Alltag kann auch komisch sein

von Redaktion

Autorenporträt Luzi van Gisteren beobachtet genau und nutzt Humor als Stilmittel

Rosenheim – „Schreiben macht mich glücklich“, sagt Luzi van Gisteren, die lediglich ihr Pseudonym in der Zeitung lesen möchte. Ihren ersten Roman, erzählt die heute 46-Jährige, schrieb sie mit 13. „Eine Liebesgeschichte voller Herz und Schmerz, aber gar nicht mal so schlecht.“ Die ersten Versuche liegen sogar weiter zurück: „Da ging ich noch nicht zur Schule, deshalb habe ich die Geschichten meiner Mutter einfach diktiert.“

Schüchtern, aber

viel Fantasie

Auch wenn es nicht alltäglich ist, erklären lässt sich dieses frühe Schreiben-Wollen schon, zumindest wenn man auf „Küchentisch-Psychologie“ vertraut: Wer eine geradezu überbordende Fantasie hat, andererseits aber recht schüchtern ist, wird mit den Geschichten, die er im Innern trägt, eher zurückhaltend umgehen, wird sie nicht jedem erzählen. Weil sie aber irgendein Ventil brauchen, liegt es nahe, sie niederzuschreiben, vor allem wenn man dazu von Büchern besessen ist.

Wie büchervernarrt und wie schüchtern Luzi van Gisteren als Kind war, sieht man, wenn sie einem „Das Vamperl“ zeigt, ein Buch, das sie mit acht Jahren bei einer Lesung von der Autorin Renate Welsch erwarb. Im Buch ist kein Autogramm zu sehen, obwohl Luzi van Gisteren gerne eines gehabt hätte – sie traute sich nicht, darum zu bitten.

Zurückhaltung – oder besser Bescheidenheit – ist auch der Grund, warum van Gisteren, die „nebenher“ im Marketing eines großen Konzerns arbeitet, zwar immer schrieb, aber über Jahrzehnte nur für die Schublade: „Ich traute mich schlicht nicht“, sagt sie, „mich mit irgendeinem Text an einen Verlag zu wenden. Ich hatte zu viel Angst vor der Zurückweisung.“ Was komisch klingt, wenn man ihr heute, bei ihr daheim in Kolbermoor, gegenübersitzt, denn da ist eine auf sympathische Weise selbstbewusste Frau, die ihr schriftstellerisches Können durchaus einzuschätzen weiß.

Dennoch kam die erste Veröffentlichung erst 2014, als sie durch Zufall auf eine Internet-Seite stieß, auf der man seine Texte einstellen konnte. Sie lud „Keimfrei“ hoch, eine humorvolle Putz-Geschichte, die neben vielen anderen in ihren Schubladen schlummerte, und hatte, binnen weniger Wochen, einige Tausend Klicks – also gab es für ihre Art der Fantasie doch ein Publikum.

Die zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass sie zwar von Alltagsbegebenheiten ausgeht, die durchaus sehr genau beobachtet sind, aber dann nicht von ihrer bierernsten Seite behandelt werden. „Wenn man es schafft, aus einer Situation heraus einen Schritt beiseitezutreten, und das Ganze ein bisschen von außen beachtet, „dann kommt unweigerlich das Skurrile und Komische heraus, das in so gut wie jeder Begebenheit mit drinsteckt.“ Diese Gabe, vermeintlich Banales und Alltägliches immer mit einem Augenzwinkern und damit aus einem neuen Blickwinkel heraus darstellen zu können, zeichnet im Grunde alle Bücher aus, die sie bisher veröffentlicht hat. Es sind vier Romane und zwei Novellen.

Was nicht heißen soll, dass sie sich für die Zukunft allein auf Humorvolles festgelegt fühlt. Derzeit arbeitet sie an einer Familiensaga, einem Epochenroman aus ihrer Heimat am Bodensee, der sich von 1870 bis in die Gegenwart ziehen wird und allein schon wegen des historischen Hintergrunds nicht durchweg spaßig werden kann. „Unernste“ Bücher werde es aber parallel dazu immer von ihr geben, sagt sie, weil ihre Figur der „Nonna“ von der es bislang zwei Romane gibt, nicht auserzählt ist.

