Aufregung um Frühchenstation

von Redaktion

Chefarzt hat Sorge vor Schließung – Klinikleitung widerspricht

Rosenheim – Sehr viel Aufmerksamkeit erhalten hat die Berichterstattung der OVB Heimatzeitungen zur Frühchenstation im Perinatalzentrum Rosenheim. Im Mittelpunkt steht die Frage nach einer drohenden Schließung zum Jahresende. Über diese Gefahr hatten die OVB Heimatzeitungen berichtet – und sich dabei auf einen öffentlichen Hinweis des CSU-Stadtrates Florian Ludwig gestützt sowie auf Aussagen von Dr. Torsten Uhlig, dem Chefarzt an der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin im Romed-Klinikum. Das Klinikum weist ein solches Szenario zurück: Geschäftsführer Dr.Jens Deerberg-Wittram sprach in der jüngsten Stadtratssitzung von einer „Falschmeldung“ des OVB und von „Falschaussagen“. Er sagt: „Eine Schließung stand nie zur Diskussion.“ Eine Einordnung.

Ist die Frühchenstation

in Gefahr oder nicht?

Bis zu einer Schließung ist es ein langer Weg. Doch ganz unmöglich ist sie nicht. Eine solche Aussage darüber hängt zunächst davon ab, ob Kliniken und Perinatalzentren bundesweit die Vorgabe des „Gemeinsamen Bundesausschusses aus Ärzten und Krankenkassen“ (GBA) erfüllen, der einen Pflegeschlüssel von eins zu eins für jedes Frühchen unter 1500 Gramm fordert. Diese gilt auch für das Perinatalzentrum (PNZ) in Rosenheim unter dem Dach des Romed-Klinikums. Gelingt es nicht, diesen Pflegeschlüssel zu erfüllen, muss entsprechend die Zahl der kleinen Patienten gesenkt werden. Dazu teilt der Spitzenverband „Bund der Krankenkassen“ (GKV) mit: Wenn die personellen Mindestanforderungen nicht eingehalten werden, würde sich die Anzahl der Kinder, die betreut werden können, an die GBA-Richtlinie „anpassen müssen“. Es würden „gegebenenfalls Betten abgebaut, aber nicht eine gesamte Station geschlossen werden müssen“. Der Geschäftsführer des Romed-Klinikums teilt in einer Pressemeldung mit: „Sollten nicht ausreichend Intensivpflegekräfte für die 1:1-Betreuung anwesend sein.., dann wird natürlich nur das Bett gesperrt, das ‚unversorgt‘ ist.“

Doch was ist, wenn in der Folge eines Bettenabbaus die Rentabilität einer Frühchenstation geprüft wird? Dann kann die Annahme von Frühchen, etwa aus München, helfen, aber es kann auch finanziell schwierig werden. Denn jedes Frühchen bringt einer Klinik wichtige Einnahmen. Der Geschäftsführer des Romed-Klinikums teilt in einer Pressemeldung mit: Die Versorgung der Frühchen sei „Kern“ des „Versorgungsauftrages für die Bevölkerung der Region“. Er werde „unabhängig von Fragen der Wirtschaftlichkeit auf höchstem Niveau sichergestellt“.

Warum fordert GBA eine

Eins-zu-Eins-Versorgung?

In der Richtlinie für „neue Standards in der Frühchen-Pflege“ fordert der GBA: Für jedes Kind, das bei seiner Geburt unter 1500 Gramm wiegt, muss die Station „jederzeit“ eine pädiatrische Intensivpflegekraft nachweisen. Pro Schicht darf sich also eine Pflegekraft ausschließlich um ein einziges Kind kümmern. Zum Hintergrund dieser Vorgabe teilt der GBA mit: Die Entscheidung habe als Ausgangspunkt unter anderem „die im Jahr 2007 formulierte Empfehlung der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention am Robert-Koch-Institut“. Zusammengefasst heißt es dort, es sei wissenschaftlich gesichert, dass zu wenig und zu wenig eingearbeitetes Personal für die Frühchen unter 1500 Gramm das Risiko bestimmter Infektionen erhöht. Der Geschäftsführer des Romed-Klinikums teilt in einer Pressemeldung mit: „Die Vorgaben des GBA der 1:1-Betreuung von Frühchen durch neonatologische Intensivpflegekräfte sind der Versuch, die Versorgungsqualität deutschlandweit zu standardisieren. Es gibt aber keine wissenschaftlichen Daten, die beweisen, dass eine 1:1-Betreuung dieser Art tatsächlich weitere Qualitätsverbesserungen erzeugt.“

Warum ist es so schwer,

die Vorgabe zu erfüllen?

Der Arbeitsmarkt für Pflegekräfte ist leer gefegt. Hochqualifiziertes Personal ist kaum zu finden. Darauf hatte auch der zuständige Chefarzt hingewiesen und davon berichtet, dass selbst über Headhunter keine Fachkräfte gefunden werden konnten. Der Geschäftsführer des Romed-Klinikums teilt in einer Pressemeldung mit: „Deshalb haben die Romed-Kliniken ihre eigene Kinderkrankenpflegeschule gegründet. Schon lange besteht die Möglichkeit für unsere Kinderintensivpflegekräfte, am Haus die Weiterbildung ,pädiatrische Intensivpflege‘ zu erwerben. Damit erfüllen wir die vom GBA vorgegebene Quote an entsprechend qualifizierten Pflegekräften in diesem Bereich um fast das Doppelte.“

Kann der GBA eine

Frühchenstation schließen?

Der GBA hat zur Erfüllung des Pflegeschlüssels eine Frist bis zum 31. Dezember gesetzt, kann sie aber rechtlich nicht einfordern und nicht darüber entscheiden, ob eine Frühchenstation geschlossen werden muss. Er kann lediglich erneut dazu auffordern, die Vorgabe zu erfüllen. In der Vergangenheit hat der GBA die Frist mehrfach und zuletzt im Jahr 2017 verlängert, weil 84 Prozent der PNZ in Deutschland die Vorgabe nicht erfüllen konnten. Ob der GBA auch diesmal eine Verlängerung gewährt, ist offen: Der GBA teilt mit: „Zurzeit berät der GBA … über den Umsetzungsstand der Richtlinie in der Praxis und über möglicherweise zu ergreifende Maßnahmen.“ Der Geschäftsführer des Romed-Klinikums teilt in einer Pressemeldung mit: „… wird der GBA – wie in der Vergangenheit auch – seine Forderung wieder zeitlich befristet aussetzen.“

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