Rosenheim – Die Innenstadt lebendig gestalten: das ist Ziel des Rosenheimer CityManagements. Ein Verein, dem 260 Mitglieder angehören, und der in diesem Jahr sein 20-jähriges Bestehen feiert. Zwei Jahrzehnte sind eine lange Zeit. Die Stadt hat sich verändert. Welche Aufgaben heute im Vordergrund stehen und warum ein altes Sprichwort noch immer Gültigkeit hat, darüber sprechen Gründungsmitglied Diethard Schinzel (77) und der Vorsitzende des City-Managements, Paul Adlmaier (55). Beide sind, wie Alfons Döser und Reinhard Nasswetter, Pioniere des Vereins.
Mit welchem Blick gehen Sie beide selbst durch die Rosenheimer Innenstadt?
Diethard Schinzel: Ich bin ja der Senior von uns beiden. Ich habe viele Erinnerungen und ich sehe, dass sich die Stadt entwickelt hat. Ich mag den Blick von der Heilig-Geist-Straße zur Nikolauskirche. Von dort kann man von einer bestimmten Stelle aus die Berge sehen. Wunderschön. Was mir nicht so gefällt, ist, dass die Arkaden oft so vollgestellt sind.
Paul Adlmaier: Ich gehe mit offenen Augen durch Rosenheim. Das ist kein unangenehmes Gefühl, besonders, wenn in der Früh die Stadt langsam erwacht. Dann denke ich gerne daran, dass der Lebensraum „City“ die Menschen nun schon seit 2000 bis 3000 Jahren prägt. Ich denke, die Rosenheimer Innenstadt hat wirklich Zukunft.
Dabei hat man den Eindruck, dass derzeit der Leerstand in den Geschäften zunimmt.
Adlmaier: Handel ist Wandel. Das ist ein uraltes Sprichwort, das nach wie vor Gültigkeit hat. Im Handel gibt es alle zehn bis 20 Jahre Wellenbewegungen. Heute geht die Filialisierung zurück. Die Menschen wollen lieber wieder beim Spezialisten einkaufen. Und für die Händler reicht es sicher nicht mehr, nur einfach die Ware rauszuhängen und das Licht anzumachen. Eine Marktanpassung ist notwendig. Wir haben viel zu viel Fläche und Ware auf dem deutschen Markt.
Dann ist nicht der Online-Handel allein schuld, wenn der Einzelhandel zu kämpfen hat?
Es war und ist nicht das alleinige Problem. Schauen Sie sich K+L Ruppert an: Das ist eine riesige Verkaufsfläche. Es kann gut sein, dass der Nachfolger nur noch das Untergeschoss und das Erdgeschoss mietet. Oder Zara, das im Gespräch war: Solche Konzerne schließen im Moment lediglich Mietverträge über drei bis fünf Jahre. Das ist schwierig für die Immobilien-Eigentümer. Was den Rosenheimer Leerstand betrifft, da müssen vor allem die Immobilienbesitzer umdenken, damit ihre Immobilien langfristig ihren Wert erhalten.
Was ist zu tun?
Adlmaier: Wir müssen den Strukturwandel gestalten. Das bedeutet, dass wir die bestehende Struktur der Stadt erhalten und sie verbessern müssen. Dazu gehören nicht nur der Einzelhandel oder Straßenfeste. Dazu gehören insbesondere der Lokschuppen und das Kuko. Das sind Leuchtturmprojekte, die Menschen in die Stadt holen. Diese Besucher von auswärts an die Stadt zu binden, sie dazu zu animieren, wiederzukommen und hier einzukaufen, das ist wichtig.
Schinzel: Ich finde, Lokschuppen und Kuko tragen deutlich zum Ansehen der Stadt bei. Die Qualität der kulturellen Veranstaltungen steigt.
Wenn man die Stadt attraktiv halten will, warum haben dann sonntags viele Cafés in der Innenstadt geschlossen?
