Rosenheim – „Ich schreibe gern draußen, in der Natur“ sagt Gisela Rieger und wie sie so dasitzt, in ihrem roten Kleid und mit den schwarzen lockigen Haaren, sieht man sie sofort inmitten einer Blumenwiese: Block, Bleistift, breiter Strohhut und umflattert von einem Schmetterling. In der Tat die ideale Umgebung, um die kleinen Texte entstehen zu lassen, aus denen ihre Bücher werden, jedes ein kleines Kunstwerk, mit viel Liebe gestaltet, freundlich und hell.
Dass erste Eindrücke einen aber auf gewaltig falsche Fährten locken können, merkt man, wenn sie ihren Computerarbeitsplatz zeigt. Da sind die Geschichten des neuen Buches eingehängt in ein verzweigtes Strukturbild, das zu jedem Text die Inspirationsquelle, den Arbeitsfortschritt und ergänzende Informationen sowie Querverweise aufzeigt – für Uneingeweihte auf den ersten Blick so verwirrend wie ein elektrischer Schaltplan.
Jedes Buch wird
vorab benotet
Und zu diesem Bild passt es hervorragend, wenn sie von den Testlesern ihrer Bücher spricht. Das sind nicht irgendwelche, es ist eine Gruppe von mindestens zehn, die so ausgewählt sind, dass nicht nur Männer und Frauen dabei sind, sondern auch verschiedene Alters- und vor allem auch Berufsgruppen. Und das, was diese abgeben, darf kein wolkiger Allgemeinplatz sein im Sinne von „Hat mir gut gefallen“ oder „Ist schöner noch als die letzte Geschichte, die Du mir gegeben hast“. Sondern es sind harte Noten, von eins bis sechs. „Und nur wenn eine Geschichte auf einen Schnitt unter 2,5 kommt, hat sie Chancen, es ins Buch zu schaffen“ sagt Rieger.
Wenn die heute 50-Jährige von ihrer Kindheit erzählt, waren schon damals zwei Verhaltensmuster angelegt, die nicht oft zusammenfinden. Da ist zum einen das kleine Mädchen, das früh lernt, in einer Familie mit fünf älteren Brüdern seinen Platz zu behaupten, indem es sich einfach wie der sechste Bruder benimmt. Pragmatisch, rational, zupackend. Das sich aber andererseits sehr wohl Freiräume bewahrt, wenn es sich mit seiner Mutter zurückzieht, um sich von ihr ein bisschen verhätscheln, sich vor allem aber Geschichten erzählen zu lassen.
Als sie selbst zwei Töchter, Katharina und Franziska, bekam, hat sie auch denen Geschichten erzählt. Nicht nur die, die sie von ihrer Mutter kannte, „ich fing an, ganz bewusst Geschichten zu sammeln, die ich irgendwann würde verwenden können und schließlich auch, selber welche zu erfinden“. Es sollten Geschichten sein, die den beiden in ihrer jeweiligen Situation weiterhelfen würden. „Wenn zum Beispiel eine von den beiden Knatsch mit einer Freundin hatte, dann erzählte ich eine Geschichte, in der es einer Prinzessin ebenso erging.“ Das seien, so sagt sie, aber dann keine Geschichten mit nur schlecht verstecktem erhobenem Zeigefinger gewesen, „denn so etwas mag ich gar nicht“. Ihre Geschichten sollten den Kindern zeigen: „Du bist nicht allein mit Deinem Problem, und manchmal gibt es dafür unverhoffte Lösungen.“
Dass Gisela Rieger auch heute noch Geschichten erzählt, obwohl ihre Töchter längst aus dem Haus sind, hängt sicher auch mit ihrem Beruf zusammen. Sie arbeitet auf einem Feld, das man mit den Begriffen Coaching und Firmentraining umschreiben könnte, wenn auch gewissermaßen als Spätberufene.
Neuanfang
nach 20 Jahren
Zwanzig Jahre hatte sie in der Firma von einem ihrer Brüder mitgearbeitet, bis sie fand, es sei Zeit, etwas Neues anzugehen. Eine Aufgabe sollte es sein, bei der sie ihre Anlagen und Fähigkeiten, vor allem aber ihr Interesse an ihren Mitmenschen voll ausspielen könnte. Diese Möglichkeit fand sie in einem Berufszweig, in dem es darum geht, anderen Hilfe zur Selbsthilfe zu geben.
Und auch hier wieder sind Geschichten, so findet sie, ein ideales Instrument. Natürlich könnte man einfach sagen, „In Deiner Situation musst Du Dich so oder so verhalten“ und das auch logisch begründen. Aber das, meint sie, wäre nur ein Rat von außen und bliebe deshalb an der Oberfläche. „Geschichten dagegen nehmen den, der sie hört, von Anfang an mit ins Boot.“ Derjenige, der die Geschichte lese oder höre, sei durch die Bilder, die er dazu unweigerlich entwickle, an ihrem Entstehen mindestens ebenso beteiligt, wie der Schreiber oder Erzähler: „Es ist immer auch seine Geschichte und das Fazit daraus sein ureigenes.“
Verständlich, dass jemand, der mit seinen erzählten Geschichten Erfolg und einen gehörigen Schuss „Geht nicht gibt’s nicht“ im Blut hat, irgendwann darauf kommt, dass er Geschichten auch für ein breiteres Publikum schreiben könnte. „Wenn man nur ein bisschen aufpasst“, meint Gisela Rieger, „steckt in fast jeder Alltagsbegebenheit eine kleine Botschaft. Ich versuche nichts anderes, als diese kleinen Wahrheiten in Geschichten zu verpacken.“
Wobei sich herausstellte, dass das schwieriger war, als gedacht. „Ich bin es gewohnt, meine Geschichten zu erzählen. Da hab‘ ich meine Zuhörer unmittelbar vor mir, da seh‘ ich, ob sie mitgehen.“ Bei Lesern müsse sie dagegen von vornherein sicherstellen, dass diese auch wirklich in die Geschichte finden könnten. Für Gisela Rieger liegt die Lösung des Problems in der Kürze der Texte. „Sie dürfen nur sehr sparsam ausgeschmückt sein, denn je weniger sie der Fantasie des Lesers vorgeben, desto mehr hat er die Chance, die Geschichte zu seiner eigenen zu machen.“
Textarbeit ist
Schwerstarbeit
Und obwohl sie ein Mensch sei, der durchaus zum Punkt kommen könne, mache ihr das Kürzen der Geschichten auch nach sechs Büchern jede Menge Mühe. Es ist wahrscheinlich wie bei einem Bildhauer, der ein Löwenstandbild herstellen möchte: Es braucht jede Menge schweißtreibender Arbeit, um alles überflüssige Material wegzuschlagen, bis am Ende der reine Löwe übrig bleibt. Gisela Rieger macht aus, dass sie Hammer und Meißel effektiv und rational einsetzt, mit Hartnäckigkeit und ohne falsche Sentimentalität drauf los schlägt – der Löwe aber am Ende dennoch eine kleine Blume im Maul trägt.
Im nächsten Teil der Serie stellen wir Miriam Geimer vor. Sie hat einen Entwicklungsroman geschrieben. Alle Autoren der Serie leben in Stadt und Landkreis Rosenheim. Gemeinsam ist ihnen die regelmäßige Teilnahme am Autoren-Stammtisch in Rosenheim.