Rosenheim – „Facelifting ist keine Erfindung des 21. Jahrhunderts. Das gab es auch schon zu Zeiten der Neugotik“, sagt Pfarrer Andreas Maria Zach mit Blick auf die Kreuzweg-Bilder in St. Nikolaus, die aus dieser Zeit stammen. Zum dritten Mal wird während der Fastenzeit ein Kontrast zu den stark idealisierten Gemälden gesetzt – in diesem Jahr mit einer expressionistischen Holzschnittfolge des Münchner Künstlers Peter Gitzinger, die früher schon einmal in der Rosenheimer Kirche gehangen ist.
Schöne Menschen
voll Gelassenheit
Kreuzwege haben eine lange Tradition. Seit dem Mittelalter sollen sie das Leiden Christi von der Verurteilung bis zur Grablegung in den üblich gewordenen 14 Stationen anschaulich machen. Bei vielen Darstellungen ist aber das Gegenteil der Fall. Meist sind zeitlos schöne Menschen abgebildet, die selbst in ihrem größten Schmerz noch Würde und Gelassenheit ausstrahlen. „Die Realität wäre in so einer Situation eine ganz andere“, sagt Pfarrer Andreas Maria Zach.
Der neugotische Kreuzweg in der Pfarrkirche St. Nikolaus in Rosenheim macht da keine Ausnahme. Erschaffen wurde der süßlich historisierende Kreuzweg im Jahr 1863 von Lorenz Grabichler. Im Zuge der Purifizierung der Rosenheimer Pfarrkirche wanderten die 14 Holzschnitte im Jahr 1964 ins Depot. Als Ersatz kam der Kreuzweg des expressionistischen Künstlers Peter Gitzinger. Die klare, harte Bildsprache der Holzschnitte, die der Künstler 1933 ganz unter dem Eindruck der NS-Machtübernahme gestaltet hatte, schien damals gut in die sachlich gehaltene Nikolauskirche zu passen.
1978 wandelte sich der Geschmack abermals. Anlässlich einer Innenrenovierung wurde Kritik laut. Ein Experte des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege empfahl, „durch Hängung des neugotischen Kreuzweges und Aufstellung der Apostelfiguren dem Kirchenraum ein Rudiment seiner ursprünglichen Bildfülle zurückzugeben“. Die Apostelfiguren kamen zwar nicht, aber der Gitzinger-Kreuzweg musste tatsächlich weg. Dafür kam der neugotische Kreuzweg von Lorenz Grabichler zurück. Die Holzschnitte wanderten danach in Privatbesitz und verschwanden damit für viele Jahre aus der Öffentlichkeit, bis sie die Kunsthistorikerin Dr. Evelyn Frick im vergangenen Jahr zufällig bei der Sichtung von alten Bildern in einem Rosenheimer Privathaushalt entdeckte. „Ich wusste erst gar nicht, womit ich es da genau zu tun habe. Bei meinen Recherchen fand ich heraus, dass dieser Kreuzweg früher einmal für 15 Jahre in der St. Nikolauskirche hing.“
Besucher kann
selbst vergleichen
Der Besitzer stimmte zu, dass die Holzschnitte für die Dauer der Fastenzeit an ihren ursprünglichen Platz zurückkehren dürfen. Nach den Werken des Wasserburger Künstlers Rainer Devens im Jahr 2017 und Beton-Skulpturen von Monika Stein aus Unterwössen im Jahr 2018 sollen sie nun bis Ostern Gläubige zum Innehalten und Nachdenken anregen. Ausstellungskonzept und Texte stammen von Dr. Evelyn Frick. Die Wechselrahmen stellt die Städtische Galerie Rosenheim zur Verfügung.
Die Holzschnitte hängen direkt unter den neugotischen Gemälden. Eine bewusste Wahl, damit in der Folge die Besucher Station für Station die unterschiedliche Darstellungsweise im direkten Kontext betrachten und auf sich wirken lassen können.