Rosenheim – Die Übertritts-zeugnisse im Mai sind nicht mehr fern. Viele Eltern machen sich darum derzeit Gedanken, was der Schulwechsel nach Klasse 4 für ihren Nachwuchs konkret bedeutet. Die Umstellung auf eine weiterführende Schule bringt eben nicht nur Chancen mit sich, sie verlangt den Kindern auch Anstrengung ab. Um ihnen den Start zu erleichtern, geht man in der Johann-Rieder-Realschule neue Wege: Weg von der Fehlerkultur, hin zu einem Lernansatz, der die Stärken des Einzelnen in den Fokus stellt und an selbstständiges, eigenverantwortliches Arbeiten heranführt, ist Ziel des Pilotprojekts „Aktive 5“.
Tiere in Englisch aufschreiben
Ella, zehn Jahre alt, sitzt vor einem leeren Blatt Papier und vielen bunten Zeichenstiften. Ihre Aufgabe lautet: Alle Tiere, für die sie die englische Bezeichnung kennt, aufzuschreiben. Danach soll sie diese in Gruppen wie Land- oder Wassertiere, Fleisch- oder Pflanzenfresser, aufteilen.
Zuerst malt Ella in die Mitte des Papiers in blauer Farbe eine große Blase und schreibt in englischer Sprache den Begriff „Animals“ hinein. Von diesen zentralen Gedanken ausgehend zieht sie dann strahlenförmig, in verschiedenen Farben Äste und Zweige und fügt sämtliche Gedanken ein, die ihr zu diesem Thema einfallen. „Mind-Map“, zu Deutsch „Gedächtnislandkarte“ nennt man diese Technik, die dazu dienen soll, Ideen und Gedanken zu visualisieren. Vorteil laut Experten: Gelerntes soll sich dadurch leichter im Gedächtnis einprägen. Insgesamt führt die Johann-Rieder-Realschule in diesem Schuljahr vier Methodentage in zwei 5. Klassen durch, in denen mit den Schülern innovative Lerntechniken eingeübt werden.
Das Pilotprojekt „Aktive 5“ beinhaltet aber noch weitere Neuerungen, die zu einer positiveren und effektiveren Lernatmosphäre führen sollen. Dazu gehören unter anderem eine veränderte Sitzordnung zur Schaffung einer effektiven Lernumgebung. Durch parallel geschalteten Unterricht der beiden Pilot-Klassen und durch die Verknüpfung der einzelnen Unterrichtsfächer soll ein gemeinsamer Standard geschaffen werden. Besonderes Augenmerk liegt einerseits auf der Förderung der Sozialkompetenz – das verantwortungsvolle Miteinander der Schüler, aber auch die traditionellen Werte der Schule, wie Pünktlichkeit, Sorgfalt und Zuverlässigkeit, sollen gestärkt werden.
Andererseits strebt die Schule einen neuen Kurs in der Unterrichtsentwicklung an, bei dem das eigenverantwortliche Schaffen im Vordergrund steht: Ein schülerzentrierter Unterricht soll den Lernenden ermöglichen, selbsttätig zu arbeiten und den eigenen Leistungsstandard einzuschätzen.
Verschiedene Arbeitstechniken
Ein gezielter Einsatz verschiedener Lern- und Arbeitstechniken sowie von Gesprächs- und Kooperationsmethoden soll darüber hinaus die Lernmotivation und die Leistungsbereitschaft steigern. „Wir wollen das Selbstvertrauen und das Selbstwertgefühl unserer Schüler stärken“, erklärt dazu die stellvertretende Schulleiterin Karin Plöckinger.
Das Pilotprojekt „Aktive 5“ ist eine Weiterentwicklung des Modellversuchs „Kompass“, an dem sich mittlerweile schon 47 Realschulen in Bayern, darunter auch die beiden Rosenheimer Realschulen, beteiligen. Nach Meinung von Wolfgang Forstner, Schulleiter der Johann-Rieder-Realschule, ist ein Umdenken bei der Unterrichtsgestaltung unbedingt notwendig.
„Die Schüler haben heutzutage enorme Konzentrationsschwächen“, so seine Erfahrung. Die Gründe dafür seien vielfältig, die Auswirkungen aber enorm. „Die Nachhilfeindustrie boomt“, weiß er. Eltern, die meinen, Geld auszugeben für Nachhilfestunden, führe automatisch zu besseren Noten, würden sich aber täuschen: „Die Konzentrationsschwäche bleibt“.
Wolfgang Forstner setzt darum auf neue Lernmethoden „Die Rotstiftmentalität hat ausgedient“, ist er überzeugt. Wichtiger, als das bloße Aufzeigen von Fehlern, ist seiner Meinung nach die Stärkung des Selbstvertrauens und des selbstständigen Lernens: „Mit einem besseren Wohlbefinden werden dann auch die Noten besser“.
Positive
Resonanz
Die Resonanz auf das Pilotprojekt ist sowohl bei den Eltern als auch bei den Schülern durch die Bank sehr gut. „Mir gefällt der Unterricht hier viel besser als in meiner früheren Schule“, sagt Veronika. Sie könne durch die neuen Lernmethoden tatsächlich besser lernen und sich Gelerntes leichter merken.
„Ich habe jetzt lauter gute Noten“, freut sich das elfjährige Mädchen. Mittlerweile würde sie sogar ihren Geschwistern und ihren Eltern Tipps geben, wie man besser und effektiver lernen kann: „Meine Mama hat erst kürzlich zu mir gesagt, dass ich jetzt schon viel klüger bin als sie.“
Damit das Pilotprojekt „Aktive 5“ reibungslos funktioniert, ist eine enge Zusammenarbeit der Lehrkräfte unerlässlich. „Am Anfang braucht es dafür schon Überzeugungsarbeit“, erzählt Karin Plöckinger. Ein Aufwand, der lohnt, ist sie überzeugt: „Es fordert, macht aber auch Spaß.“