Es geht dabei um die Italien-Erlebnisse einer italienischen Oma. Diese „Nonna“ lebt mit Sohn, Enkel und Schwiegertochter zwar in Deutschland, wo man eine Pizzeria betreibt, kehrt in den Ferien und zu Festen aber immer wieder „nach Hause“ zurück.

Diese Bücher könnte man am besten als „Humorgeschichten mit Mord“ bezeichnen. Die Morde passieren eher nebenher, was wirklich zählt, ist das Lokalkolorit, sind die kleinen Verschrobenheiten des täglichen Lebens. Wenn man weiß, dass van Gisteren mit einem Italiener verheiratet und in die „grande famiglia“, wie sie sagt, fest eingebunden ist, könnte man viel Autobiografisches vermuten. Doch so sei es nicht, sagt Luzi van Gisteren.

Eingearbeitet sind vor allem die kleinen Erlebnisse, die ihr im normalen Leben begegnen und die sie, wenn sie interessant genug sind, in ihrem Smartphone notiert. Luzi van Gisteren also eine stete Beobachterin? „Auf jeden Fall eine unernste“, sagt sie und lacht, „es gibt doch nichts Schöneres, als andere Leute ungestraft in Schubladen zu stecken.“

Personal mit Eigenleben

Dass dennoch niemand Angst haben muss, sich eins zu eins in einem Roman von Luzi van Gisteren wiederzufinden, liegt am „Personal“ eines Romans. Das nämlich hat ein absolutes Eigenleben. „Natürlich hat man als Autor im Vorhinein eine Vorstellung von dem, was den Figuren als Nächstes passieren wird“, sagt sie. „Aber wie sie damit umgehen, was sie aus der Situation machen, das ergibt sich oft erst beim Schreiben, das kommt aus den Personen selbst heraus.“ Und ist bisweilen völlig überraschend. Etwa wenn Gianni, der Hausmeister der Pizzeria, der Nonna und Enkel Frederice in „Nonnas goldener Hochzeitsfall“ nach Italien begleitet, sich dort eine schwäbische Touristin anlacht, was nicht so geplant war.

Am Anfang eines neuen Buches gibt sich die Autorin deshalb auch nicht viel mit Stilfragen ab, hat zudem den Plot nicht in allen Details festgelegt. Denn, wenn die Geschichte gut läuft, ist sie zumindest über die ersten sechzig Seiten voll damit beschäftigt, ihrem Personal hinterherzuschreiben. Die genaue Ausarbeitung und das stilistische Ausfeilen folgen später. Eine Ausnahme machen nur die allerersten Seiten. „Die müssen für mich von Anfang an hundertprozentig passen, denn wenn die gut sind, können sie auch als Motivation dienen, wenn‘s mal hakt.“

Und dass es hakt, kann vorkommen. „Wenn mich irgendetwas richtig belastet, setze ich mich gar nicht erst an den Schreibtisch“, sagt sie. Ansonsten hält sie viel auf Selbstdisziplin „die braucht es einfach auch beim Schreiben“, liest den bisherigen Text, wird zunehmend besserer Laune und ist schließlich wieder ganz drin in ihrer Geschichte: „Die Figuren nehmen einen bei der Hand und ziehen einen mit hinein.“

Romanpersonal

kann auch stur sein

Womit nicht gesagt ist, dass das Romanpersonal nicht auch stur sein könnte. Im zweiten Roman um Nonna hat diese eine Liebesaffäre und Luzi van Gisteren wollte den Liebhaber eigentlich sterben lassen, um diese Figur nicht für die nächsten Romane mitführen zu müssen. Schließlich hatte sie im ersten Roman auch die Liebschaft Giannis wieder entsorgt „Die war verheiratet und sowieso nicht gut für Gianni.“ Während Gianni es mit sich machen ließ und der Schwäbin Ellie den Laufpass gab, blieb Nonna stur, sagt Luzi van Gisteren. „Ich konnte Ottorino nicht sterben lassen, es ging einfach nicht. Nonna hat es nicht zugelassen.“

Im nächsten Teil der Serie stellen wir Gisela Rieger aus Tuntenhausen vor. Sie schreibt Geschichten zum Nachdenken und die, findet sie, sind nur dann richtig gut, wenn sie kurz und knackig sind. Alle Autoren der Serie leben in Stadt und Landkreis Rosenheim. Gemeinsam ist ihnen die regelmäßige Teilnahme am Autoren-Stammtisch in Rosenheim.

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