Rosenheim – Ein barockes Epitaph vorne rechts im Chor der Pfarrkirche St. Nikolaus fällt durch seine Qualität und reiche Reliefgestalt ins Auge. Geschaffen hat es der Bildhauer Michael Zürn der Jüngere, ein Mitglied der bekannten Bildhauerfamilie, der gegen Ende des 17. Jahrhunderts für wenige Jahre in Rosenheim lebte. Auftraggeber war der kurfürstliche Gerichtsprokurator Thomas Kirchbeck, der als bestellter Testamentsvollstrecker des Ehepaares Scherr am 25. Mai 1693 den Vertrag mit dem Bildhauer schloss.
Zürn setzte in diesem Epitaph alles um, was für einen Menschen des Barock wichtig war. Die Inschrift in der ovalen Kartusche, entworfen von dem Aiblinger Schreiber Johann Christoph Hechenberger, berichtet von den Verstorbenen und ihren frommen Stiftungen, ruft sie ins ewige Gedächtnis und stellt sie als Vorbilder auf dem Weg zum ewigen Heil dar. Die beiden Wappen, gehalten von Putti, zeigen den herausgehobenen Stand der Genannten. Symbolhafte Darstellungen der Vanitas erinnern als „Memento mori“ an die Vergänglichkeit des Lebens. Der Text der Inschrift ist Wolfgang Scherr von Farmach und seiner Fraue Helena gewidmet.
Pressiert hat es offensichtlich nicht mit der Auftragsvergabe, denn die beiden waren da schon um die 20 Jahre verstorben. Wolfgang Scherr, um 1605 in Passau geboren, fand seinen Wirkungskreis in der Herrschaft Hohenaschau, wo er 1630 die gleichaltrige in Rosenheim geborene Helena Ainhofer heiratete und ab 1634 als Gerichtsverwalter und Bannrichter oberster Verwaltungschef von Johann Maximilian I. von Preysing-Hohenaschau (1609-1668, Herrschaft ab 1632) war.
Helena Ainhofer, einziges Kind von Ernest Ainhofer, Propstrichter zu Vogtareuth und Hofrichter zu Rott und seiner aus dem Münchner Patriziat stammenden Frau Margaretha Barth, erbte Schloss Ainhofen bei Kirchdorf am Haunpold. Durch den Kauf der Edelsitze Farmach (heute Farnach) bei Söllhuben 1634 und Mattenhofen bei Glonn 1669, zwei Monate vor seinem Tod, konnte Scherr den Besitz erweitern. So durfte er auf dem Epitaph „Wolfgang Scherr von Farmach, Ainhofen und Mattenhofen“ genannt werden.
Von besonderer künstlerischer Qualität ist das kräftige Relief im oberen Teil des Epitaphs mit Allegorien und Symbolen der Vergänglichkeit. Links erscheint Chronos, der antike Gott der Zeit, mit der Sense. Eine in einem Becken gelöschte Fackel und eine abgebrochene, verlöschende Kerze leiten über zu einem kleinen Genius, der auf einer Muschel schläft. Seinen linken Arm stützt er auf einen Totenschädel und in seiner Rechten hält er eine Sanduhr, Symbol der verrinnenden Zeit. Das zentrale Motiv platzierte Zürn geschickt auf einem Gesims, das der ganzen Szenerie Ordnung und Stabilität gibt. Rechts schneidet die Parze Atropos den auf einer Haspel aufgewickelten Lebensfaden ab, den ihre Schwestern Klotho gesponnen und Lachesis bemessen hatten.
Zürn verwendete für seine Bildhauerarbeit den Tegernseer Marmor, der erst zehn Jahre zuvor im Kreuther Ortsteil Enterbach entdeckt worden war, und den sogleich Kloster Tegernsee für die Ausschmückung von Kloster und Kirche nutzte. Aber auch in München in der Residenz und in Schloss Nymphenburg fand er wegen seiner schönen roten Farbe, seiner lebhaften Maserung und seiner großen Haltbarkeit Verwendung. Der Scherr-Epitaph ist der einzige in der Nikolauskirche aus diesem Knollenflaserkalk und als einziger musste er für die Neugestaltung der Kirche 2006 nicht restauriert und konserviert, sondern nur gereinigt werden.
Scherr lebte zu einer Zeit, die durch die Gegenreformation und den Dreißigjährigen Krieg geprägt ist, und so charakterisiert ihn Peter von Bomhard auch als „pflichtbewussten und von tiefer Frömmigkeit erfüllten Beamtentypus aus der Schule des großen Kurfürsten Maximilian I.“. Von der Frömmigkeit des Ehepaares Scherr berichten die zahlreichen Stiftungen, bevorzugt in der Herrschaft Hohenaschau, für Kirchen, Altäre und Messen. Getreu dem Spruch „Tue Gutes und rede darüber“ verweisen Wappen, Namenskürzel oder Figuren der Namenspatrone Wolfgang und Helena auf die frommen Stifter. Zweimal am Tag ging das kinderlose Ehepaar Scherr aus seinem Wohn- und Dienstsitz, der Rentei in Hohenaschau, in die von ihnen 1647/48 gestiftete Rastkapelle, um hier Andacht abzuhalten. Ob ihre untergebenen Beamten da immer freiwillig mitgingen, muss offen bleiben.
1660 stifteten die Scherrs für die Pfarrkirche St. Nikolaus in Rosenheim, die 1641 beim Stadtbrand abgebrannt war und nach und nach eine neue Ausstattung erhielt, einen neuen Johannesaltar und bedachten ihn in ihren Testamenten mit reichen Messbenefizien. Für den barocken Menschen waren fromme Stiftungen förderlich, um schneller aus dem Fegefeuer erlöst zu werden und das ewige Seelenheil zu erlangen.
Beliebt bei den Untertanen der Preysingischen Herrschaft Hohenaschau war Wolfgang Scherr nicht und es gab wiederholt Beschwerden, da er mehr Arbeitsleistungen forderte als üblich. 1668 schließlich erreichten die Aschauer vor dem kurfürstlichen Hofgericht in Burghausen einen Vergleich und die Absetzung ihres verhassten Gerichtsverwalters und Bannrichters. Zu Beginn des Jahres 1668 war Johann Maximilian I. von Preysing-Hohenaschau, dem Scherr mehr als drei Jahrzehnte treu gedient hatte, gestorben. Nun trat Johann Maximilian II. Franz Graf von Preysing-Hohenaschau (1643-1718) die Herrschaft an und mit ihm ein neuer Oberverwalter. Scherrs Zeit war vorbei.
Die Scherrs zogen nach Rosenheim, wo Wolfgang Scherr am 23. Juni 1669 verstarb und seine Frau Helena ihm am 28. November 1674 folgte. Die Scherr-Gruft bei St. Nikolaus ist schon lange vergangen. Die beiden Edelsitze Farmach und Ainhofen verkauften die Erben an Max. II. Graf von Preysing (1674 bzw. 1683), der Ainhofen in Maxhofen umbenannte. Mattenhofen erwarb 1681 Johann Baptist Freiherr von Leiden aus dem Scherr’schen Benefizium, dem er zugeschlagen worden war.