000 gestiegen ist: von 37209 im Jahr 2012 auf 40299 im Jahr 2017. Allein diese Zunahme der Verkehrsdichte, gepaart mit einer wachsenden Zahl an Verkehrsschildern und -regeln, belegen, dass es zudem die Umstände sind, die zunehmend eine höhere Aufmerksamkeit erfordern. Dazu kommt: Der Anteil der älteren Verkehrsteilnehmer steigt aufgrund des demografischen Wandels. Wenn die Babyboomer in Rente sind oder kurz davor stehen, werden in Rosenheim, statistisch betrachtet, von 100 Menschen 42,5 älter sein als 65. Vor drei Jahren lag dieser sogenannte Altersquotient bei 32,8. Viele dieser Alten sind dann seit vier Jahrzehnten und mehr im Besitz eines Führerscheins, ohne in der Regel je auf ihr Fahrvermögen angesprochen worden zu sein.
Abgehängt und
ausgegrenzt
Das eigene Können selbstkritisch zu hinterfragen und in der Folge möglicherweise freiwillig auf den Führerschein zu verzichten, das fällt nicht leicht. Den Verlust der Mobilität erleben viele Menschen als einschneidendes Erlebnis. Er ist mit Scham besetzt und mit dem Gefühl, nicht mehr dazuzugehören. Diese negativen Emotionen in Verbindung mit der Furcht vor drohender Vereinsamung lassen sich nur schwer einfangen. Selbst die Sorge, möglicherweise einen Unfall mit Personenschaden zu verschulden, führt selten zu dem Schritt, die eigene Fahrtauglichkeit prüfen zu lassen – oder gar den Führerschein freiwillig abzugeben. So hat das Kraftfahrbundesamt ermittelt, dass erst im Alter ab 75 die Bereitschaft steigt, auf die Fahrerlaubnis zu verzichten.
Freiwillig aufzuhören, einer solchen Entscheidung zollt Josef Kugler Respekt. Allerdings sollte das belohnt werden, findet er. Mit einer Fahrkarte für öffentliche Verkehrsmittel. Denn anders als vermutlich Prinz Philip, haben die wenigsten Senioren einen privaten Fahrdienst an der Hand.