Adlmaier: Wenn Sie an Sonntagen am Max-Josefs-Platz unterwegs sind, dann sehen Sie, dass es dort nicht viele Kunden gibt. Das ist nicht rentabel. Wir sind froh, dass die Bäckerei Miedl am Busbahnhof aufsperrt, mittags dann das Café Bergmeister. Früher stand es sehr viel schlechter um die Gastronomie am Max-Josefs-Platz. Und wenn ich höre, dass am Sonntagabend die Innenstadt leer sei … zeigen Sie mir eine Fußgängerzone, die das zu dieser Zeit nicht ist. Nichtsdestotrotz ist auch das eine Frage des gemeinsamen Gestaltens.
Schinzel: Das ist genau die Idee gewesen, damals vor 20 Jahren. Wir wollten mehr Miteinander, mehr Struktur, mehr Professionalität. Ich war damals Stadtdirektor, zu meinen Aufgaben gehörte auch die Wirtschaftsförderung. Mein Vorbild war Ingolstadt. Dort gab es bereits ein City-Management. Ich hielt das für ein sinnvolles Konzept.
„City“, welcher Bereich ist damit eigentlich gemeint?
Adlmaier: Wir unterscheiden hierbei zwischen der City, dazu gehört der Bereich vom Bahnhof über die Kufsteiner Straße bis hin zum Eisstadion. Und natürlich dem ganzen Innenstadtbereich, inklusive der Loretowiese und der gesamten Innenstadt. Hierzu gehören auch der Aicherpark, Weko, das Gebiet um die Panoramakreuzung mit Real und Mömax sowie einige mehr. Wir haben zum Teil die gleichen Sorgen und Nöte. Darum treffen wir uns regelmäßig und tauschen uns aus.
Um welche Themen geht es dabei?
Die Themen sind vielfältig und wir vom City-Management sind anpassungsfähig. Wir können schnell reagieren. Derzeit geht es zum Beispiel um die großen Straßenbaumaßnahmen in der Stadt, etwa in der Prinzregentenstraße. Wir arbeiten eng mit Vertretern der Stadt zusammen, um beispielsweise zu klären, wie die Anlieferung für die Geschäfte während der Bauphase funktionieren kann. Es geht aber auch darum, neue Veranstaltungsformate zu finden. Einfach mal was Neues auszuprobieren. Dabei liegt unser Augenmerk insbesondere auf einer regionalen Zusammenarbeit. Sehr schön gelungen ist das beim Streetfood-Markt in der Innenstadt.
Sie haben von Wellenbewegungen gesprochen, die der Handel alle zehn bis 20 Jahre erlebt. In zehn Jahren gehen die ersten Babyboomer in Ruhestand. Es wird immer mehr Senioren geben. Wie reagiert das City-Management auf diese Entwicklung?
Adlmaier: Das ist ein großes Thema für uns. Die Frage ist, wie passe ich die City dem Alltag der Menschen an. Der Handel folgt seinen Kunden. Und das wird er auch tun müssen. Eine wichtige Aufgabe ist in diesem Zusammenhang die Pflasterung am Max-Josefs-Platz. Die Menschen werden diesen Platz nicht mehr besuchen, wenn er für sie, aufgrund der Pflasterung, mit einem Unsicherheitsgefühl verbunden ist. Auch wenn so ein Gefühl eher im Unterbewusstsein entsteht – wir müssen es ernst nehmen. Überhaupt werden Sicherheit und Sauberkeit eine noch größere Rolle spielen. Sie stehen doch für Lebensqualität. Auch hier ist die Stadt ein wichtiger Partner.
Was wünschen Sie beide sich für Rosenheim?
Schinzel: Ich finde, Rosenheim bräuchte ein echtes Alleinstellungsmerkmal. Die „Rosenheim Cops“ etwa. Damit müsste man mehr arbeiten. In den Folgen der Serie sind tolle Aufnahmen aus der Stadt zu sehen. Man sollte deutlicher herausstreichen, dass Rosenheim die Stadt der „Rosenheim Cops“ ist.
Adlmaier: Dass die Stadt auch zukünftig eine so positive Weiterentwicklung macht wie in der Vergangenheit. Dazu wird die Vernetzung zwischen Bürgern, Gewerbetreibenden und Dienstleistern sowie den Hausbesitzern und der Verwaltung der Stadt immer weiter an Bedeutung gewinnen. Rosenheim ist auf dem besten Weg. Die Stadt muss ein besonderer, wunderbarer Ort der Begegnung sein.
Interview: Ilsabe Weinfurtner